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-- Rezensionen II
--- Joseph Roth - Briefe aus Deutschland

ArnoAbendschoen - 03.10.2016 um 21:44 Uhr

Joseph Roth war nicht nur erfolgreicher Erzähler – während der Weimarer Republik war er auch einer der gefragtesten und bestbezahlten Feuilletonisten deutschsprachiger Zeitungen. Er veröffentlichte vor allem in der angesehenen „Frankfurter Zeitung“ und bereiste auf eigenen Wunsch und in deren Auftrag im Oktober 1927 das damalige Saargebiet. Roth war etwa zwei oder drei Wochen dort, vor allem in Saarbrücken und Neunkirchen. Er fuhr in eine Kohlengrube ein, besichtigte ein Eisenwerk, sah sich in einem Warenhaus und bei einem politischen Vortrag um und hatte diverse Gesprächspartner, vor allem aus Politik und Publizistik. Die siebenteilige Artikelserie „Briefe aus Deutschland“ erschien von November 1927 bis Januar 1928 in der „Frankfurter Zeitung“. Es folgte dort abschließend noch eine Reaktion Roths auf das negative Echo, das seine Texte in der „Saarbrücker Zeitung“ gefunden hatten. Diese literarisch-journalistische Kontroverse hatte sich auch schon in Nr. 5 des Zyklus („Menschen im Saargebiet“) niedergeschlagen. Die ganze Sammlung wurde als Buch 1997 im Gollenstein Verlag veröffentlicht (3. ergänzte Auflage 2008).

Roths Methode besteht aus zweierlei: scharfem Hinsehen und subjektivem Verarbeiten. Dem glänzenden Stilisten sind dabei ausgezeichnete Texte oder Textabschnitte gelungen, deren Lektüre auch nach fast neunzig Jahren noch so bereichernd wie genussvoll ist. Als Ganzes rühmen kann man „Unter Tag“ (Nr. 3). Roth unternimmt hier in Begleitung eines Steigers eine Grubenbesichtigung. Exakt werden Ausrüstung, Einfahrt und die unterirdische Arbeitswelt geschildert. Alles wirkt auf eine beklemmende Weise komisch, indem sich Roths Befindlichkeit im Bergwerk dabei selbstironisch widerspiegelt. Wir würden es ebenso erlebt haben … In „Das Werk“ (Nr. 7) fehlt diese humoristische Note. Der Besucher des Eisenwerks nimmt, was er sieht, mit ständig steigendem Befremden zur Kenntnis und wendet sich hoffnungslos ab. Er will anderntags in die Kirche gehen … Insgesamt akzeptabel erscheint gleichfalls der Saarbrücken-Text (Nr. 2), so düster-subjektivistisch er auch ist. Wenn Roth an diesem Regenabend die anonymen vereinsamten Frauen in einem Kaffeehaus beobachtet und sich die absehbar unglücklichen Paarungen mit Männern vorstellt, überkommt ihn ein Weinen: „Denn die Liebe könnte noch trauriger ausfallen als das Leben.“ Der heutige Leser und Roth-Kenner denkt dabei an Roths eigene Biographie.

Aufmerksam liest der Rezensent „Nach Neunkirchen“ (Nr.4) und „Das Warenhaus und das Denkmal“ (Nr. 6), ihm von Kindesbeinen an vertraute Örtlichkeiten. Tatsächlich: Da steht blitzschnell Aufgefasstes und stilistisch hervorragend Herausgearbeitetes – klassisch Zitierfähiges. Besonders überzeugend, wie Roth als eine Art Hausdetektiv im Warenhaus Kunden beobachtet und ihr serviles Verhalten in Beziehung setzt zum streng patriarchalischen Regiment des Herrn auf dem Denkmal. Und doch: Gerade diese beiden Texte offenbaren die Schwäche von Roths Verfahren. Da sind sachliche Fehler, die dem mit dem Ort Unvertrauten nicht auffallen, doch eben sie sind konstitutiv für die beabsichtigte Wirkung des Textabschnitts. Roth ist mit der Sozialistin Balabanoff nach Neunkirchen gefahren, die dort einen Vortrag hält. Auf dem Weg zum Versammlungslokal sammelt er Eindrücke von der Hauptachse der Stadt und schreibt, Gott suchend, ihm nachsinnend: „Zum Glück steht da eines seiner Häuser, eine Kirche. Man könnte sie übersehen. Die ärmlichen Schaufenster sind auffälliger.“ Tatsächlich gibt es dort zwei Hauptkirchen, eine evangelisch, eine katholisch, und beide wirken ausgesprochen monumental. Gerade Stumm, der Eisenhütten-Patriarch, legte größten Wert auf die Religiosität seiner Beschäftigten, und so sieht die protestantische neogotische Kirche, dem Werk benachbart, auch aus. Das katholische Gotteshaus in der Nähe ahmt die großen romanischen Dome am Rhein nach. Roth irrt weiterhin, wenn er behauptet: „ … die Gegend gehört zu den frommen, katholischen…“ und sich damit eine Reaktion der Zuhörer auf Balabanoff erklärt. Die Stadt war auch zu Roths Zeit überwiegend evangelisch, zum Teil atheistisch und die Bevölkerung der Nachbarorte nur zur Hälfte katholisch. In diese Reihe von Schnell- und Fehlschüssen gehört auch, dass eine Kundin im Warenhaus das angeblich eigene Kind verleugnet haben soll, um Argumenten des Verkäufers etwas entgegensetzen zu können. Roth kennt die wahren Verhältnisse insoweit gar nicht, er erfindet hier offenbar etwas, das zu fiktivem Erzählen passt, nur nicht zu einem Reisefeuilleton, das auch dem realen Ort gerecht werden soll. Hier wird das Windige an Roths Verfahren deutlich. Was mag jene Warenhauskundin empfunden haben, sollte sie sich zu Unrecht als Lügnerin dargestellt gefunden haben? Wer in einem journalistischen Text reale Orte und Personen schildert, muss in den nachprüfbaren äußeren Details wahrhaftig bleiben, sonst ist sein Text diskreditiert.

Gewiss hat den Redakteuren der „Saarbrücker Zeitung“ damals die kritische Tendenz nicht gepasst und gern haben sie die Schnitzer, die unbegründeten Annahmen usw. präsentiert, um Roths Texte insgesamt ablehnen zu können. Hierher gehört das Kaiser-Wilhelm-Denkmal auf einer Saarbrücke, das laut Roth auf der Brückenmitte den Verkehr behindert, während es tatsächlich wie barocke Heiligenfiguren an der seitlichen Brüstung in einer Nische aufgestellt ist und weiter gar nicht stört. Ralph Schock, der Herausgeber der jetzigen Buchausgabe, verteidigt den Autor so: „Er zielte auf die innere Stimmigkeit einer Beschreibung einer Region und ihrer Menschen. Auch dürfte ihm die Art und Weise seiner Wahrnehmung wichtiger gewesen sein als die sachliche Richtigkeit.“ Er verweist auf „Roths literarische Intention“ und die „unterschiedlichen Auffassungen von Journalismus“. Das überzeugt nicht. An den zu kritisierenden Stellen vermisst der besser Informierte gerade die innere Stimmigkeit, sie darf sich in einem journalistischen Text nicht über Tatsachen hinwegsetzen, bloß um den Eindruck des Lesers zu manipulieren. Das eben wäre Tendenzjournalismus, wie er auch heute nicht selten ist und der übrigens ohne jeden literarischen Anspruch auskommt. Schock zu Roths Denkmalfinte: „Kein Autor von Rang … hätte sich diese Pointe entgehen lassen.“ Wirklich? Von Tucholsky oder Polgar kann ich mir das jetzt nicht vorstellen.

Joseph Roth heute noch lesen? Gern. Aber ihn bitte nicht unkritisch verteidigen, neben seinen Stärken nicht seine Schwächen übersehen oder, schlimmer noch, sie zu Vorzügen uminterpretieren. Auch die Meister sind nur Menschen und Roth, ein mythomanischer Überflieger, hatte, neben sehr viel Talent, in schwerer Zeit ein besonders schweres Leben. Seinen Narben entsprechen die Entstellungen in seinem Werk.




Kenon - 04.02.2021 um 23:56 Uhr

Zitat:

Auch dürfte ihm die Art und Weise seiner Wahrnehmung wichtiger gewesen sein als die sachliche Richtigkeit.

Ein reizendes Detail. Wer ist schuld, dass Joseph Roth das Kaiser-Wilhelm-Denkmal auf der Alten Brücke in Saarbrücken nicht richtig geschildert hat: Das Denkmal oder Joseph Roth? Ich meine - mit einem Augenzwinkern -: Wenn es ein angenehmes Denkmal gewesen wäre, würde es auch richtig geschildert worden sein. Deswegen braucht es sich also gar nicht beschweren.

Ich kenne die Textstelle bei Joseph Roth selbst leider nicht, aber anhand einer alten Fotografie kann ich mir vorstellen, was er gemeint haben könnte. Wenn man sich der Figur rechterhand mit seinem Auto genähert hat, kann es einen schon vom Fahren abgelenkt haben: Da kommt ein trabendes Pferd mit einem alten Mann von rechts - muss ich es vorlassen? Oder schaffe ich es ohne Halten an ihm vorbei, wenn ich schnell aufs Gas trete?

Ereignisse möglichst wirklichkeitsgetreu zu schildern ist ziemlich schwierig und anstrengend. Man macht sehr schnell die peinlichsten und schrecklichsten Fehler. Phantasieren ist viel einfacher - phantasierend macht man keine sachlichen Fehler. Absichtlich lügen wie Relotius sollte man allerdings nicht.




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