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-- Rezensionen II
--- Lisa Matthias - Ich war Tucholskys Lottchen

ArnoAbendschoen - 12.07.2014 um 18:28 Uhr

Lisa Matthias (1894 – 1982) war von 1927 – 1931 die Geliebte von Kurt Tucholsky – oder besser: sie war in jenen Jahren eine von Tuchos Freundinnen, und zwar wahrscheinlich die wichtigste. Außerdem war sie: seine häufige Reisebegleiterin, Gastgeberin in Berlin und Lugano, wochenweise seine Haushälterin sowohl in Paris wie in Schweden, seine Kollegin und nicht zuletzt Gesprächspartnerin. In letzterer Funktion hat sie ihm Material für die Figur des „Lottchens“ geliefert, jene nervöse Berliner Quasselstrippe mit viel Herz, vielen Nöten und ohne falsche Skrupel. Lisa Matthias war also DAS LOTTCHEN und darüber hat sie 1962 ein Buch veröffentlicht. Die Kritiken, z.B. im SPIEGEL oder in der ZEIT, waren damals verheerend. Sie hatte es gewagt, den in der Nachkriegszeit überaus geschätzten Autor als Privatmenschen darzustellen und das Bild eines zu Depressionen und eingebildeten Krankheiten neigenden Erotomanen zu entwerfen, dem menschliche Qualitäten weitgehend abgingen.

Frau Matthias hat sich bzw. ihrem Bild in Literaturgeschichte und Nachwelt mit diesem Buch keinen Gefallen getan. Die Kritik maß sie zu Recht an dem von ihr selbst formulierten Anspruch, die Wahrheit über Tucholsky ans Licht zu bringen und sein, wie sie glaubte, allzu geschöntes Bild zurechtzurücken. Tatsächlich stellt das Buch, geschrieben um 1960, vor allem eine private Abrechnung dar. Unverkennbar geht es um alte, nicht verwundene Verletzungen. So schreibt man einem Menschen, den man geliebt hat und von dem man enttäuscht wurde, einen Abschiedsbrief. Ihr Buch weist stilistisch zu große Schwächen auf, als dass es selbst gute Literatur sein könnte. Um ihren Standpunkt zu untermauern und sich als armes, getäuschtes Opfer zu präsentieren, zitiert sie seitenlang immer wieder, den Leser ermüdend, aus ihrem Tagebuch oder aus Briefen. Im Ergebnis erfahren wir viel weniger über Tucholsky als über Lisa Matthias selbst. Ihr Urteil, auch über andere Zeitgenossen, ist oft oberflächlich. Sie neigt zu Selbstgerechtigkeit. Ihre eigene Empfindlichkeit ist sehr ausgeprägt. Es wird klar, dass ihre Beziehungen zu Tucholsky auch eine materielle Seite gehabt haben. Außerdem konnte sie sich erst mit ihm im Hintergrund als Journalistin etablieren. All demgegenüber kommt, den berühmten Autor betreffend, wenig Neues ans Licht.

Dennoch hat das Buch auch seine Qualitäten. Viele Abschnitte lesen sich amüsant, gerade da wo die Autorin es nicht beabsichtigt haben dürfte. Ihre Nähe zur literarischen Figur Lottchen wird dann deutlich. Lisa Matthias zeigt ferner zahlreiche Querverbindungen zwischen einzelnen Texten von Tucholsky und konkreten Ereignissen auf. Vor allem aber ist ihr Werk ein kulturhistorisches Zeitdokument, das es verdient, nicht in Vergessenheit zu geraten. Es liefert ein lebendig gebliebenes Panorama jener zwanziger Jahre in Berlin: Hektik und Amüsiersucht vor dem Hintergrund großer politischer und wirtschaftlicher Instabilität. Das Leben, auch das geistige, wirkt seltsam kurzatmig, oberflächlich. Dem Buch fehlt ein Personenregister – es würde umfangreich ausfallen. Das Verlagswesen damals, sein Innenleben, wird uns vor Augen geführt. Beim Lesen taucht man ein in den Alltag der gehobenen Mittelschicht (Wohnverhältnisse, Haushaltsführung, Berufsleben, Reisen, ärztliche Behandlung usw.).

Und selbstverständlich kann einen auch das persönliche Schicksal von Lisa Matthias berühren. Kein einfaches Leben! Nur einige Stichworte: früh verwitwet, zwei Kinder, in zweiter Ehe bald geschieden, als Jüdin und Tucholsky-Freundin 1933 zur Emigration gezwungen, geglückter Neuaufbau einer materiellen Existenz … Sie war u.a. zu Hause in Berlin, Moskau, Lugano und Schweden. Exemplarisch ist ihre Beziehung zu Tucholsky: Sie verkörpert darin die überforderte moderne emanzipierte Frau. Sie wollte neben ihren übrigen Aufgaben und Rollen für ihn noch sein: Geliebte, Ratgeberin, Haushälterin, intellektuell gleichwertige Gesprächspartnerin. Es konnte nicht gutgehen.




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