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-- Aesthetik
--- Beefcake - Film von Thom Fitzgerald

ArnoAbendschoen - 05.10.2020 um 14:25 Uhr

„Beefcake“ ist der zweite Langfilm des nach Kanada ausgewanderten US-Amerikaners Thom Fitzgerald. Er kam 1998 in die Kinos. Bei einem ersten Versuch vor etwa zehn Jahren, ihn zu würdigen, kam ich nicht weit. Das Werk erschien mir seltsam sperrig, in sich widersprüchlich. Jetzt vergleiche ich ihn mit einer archäologischen Grabung. Material wird entdeckt, ausgebreitet, im Detail zueinander in Beziehung gesetzt. Sich als Zuschauer darauf einzulassen, erfordert etwas Geduld, die dann jedoch belohnt wird.

Der in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts angesiedelte Streifen ist ein Doku-Spielfilm über den Komplex Bodybuilding, Fotomagazine, Muskelmänner-Filme. Dabei geht das Werk verschiedenen Querverbindungen nach, vor allem zu Justiz und Politik, Hollywood und Prostitution. Im Zentrum der Untersuchung, die man kaum Handlung nennen möchte, steht die Biografie des Fotografen und Filmemachers Bob Mizer (1922 – 1992). Er produzierte im Verlauf von Jahrzehnten mit Tausenden männlicher Modelle Millionen von Fotoaufnahmen und wiederum Tausende von Kurzfilmen. Ihr ästhetischer Wert mag nicht groß sein, umso bedeutender ist diese gigantische Sammlung als erhaltenes Archiv. Es zeigt in seiner Breite eine große Typenvielfalt, die in immer neuen Posen vorgeführt wird. Mizer bekam Probleme mit Polizei und Justiz, stand vor Gericht, kam sogar in ein Arbeitslager. Die Ära McCarthy war seiner Kunst nicht günstig und zugleich war sie Antrieb zum Durchhalten und zur Weiterentwicklung. Jene Zeit hat sein Werk auch im Einzelnen geformt, mit den zu beachtenden Restriktionen, den Alibi-Handlungssträngen, den heute oft komisch anmutenden hochkulturellen Bezügen. Mizers Werkstatt war das von ihm gegründete Unternehmen Athletic Model Guild (AMG), ein Foto- und Filmatelier in Los Angeles. Jahrzehntelang gab er daneben das Fotomagazin „Physique Pictorial“ heraus.

Fitzgerald nähert sich seinem Stoff mit immer neuen Ansätzen und Methoden. Er blendet Originalbilder und –szenen ein, dreht Spielfilmszenen abwechselnd in Bunt und Schwarzweiß und führt Interviews mit noch lebenden Zeitgenossen von Mizer, die zum Teil inzwischen verstorben sind. Darunter befindet sich z.B. Jack LaLanne (1914 – 2011), der Begründer der Fitnessbewegung in den USA, eine Art moderner, sehr geschäftstüchtiger Turnvater Jahn. Bekannter bei uns ist der Schauspieler Joe Dallesandro (geb. 1948), dessen Anfänge nicht nur bei Warhol, sondern auch in Mizers Studio lagen. Weitere Statements kommen von Fotografen-Kollegen Mizers, von seinem Biografen Valentine Hooven oder einem Schauspieler. Die Mizer-Darstellung selbst kulminiert mit einem Gerichtsverfahren, wofür ein Originalzeugenprotokoll verwendet wurde.

Die Mixtur des Films ergibt insgesamt ein dichtes Gewebe, in dem nicht nur die damalige Zeit verlebendigt wird, Fitzgeralds Film vermittelt auch einen Eindruck davon, wie die Gesellschaft und ihre Sitten sich in Richtung auf uns hin entwickelt haben. Er ist dadurch Teil unserer Vorgeschichte, und wenn wir in ihr unterirdische Grabungen vornehmen, geraten wir unversehens in der Gegenwart wieder an die Oberfläche.




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