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--- Rattawut Lapcharoensap - Sightseeing

ArnoAbendschoen - 04.05.2019 um 18:16 Uhr

Der Autor wurde 1979 in Chicago als Sohn in die USA eingewanderter Thais geboren. Aufgewachsen ist er zum großen Teil in Bangkok, kehrte im Verlauf seines Studiums in die USA zurück. Hier wurde er bald als Verfasser von Geschichten bekannt, die zwar auf Englisch geschrieben sind, deren Stoffe jedoch zumeist in Thailand angesiedelt sind. Sieben dieser Erzählungen enthält seine 2005 herausgekommene erste Buchveröffentlichung mit dem Titel „Sightseeing“. Schon ein Jahr später folgte unter demselben Titel die deutsche Übersetzung.

„Sightseeing“ war international sehr erfolgreich. Es verbindet perfekt beherrschte Technik amerikanischer Kurzgeschichten mit genauestem Einblick in den Alltag in Thailand. Alle Texte sind überwiegend sozialkritisch und meist aus der Perspektive Heranwachsender geschrieben, fünfmal aus der eines Jungen und mit der abschließenden und längsten („Hahnenkämpfer“) aus der eines Mädchens. Einmal kommt ein alter Mann auf diese Weise zu Wort. Die Ich-Erzähler liefern erbarmungslose Sozio- und Psychogramme mitten aus der Gesellschaft des südostasiatischen Landes, vor allem aus den unteren und mittleren Schichten. Wir sehen ein modernes Thailand vor uns, das gerade dadurch exotisch auf uns wirkt, dass es kaum touristisch interessante Assoziationen bedient.

Dabei spielen Fremde in drei der sieben Geschichten durchaus bedeutende Rollen. In „Farangs“ macht der Sohn einer Thai und eines US-Soldaten ernüchternde Erfahrungen mit amerikanischen Touristen in einem Badeort. „Lass mich hier nicht sterben“ ist der Bericht eines US-Rentners, der in Bangkok bei seinem mit einer Thai verheiratetem Sohn lebt. „Priscilla aus Kambodscha“ ist ein Flüchtlingsmädchen, das in einem illegalen Camp haust und sich mit einheimischen Jungen anfreundet. Den Niedergang einer Proletarierfamilie in einer mafiös überformten Provinzstadt behandelt „Hahnenkämpfer“. Die zersetzende Wirkung von Korruption zeigt sich am „Einberufungstag“, an dem junge Männer gemustert und mit einer teilweise gelenkten Lotterie fürs Militär herangezogen oder freigestellt werden. „Im Café Lovely“ lernt ein Minderjähriger, den sein älterer Bruder mitgenommen hat, ein von Drogen und Prostitution geprägtes Milieu kennen. In der Titelgeschichte begleitet ein angehender Student seine Mutter auf einer Reise zu einer Ferieninsel. Die Mutter wird, wie beide wissen, bald erblinden. Sie wirft letzte Blicke auf ein Ferienparadies, das ihr bis dahin nichts bedeutet hat.

Zwei dieser ungewöhnlich suggestiven Geschichten hat 2015 Josh Kim, ein US-amerikanischer Filmemacher koreanischer Herkunft, zu dem ebenso überzeugenden Streifen „How to Win at Checkers“ (deutsch „Mein Bruder, der Held“) verarbeitet.




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