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-- Prosa
--- Ostern - Die Vorzeichen mehren sich

ArnoAbendschoen - 05.04.2012 um 11:22 Uhr

Die Vorzeichen mehrten sich – und wuchsen dabei ins Riesenhafte. Auf dem Flachdach des Vorstadtkaufhauses saß ein gigantischer Schokoladenosterhase, der mit dem Goldpapier, alle Proportionen etwa 1:1000, und wie beim echten ein Band um den Hals, daran ein Monsterglöckchen, das im kalten Märzwind schaukelte.

Und dann die Frühlingsdekoration im Parterre des Einkaufszentrums. Wo zuletzt noch die Lederjacken aus dem Obergeschoss zu Aktionspreisen verramscht wurden, ist nun ein lenzlicher Garten angelegt, so bunt und üppig, dass Natur neidvoll erblassen müsste, gäbe es hier eine. Wer zählt die Blumenarten, die Farben, die Variationen … In den Beeten drangvolle Enge. Sind diese Blumen überhaupt echt? Man kann sich das Befühlen sparen, an den Blütenrändern deutet sich Tod durch Verdursten schon leise an. Frühlingsblumen lieben es kühl und luftig, hier in der Halle ist es trocken-warm und stickig. Wenn sie nur bis zum Sonntag durchhalten … Danach werden sie als Biomüll entsorgt.

Es gibt auch Tiere in dieser Ausstellung, in Gehegen Haustiere, so niedlich, dass man sie streicheln möchte und es nicht kann. Das Publikum staut sich an den Holzzäunen vor ihnen. Es gibt allein vier oder fünf Kaninchenrassen und alle streng für sich, darunter die braun gefleckten, die weißen mit den roten Augen und die mit den Dackelohren, jede in ihrem eigenen niedrig eingefriedeten Häschenreich. Und sie bleiben unter ihresgleichen, keine Emigration und keine Immigration. Fell reibt sich da an Fell. Ihre Bedürfnisse gehen nicht über ein Ich-will-auch-mal-an-die-Mohrrübe hinaus.

Lebhafter als die Nager sind die drei Dutzend Küken unter der Infrarotlampe. Sie wuseln durcheinander, schieben sich zu immer neu formierten Pulks zusammen oder picken Körner vom Boden auf. Einige sind früh entwickelt. Sie beherrschen schon die Technik des Scharrens, sie werden es weit bringen. Da geht ein etwa Neunjähriger an ihnen vorüber, wirft ihnen einen kurzen, unbeeindruckten Blick zu und sagt altklug zu seinem Gefährten: Das ist doch jedes Jahr dasselbe …

Es gibt auch Promenaden im Innern des EKZ-Paradiesgärtleins. Da stehen urige Holzbänke, zum Verweilen einladend, und auf einer hat es sich einer gemütlich gemacht, für den die zutreffende Bezeichnung wie lautet? Penner oder Alki oder was der Volksmund sonst an liebevollen Anreden bereithält. Dieser Freund des Gerstensaftes (wenn nicht härterer Sachen) ist durchaus nicht aggressiv, er belästigt niemanden unmittelbar, er hält nur fortwährend mit durchdringender Reibeisenstimme Volksreden. Er blökt, grölt, spektakelt in die vorösterliche Idylle hinein, ohne dass minimaler Sinn hinter erregter Rede offenbar wird. Unmut macht sich bald rundum breit. Es kommt, wie es kommen muss, d.h. wer in solchen Fällen kommen muss: Zwei uniformierte Breitschultrige nähern sich mit Pantherschritten und einer von den beiden fasst den Alten an der Schulter: Komm, mein Freund …

Dann haben sie dieses Eden schon hinter sich, schreiten Seit an Seit dem Ausgang zu, wo die Busse abfahren. Die zwei scheinen sich ruhig zu unterhalten, man könnte sie für in eine metaphysische Debatte verstrickte Philosophen halten. Nein, nein, sagt die Autoritätsperson sanft, aber mit Nachdruck, das ist hier keine Kneipe … Gewiss nicht, es ist ein Tempel und kommenden Sonntag ist das Hochamt: offene Geschäfte von dreizehn bis siebzehn Uhr.




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