- versalia.de
-- Medienkritik & Kommunikation
--- Ein Diminutiv-Suffix im Bus 128

ArnoAbendschoen - 04.02.2019 um 23:13 Uhr

Die Fahrer der Buslinie 128 sind nicht zu beneiden. Ihre Strecke beginnt am Flughafen Tegel mit vielen Fahrgästen, die wie vom Himmel gefallen weder mit Tarifen noch Routen in die Stadt vertraut sind, dafür Gepäck im Übermaß hereinschleppen. Rasch sind alle Sitzplätze belegt. Wer keinen erwischt hat, steht unsicher über Koffer und Reisetaschen gebeugt und am nächsten Haltegriff baumelnd. Los geht die kurvenreiche Fahrt, erst zügig über Schnellstraßen mit wiederholtem Aus- und Einfädeln. Vor dem Kurt-Schumacher-Platz wie fast immer längerer Stau und dann hört man auch schon im Tiefflug die Maschinen über den Bus hinwegdonnern. Wenn Hälse sich verdrehen, sind es die von Fremden; abgestumpft die Einheimischen. An der U-Bahn-Station kommt der große Wechsel. Die meisten steigen hier um, werden sogleich durch die ersetzt, die im Einkaufszentrum Waren besorgt haben. Anstelle des Reisegepäcks versperren nun zwei, drei Kinderwagen den Durchgang in der Mitte. Es ist noch beengter als vorher.

Mit fünf Minuten Verspätung geht es weiter. Jetzt kommen auf fünfhundert Metern drei Kreuzungen und jedes Mal muss der Bus abbiegen, sich vorher einordnen, zwischendurch noch zwei Haltestellen bedienen. Bei einem großen alten Friedhof geht es rechts herum, nun länger geradeaus. An jeder Station quälen sich die, die ihr Ziel erreicht haben, durch Trauben ungeduldig Hereinströmender. Der Fahrer drückt aufs Tempo – schon neun Minuten über der Zeit. Er fährt zunehmend zackig, beschleunigt und bremst abrupt. An der Londoner Straße passiert es dann: Ein älterer Mann in Rentnerbeige ist, beinahe am Ziel, dem stürmischen Fahrstil nicht mehr gewachsen, verliert jeden Halt und taumelt, stürzt auf die Mitfahrenden, wird aufgefangen, berappelt sich und ist noch mal heil davongekommen. Doch er ist wütend, ausgestiegen tappt er am Bus entlang, schlägt auf die Frontscheibe und macht dem Fahrer durch die offene Vordertür laut zeternd Vorwürfe.

Und was brüllt der zurück: „Da hättste mal deine Fingerchen benutzen sollen …!“ Er braust weiter.

Ich horche auf, er hat Fingerchen gesagt, denke ich, nicht Hände oder gar Flossen. Zwar mit Zornesstimme gesagt, doch zärtlich seine Wortwahl? Ich gehe der Sache nach und finde bei Wikipedia auch dazu das Passende:

„Verwendung des Diminutivs im Deutschen: … als Wertung: Minderung des Ansehens einer Person oder des Wertes eines Gegenstandes als Pejorativum bzw. Dysphemismus … Da aber Verkleinerungssilben gleichzeitig die gegenteilige positive Bedeutung des Liebkosens aufweisen (Schwesterchen, Omilein), wird in solchen Ausdrücken der Akt der Abwertung gleichzeitig wieder zu einem gewissen Grad zurückgenommen …“

Demnach alles noch mal ohne ernste Verletzungen abgegangen, wie schön. Man muss eben nur den angemessenen Ton zu treffen wissen.




URL: https://www.versalia.de/forum/beitrag.php?board=v_forum&thread=5751
© 2001-2019 by Arne-Wigand Baganz // versalia.de