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-- Politik & Gesellschaft
--- Halloween in Ost-Berlin

Kenon - 20.11.2020 um 19:47 Uhr

Es ist später Sonnabend. Ein kurzgewachsene Frau mit hohem Hexenhut, Zauberstab und Roller springt in die sich schließende Tür eines Regional-Express am Alexanderplatz. Die Frau hat vergilbtes, langes strähniges Haar, ihr Teint ist asche-farben vom jahrzehntelangen Rauchen. Sie ist eine sehr authentische Verkörperung einer Hexe - mit dreckiger, unverdeckter Berliner Schnauze. Eine Maske aufzusetzen hält sie nämlich persönlich nicht für notwendig. Den dicken Schaffner, dem sie vor die Füße gesprungen ist, scheint das nicht zu stören. Zwischen ihm und ihr entwickelt sich ein Gespräch. Gleich zu Beginn muss die Frau erfahren, dass sie in den falschen Zug gestiegen ist: Nach Osten anstatt in den Westen geht die Fahrt. Brav bezahlt sie ihr Ticket für die unnötige Reise. Andere hätten sich vielleicht geärgert, aber die Hexe hat gute Laune. Sehr gute Laune. Sie ist extrem agitiert. Wahrscheinlich hat sie sich ein paar Amphetamine reingepfiffen. Später wird der Schaffner zu uns sagen: “Die hatte auf jeden Fall eine Batterie zu viel drin”. Hastig, mit sich überschlagenden Wörtern betreibt die Hexe also Smalltalk mit dem Schaffner. Sie hat heute jede Menge Kinder glücklich gemacht, erzählt sie. Sicherlich ebenfalls ohne Maske. Hat sie nur Süßes verschenkt oder auch saure Viren? An Corona glaubt sie jedenfalls nicht, lässt sie wissen, weil sie niemanden kennt, der jemanden kennt, der es hat. So einfach ist die Welt für sie: Beschränkt auf das eigene Erleben, dahinter gibt es nichts: Nur “Ich! Ich! Ich!”. Und sie teilt es gern dem ganzen Waggon mit: Sie redet laut, als würde sie möglichst viel Luft verseuchen wollen. Sie steigt ja glücklicherweise an der nächsten Station schon aus und fährt in die Gegenrichtung, warum die Situation noch eskalieren ... Trotzdem: Wenn die Hexe schon ohne Maske fahren musste, wäre es schön gewesen, wenn sie wenigstens ihre blöde Fresse gehalten hätte. Beim Aussteigen dreht sie sich noch einmal um und wünscht uns einen schönen Abend. Danke. Wie gespenstisch. Ich wollte es nicht wissen, aber Hexen gibt es wirklich.



ArnoAbendschoen - 21.11.2020 um 11:05 Uhr

Schön plastisch, die Beschreibung. Entspricht einem in der Öffentlichkeit hier häufig auftretenden Typ, dem des Vulgär-Prolligen. Bei mir dann Rückzug auf mein inneres Hanseatentum: nur nicht zur Kenntnis nehmen, obwohl ich es natürlich diskret doch tue.

Das grundsätzliche Problem dahinter: Solche Gestalten gibt es wohl in allen sehr großen deutschen Städten, aber nur hier treten sie so frei von jeder Hemmung auf, wie sendungsbewusst. Ich denke, dahinter steht ein künstlich geschaffenes, sorgsam gepflegtes Bild von der Stadt und ihren Bewohnern, von angeblicher Authentizität und Originalität. Es volkstümelt da so kess, unverschämt und rauh, aber nicht herzlich. Tatsächlich entspricht nur ein sehr kleiner Prozentsatz mit rücksichtslos-unverschämtem Auftreten diesem Bild. Der wirklich weit verbreitete Ton ist anspruchslos offen bis gleichgültig.

Wie auf diese Exzesse reagieren? Am besten mit schweigender Missbilligung. Und Medien auch mal kritisieren, wenn sie dieses Bild einer üblen Folklore noch zementieren. (Was noch fehlt: Passivität von Verantwortlichen gegenüber Verwahrlosung des öffentlichen Raums.)




Kenon - 02.12.2020 um 00:12 Uhr

Wenn ich diese Begebenheit bewerten will, zerreisst es mich, weil ich viele verschiedene, gegensätzliche Einschätzungen geben könnte. Um beim Halloween-Hintergrund zu bleiben: Die Hexe erinnert mich an jenen Horrorgeschichten-Archetypen, welcher die Gefahr, die ihren Schatten für alle Umstehenden sichtbar schon drohend über ihn wirft, lachend leugnet, um so noch ein paar schöne Momente zu leben, dann jedoch selbstverständlich als erster stirbt - durch seine Ignoranz vielleicht auch andere noch mit in den Tod reisst. Hat er damit seine Individualität bewahrt? Vielleicht. Allerdings nicht so lange, wie es möglich gewesen wäre.



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