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-- Aesthetik
--- Hans Baluschek im Bröhan-Museum Berlin

ArnoAbendschoen - 06.01.2012 um 23:28 Uhr

Dem Maler Hans Baluschek (1870 – 1935) ist noch bis zum 15. April 2012 eine Ausstellung im Bröhan-Museum - nahe beim Charlottenburger Schloss - gewidmet. Baluschek war von den späten 1890er Jahren an ein recht erfolgreicher realistischer Maler, auch ein Buch- und Zeitschriftenillustrator. Liebermann schätzte ihn und lud ihn zum Beitritt in die Berliner Secession ein. 1933 bedeutete das abrupte Ende seines öffentlichen Wirkens: Er war den Nazis als Sozialdemokrat wie als Künstler verhasst. Was hat er denn nun gemalt?

Baluschek war vor allem der Maler der armen Leute des Berliner Nordens und Ostens, jener Massen, die bis zum März 1933 (einschließlich) ganz überwiegend nicht für Hitler stimmten. Und Baluschek schilderte sie und ihre Lebensumstände, nicht unparteiisch zwar, dennoch auf hohem künstlerischem Niveau. Er malte sie bei der Arbeit, auf dem Weg in die Werke oder wieder heim, ihre Frauen, wenn sie ihnen mittags Essen brachten – und dann porträtierte er sie in der Freizeit, nach Feierabend, am Sonntag, auf dem Rummelplatz oder bei Beerdigungen. Baluschek ist der Maler der Berliner Vorstadtlandschaft und er ist der Eisenbahnmaler. Die Sujets sind vielfältig, erstrecken sich auch auf die Kleinbürger und die Vagabunden und die Tingeltangeltänzerin. Seine Kunst hat etwas speziell Geheimnisvolles, und das ist die Spannung zwischen Typisierung und Individualisierung auf den Menschenbildern. Seine Massen sind einerseits grau und wenn die Dargestellten dennoch differenziert wirken, so verdanken sie das wiederum den Schablonen und Versatzstücken der modischen Warenwelt oder konfektionierter Gefühle: Hüte, Rocklängen, Frisuren, Körperhaltungen, Sorgenmienen, alles so tausendmal gesehen und bei ihm in unendlicher Reihung immer neu kombiniert, so dass es alles andere als langweilt – andererseits dann wieder höchst individuelle Lippenpaare, Augenbrauen, Halspartien. Das kann sehr spannend sein: zu untersuchen, wo der Mensch bei Baluschek noch einer im Naturzustand oder schon Massenmensch ist.

Seine Bilder kommen einfach daher und weiten dann aufgrund unerwarteter Einzelheiten den Blick des Betrachters. Da gibt es die Darstellung einer Walzstraße in einem Duisburger Werk und über dem flüssigen Eisen auf einer Arbeitsbühne zwei den Prozess steuernde Männer, winzige Gestalten nur, doch glutrot von unten angestrahlt und erleuchtet, mythische Zwerge, die riesenhafte Schatten auf die Wand dahinter projizieren – um dieses tiefgründige, mehrfach deutbare Detail so schaffen zu können, musste der Maler erst genau hingesehen und dann das Gesehene durchdacht und treffend interpretiert haben. Bei Baluschek gibt es viele solcher Entdeckungen zu machen. Er selbst ist eine für uns.

Hinterher kann man noch durch die ständige Ausstellung gehen und sich vornehmen, vielleicht wiederzukommen, um die Möbel, die Gläser, die anderen Bilder und das Porzellan genauer anzusehen. (Das Bröhan-Museum ist das Berliner Landesmuseum für Jugendstil, Art Déco und Funktionalismus.)




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