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--- GELIEBT GEGOSSEN VERGESSEN Phänomen Zimmerpflanze

ArnoAbendschoen - 02.02.2019 um 18:05 Uhr

Originalität kann man dem Thema nicht absprechen. Hat sich je ein Museum in einer nicht allzu kleinen Sonderausstellung der Kulturgeschichte der Zimmerpflanzen sowie ihrer optimalen Kultivierung gewidmet? Das Botanische Museum Berlin verabschiedet sich mit „GELIEBT GEGOSSEN VERGESSEN – Phänomen Zimmerpflanze“ von seinen Besuchern, bevor es im Sommer für mehrere Jahre zwecks Umbau und Neugestaltung geschlossen wird. Dazu wurden bereits weitgehend leergeräumte Säle noch einmal oder vielmehr erstmals mit Leben erfüllt, denn neben den üblichen Tafeln mit Texten und Bildern präsentieren sich uns auch ein halbes Hundert prominenter lebender Pflanzenschönheiten in ihren Töpfen.

Herz- und Prunkstück der Ausstellung ist ein etwa hundert Meter langes Bord, das sich selbst kleinmachend Fensterbrett nennt. Tatsächlich ist es eher eine sich langhinstreckende, zuweilen abknickende Bühne für die ausgestellten Pflanzen. Sie zieht sich in einigem Abstand von den Fenstern durch alle Räume hin und dient dem Besucher als eine Art Leitseil. Jedes Exemplar wird ausführlich mit seiner Herkunft, der Geschichte seiner Kultur bei uns und einer Pflegeanleitung vorgestellt. Von der altbekannten Grünlilie bis zur neuen, fast unverwüstlichen Modepflanze Zamioculcas, von diversen Kakteen und anderen Sukkulenten bis zum Gummibaum und zur Helexine – es ist das Populärste von dem vertreten, was seit Generationen in unseren Wohn- und Schlafzimmern, Küchen, Bädern und Wintergärten wachsen darf.

Dass man darüber die Text- und Schautafeln nicht vergesse! Sie belehren einen über Entstehungsbedingungen, Traditionen und Entwicklungssprünge der häuslichen Gartenkultur. Sie begann im 17. Jahrhundert an den Fürstenhöfen, erreichte im 18. das großbürgerliche Milieu und im 19. und 20. wie anderes herabsinkende Kulturgut mittel- und kleinbürgerliche, endlich auch proletarische Haushalte – bevor in den 1980ern ein neuer Purismus auf Zimmerpflanzen gänzlich verzichten wollte. (Als ob das möglich wäre!) Inzwischen scheint sich zum Glück die Reaktion auf jene Enthaltsamkeit durchzusetzen …

Bemerkenswert ist, wie abhängig die historische Entwicklung von technischen Veränderungen war. Fließendes Wasser in den Wohnungen, vor Jahrhunderten noch nicht vorhanden, dann langsam Standard werdend, ist die Grundvoraussetzung für dauernd in den Wohnungen gehaltene Pflanzen. Die Beheizung der Räume ist der zweite bedeutende Faktor. Je wärmer die Räume, umso größer die Möglichkeiten, sie zu begrünen. Allerdings verschwinden mit zunehmendem Heizkomfort einzelne Arten dann wieder, wenn es ihnen am Standort zu warm wird, z.B. die Zimmerlinde. Andere behandelte Fragen: Woher stammen unsere Pflanzen, wie wurden sie in fernen Weltgegenden gesammelt und dann nach Europa oder Nordamerika gebracht? Welche Verwüstungen waren damit verbunden, welche Gesetze sollen dem heute vorbeugen? Exotische Pflanzen, wenn sie wurzeln, wo sie zu Hause sind, sind tatsächlich nicht weniger geschützt als exotische Sittiche.

Zurück zu den Zuchtzierpflanzen, die sich in Dahlem zwar überwiegend, doch leider nicht alle von der vitalsten Seite zeigen. Es ist absehbar, dass etwa die Helexine und die Erbsen am Band das Ende der Ausstellung (2.6.2019) nicht lebend erreichen werden. Auch das Zypergras in einer Badewanne ohne Wasser vermisst dieses offensichtlich sehr. Kein schöner Anblick – aber vielleicht sollte er eben jenes „VERGESSEN“ im Ausstellungstitel illustrieren.

Anschrift: Botanisches Museum, Königin-Luise-Str. 6 – 8, 14195 Berlin. Bus X83




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