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--- Ein Friedhof in Berlin

ArnoAbendschoen - 13.07.2011 um 14:23 Uhr

Wenn ich es hier auf dem Land nicht mehr aushalte, reise ich nach Berlin. Und was treibe ich da - nach dem Frühstück fahre ich aufs Land. Brandenburg kann so schön sein. Auf der Rückfahrt denke ich an Erich Kästner, der in der Einleitung zu einem seiner Jugendbücher schildert, wie er gern durch wildfremde Berliner Stadtviertel spaziert, bis er sich genügend elend fühlt und schnell mit der Straßenbahn zum Kaffeetrinken nach Hause fährt. Ich trinke oft bei einem Bäcker im Gesundbrunnen-Center Kaffee. Danach bleiben mir vor dem Abendessen noch zwei, drei Stunden, um à la Kästner fremde Stadtgegenden zu durchstreifen.

Goethe sagte bekanntlich: Frankfurt steckt voller Merkwürdigkeiten. Der Wedding auch (sage ich). Nun sitze ich in der Straßenbahn M 13, der Berliner Verdrusslinie oder Todestram. Sie ist Mitte der Neunziger vom Osten her einige Kilometer ins frühere West-Berlin verlängert worden, als Extratrasse mitten auf einer sehr breiten Ringstraße, die erst Osloer, dann Seestraße heißt. Sie ist gegen Unvorsichtige bestens mit Gittern bewehrt, trotzdem passiert es gerade hier immer wieder, keiner weiß warum: Die Bahn fährt heran, und die Unseligen stürzen vor sie und fahren dahin …

Die M 13 endet am Rudolf-Virchow-Klinikum, heute eine Filiale der altehrwürdigen Charité. Gegenüber liegt, eine etwas pikante Nachbarschaft, ein großer alter Friedhof. Genau genommen sind es deren drei: St Paul-Kirchhof I, Nazareth-Kirchhof I, St. Johannis-Kirchhof II. www.berlingeschichte.de weiß dazu Folgendes: „Die Friedhöfe der drei evangelischen Gemeinden wurden zwischen 1865 und 1888 angelegt und sind durch die durchgehenden Längsachsen als Ganzes – insgesamt 98 803 qm – gestaltet. Sie stehen unter gemeinsamer Verwaltung, und alle drei Gemeinden nutzen eine Kapelle, die 1953/54 von Fritz Berndt auf den Fundamenten einer älteren errichtet wurde. Die Wandgrabmale der drei Friedhöfe sind denkmalgeschützt.“

Dort an der Friedhofsmauer haben sich früher die Honoratioren nebst Anhang begraben lassen, noch im Tod Abstand zum gemeinen Volk haltend. Man wusste, was man sich schuldig war. Es sind meist neobarocke Grabdenkmäler, eher groß als schön zu nennen, groß im Sinn von hoch und breit. An Material wurde nicht gespart – auch nicht an erhebenden Sprüchen. Ein Gewitter liegt in der Luft, ich will nicht mehr viel auf- und abgehen. Ich verweile vor den Prunkgräbern und studiere die eingemeißelten Texte. Da gab es Standardformulierungen, die sich mir rasch einprägen. Die am meisten verwendete lautet: „innig geliebt und herzensgut“. Fast ein jeder wurde damals, in der guten alten Zeit, innig geliebt und, wenn alles vorbei war, auch für herzensgut befunden. Immerhin, einigen wenigen Verblichenen wurde nur das Attribut „gut“ zuerkannt, als wäre es ein Pejorativum, gewissermaßen eine hüstelnde Kritik der Hinterbliebenen.

Oft weht einen der Geist des Wilhelminismus an, er drückt sich nicht nur in der üppigen Bildhauerei aus, er tut es auch in der Sprache, die die Zeiten auf Stein überdauert hat. Man bediente sich gerne großtönender Zitate und Vergleiche. Dabei kam es weniger auf das wirklich Treffende als auf die enorme Wirkung an sich an, das Bombastische eben. Und beim Griff in den Zitaten- und Sprüchetopf unterlief mitunter der eine oder andere Fehler. Vielleicht war der Auftraggeber infolge des Trauerfalls ein wenig durcheinander, und dem Steinmetz war`s egal … So findet sich manch Unpassendes. Einer starb mit zweiundachtzig, und sie riefen ihm in die Ewigkeit nach: „Du warst so gut, du starbst zu früh“ – und für ein Gemeinschaftskindergrab wählten sie eine beliebte Stelle aus der Offenbarung Johannis, in der vom „Ausruhen“ nach vollbrachten „Werken“ die Rede ist. Die zwei hier Bestatteten waren nur ein bzw. vier Jahre alt geworden!

In einem Fall geht der materialistische Geist jener Zeit eine besonders aufschlussreiche Verbindung mit dem Wunsch nach Unsterblichkeit ein. Da wird dem teuren Hingeschiedenen ein Wiedersehen dermaleinst mit den annoch trauernden Hinterbliebenen zugesichert, oder vielmehr: Sie versichern es sich selbst und kennen den Ort dieser Wiedervereinigung schon ziemlich genau. Es ist, behaupten sie, eine der fernen Milchstraßen, ein Jenseits „hinter Millionen Sternen“. Die Auferstehung von den Toten findet weiterhin statt, aber aus Rücksicht auf die moderne Wissenschaft wird sie an einen Ort verlegt, den diese nicht erreichen kann - noch nicht. Das ist der Geist des faulen Kompromisses. Ich sehe noch mal auf: Wo bleibt das Donnerwetter? Es bleibt aus, das Gewitter ist ohne Entladung weitergezogen. Und ich Spätgeborener verlasse jetzt den Friedhof und gehe essen.




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