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-- Prosa
--- Mit dem Arm in der Metro

Kenon - 26.06.2017 um 01:03 Uhr

Gerade noch rechtzeitig vor dem Zusammenprall der beiden Türflügel hat der Penner seinen rechten Arm in die Metro gesteckt. Die Metro fährt nicht los, der Arm klemmt ja wie ein grotesker, einsamer Tentakel in der Tür und greift in den Innenraum. Die Tür ächzt und quetscht den Arm. In der linken Hand hält der Penner etwas, das er offenbar auf keinen Fall ablegen will. Also kann er sich nicht behelfen. Der rechte Arm steckt in der Metro, er selbst steht auf dem Bahnsteig. Die Metro fährt nicht los - und die Türen gehen nicht wieder auf. Ein Fahrgast (männlich) im Inneren steht an der Tür, in welcher der Arm des Penners klemmt, beobachtet das Geschehen. Die Metro fährt nicht los, der Arm des Penners klemmt ja wie ein einsamer, grotesker Tentakel in der Tür. Da bemüht der beobachtende Fahrgast im Inneren seine Kräfte und zwängt die Tür auf. Er bemüht seine Kräfte und zwängt die Tür auf. Er fühlt sich wie ein großer Gott oder doch nur jemand, der eine Tür aufgezwängt und ein kleines liebes Leben gerettet hat, also wie ein großer Gott fühlt er sich. Der Penner steigt - für eine Sekunde glücklich - in die Metro. Die zuvor blockierte Tür schließt sich. Endlich. Die Metro fährt los. Endlich, denken alle Leute, fährt die Metro los. Wäre ich ein anderer, würde ich schreiben, mit welchen Worten der Penner nun die Leute im Wagen allesamt beschimpft, wie er gezielt nach einem Opfer sucht, mit dem er eine nähere Beschimpfungsbeziehung eingehen kann. Aber es ist morgens. Die Leute sind auf dem Weg zur Arbeit. Sie schauen beschämt nach unten, zur Seite, nach innen, zur Seite, nach unten. Irgendwohin. Keiner möchte Stress, niemand möchte sich mit dem Penner streiten, vielleicht müsste man ihm am Ende eine reinhauen, wenn kein anderes Argument verfängt (was abzusehen ist), und er ist doch 1.) so dreckig und 2.) verabscheut ja ein jeder Erdenbürger die Gewalt, also zumindest jene, welche die Gewalt verabscheuen, was leider gar nicht so viele sind, wie man befürchten muss. Aber der Penner ist ja auch 1.) so dreckig, also schimpft der Penner noch immer. Noch immer schimpft der Penner. Von Station zu Station schimpft er und schmipft er und schimpft. Ein Segen, dass er heil in die Metro gekommen und nichts schlimmeres passiert ist.



ArnoAbendschoen - 27.06.2017 um 17:20 Uhr

Eine plastisch beschriebene Alltagsszene - leider Alltagsszene -, an der mir besonders das Ausleuchten der wechselnden inneren Regungen der Beteiligten gefallen hat (sich wie ein großer Gott fühlen oder nicht, für eine Sekunde glücklich und dann Suche nach Beschimpfungsbeziehung, die in sich widersprüchlichen Gedanken der anderen Passagiere am Schluss).

Persönlich begegnen mir aus dem gleichen Umfeld im öffentlichen Raum häufiger Personen, die völlig apathisch und oft geradezu dringend hilfsbedürftig wirken. Dann setzt auch in mir ein innerer Dialog ein, der gewöhnlich zu gar keinem Handeln führt.




Kenon - 27.06.2017 um 21:52 Uhr

Es freut mich, dass Du etwas mit dem Text anfangen konntest.

Seit langem plagt mich die dumme Idee, dass wir in wenigen Jahren wieder in einem Berlin leben werden, wie es einst Alfred Döblin und Joseph Roth beschrieben haben. Das denke ich nicht politisch, eher sozial. Berlin als schmutzige Perle im Schwarzen Loch namens Brandenburg, Ende und Anfang Osteuropas, Glamour und Elend Hand in Hand. Einen Vorteil hat es: Man kann dieses Berlin bereits kennen.




ArnoAbendschoen - 27.06.2017 um 22:17 Uhr

Schön, Kenon, dass wir hier einmal wieder in unseren Erwartungen übereinstimmen - aber vielleicht doch nicht schön, da es ja eher Befürchtungen sind. Wer sich Jahr für Jahr kreuz und quer durch die Stadt bewegt, kann diese Tendenz nur schwer übersehen. (Und vergessen wir Benn in der Reihe nicht oder Zille.)



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