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-- Prosa
--- Ganz viel Ruhe in Hamburg

ArnoAbendschoen - 10.12.2012 um 11:38 Uhr

Die Bäckerei ist groß und liegt an einem der zentralen Hamburger Plätze. Man sucht sie gern auf, um etwas an Ort und Stelle zu verzehren, Kuchen oder Torte zum Kaffee, ein belegtes Brötchen oder etwas kleines Warmes. Vorne im Geschäftsraum ist immer Gedränge. Wer es ruhiger haben will, steuert die kleine Empore an der Rückwand an. Wieder einmal sitzt da dieser verbraucht wirkende alte Mann und wartet auf eine Bekannte, die hier Küchenhilfe ist. Vielleicht waren sie früher Kollegen … Ich lasse mich an einem weiter entfernten Tisch nieder.

Heute hat der Siebziger sich einen Sechziger zur Gesellschaft mitgebracht. Sie reden leise miteinander. Bevor die Küchenkraft erscheint, trifft noch ein alter Mann ein - ein alter Herr, sollte ich vielleicht schreiben, er ist besser gekleidet als die zwei anderen. Auch er wirkt leidend. Er sieht aus wie ein Witwer, der gerade vom Notar kommt, wo er seinen missratenen Sohn enterbt hat. Unter den freien Tischen wählt er – man weiß nicht warum - gerade den neben den zwei Alten.

Die Küchenmamsell kommt und begrüßt ihren alten Freund überschwänglich. Sie ist viel jünger und vor allem eines: laut. Sie freut sich geräuschvoll über den Besuch, tätschelt ihm die Wangen, lobt sein angeblich frisches Aussehen. Alle auf der Empore müssen alles mitbekommen. Dann aber unterbricht sie sich: Ich muss jetzt aufhören, ich bin dem da zu laut ... Der einzelne alte Herr hat sich eben beschwert. Tatsächlich geht sie bald zurück an die Arbeit und auf der Empore ist es wieder still.

Etwas später brechen die zwei alten Männer auf und der Ältere ruft im Weggehen dem Herrn am Nebentisch weithin vernehmlich zu: Ich wünsche Ihnen viel Ruhe. – Daraufhin der mit äußerstem Nachdruck: Und ich Ihnen GANZ viel Ruhe! – Jetzt wendet sich der Dritte um und dem Fremden zu: Und ich Ihnen auch GANZ, GANZ viel Ruhe! Wie hasserfüllt das klingt … Alle drei starren sich an, stoßen zischend Luft aus, wackeln mit den Köpfen, wie Gänseriche. Aber natürlich gehen sie nicht aufeinander los. Es war nur einer der seltenen Momente, wo das erschöpfte, verbitterte Alter von heute sich vergeblich im hitzigen Aufbrausen der Jugend von damals zu erneuern versucht.

Die zwei sind fort und der ältere Hanseat sieht sich auf der Empore um: ob die peinliche Szene einen Zeugen hatte.




raimund-fellner - 16.01.2013 um 10:01 Uhr

Lieber Arno Abendschön,
man merkt, dass diese Geschichte erlebt wurde. Darum ist sie so absolut wahrscheinlich und echt. Es ist genau die Literatur, die ich mag. Auf Erfahrung beruhend, darum wahr und echt. Ein Erlebnis aus dem Alltag, wie es immer wieder vorkommt. Darum, so meine ich gelungen, obgleich keine großartig neuen Gedankenentwürfe transportiert werden. Die Banalität des täglichen Erlebens.
Es grüßt freundlich Raimund Fellner




ArnoAbendschoen - 16.01.2013 um 10:13 Uhr

O je, o je, Raimund, wenn ich wieder in diese Bäckerei gehe, dann vielleicht besser mit falschem Bart und Sonnenbrille, um nicht erkannt zu werden?

Danke für die freundliche Reaktion.

Arno Abendschön




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