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-- Politik & Gesellschaft
--- Graffiti vs. Ohnmachtsdasein

Kenon - 18.12.2020 um 00:26 Uhr

Graffiti ist ein Wort, das mir seit Ewigkeiten Schwierigkeiten bereitet. Ich bin mir nie ganz sicher, ob es nun zwei “f” oder zwei “t” hat. Die Buchstaben “f” und “t” sehen sich gemeinerweise auch so ähnlich, der eine ist ja fast wie der andere - wenn man ihn horizontal spiegelt und noch ein bißchen vertikal am Querbalken spielt. Das ist auf jeden Fall zu viel für mein Gehirn, in dem es immer drauf, drüber und oft auch drunter geht. Graffiti also, mit zwei “f”. Das wäre geschafft. In “geschafft” immerhin zwei immer sichere “f”.

Es ist sicherlich schon viel darüber geschrieben worden, vermutlich sage ich hier also gar nichts neues, aber die Frage, warum Graffiti gemacht werden, hat mich schon lange beschäftigt. In der Welt meiner Kindheit gab es das nicht, vielleicht mal eine einfache Kreidezeichnung irgendwo an der Wand, pinsel-geschaffene Farbmalereien kannte man nur aus Filmen - für echte wäre man direkt in das Gefängnis gekommen (“Der Sozialismus siegt … nie!”). Nach der Wende gab es dann Spraydosen zu kaufen, die ersten Jugendlichen ahmten nach, was sie im Westen gesehen hatten. Bei uns in der Kleinstadt liefen nachts zwei sportliche Typen herum, die mit roter Farbe in leichter künstlerischer Verfeinerung “SNAP!” an die Wände sprühten. Es hatte etwas absurdes. Wenig später war die Stadt dann vollgesprüht mit rechts- und manchmal auch linksradikalen Parolen.

Es gibt sicherlich die unterschiedlichsten Gründe, Graffiti zu machen: Abenteuerlust, Gemeinschaftsgefühl, Missionseifer, Protest, Kreativitäts- oder auch Geltungsdrang. Vieles ist denkbar, manches wahrscheinlich. Man könnte Sprayer nach ihren Gründen befragen, um sich der Frage empirisch zu nähern. Aber darum geht es mir nicht. Graffiti zu machen ist für mich ein Akt der symbolischen Eroberung der verstädterten Welt, in der wir alle leben, in der uns aber nichts gehört und auf die wir auch nur sehr wenig direkten Einfluss haben. Lässige Schmiererei oder aufwändig gestaltete Kunst? - auch darum geht es mir nicht. Ein Graffiti macht einen fremden Ort zum eigenen, vergleichbar vielleicht mit den Markierungen, mit denen ein Tier sein Revier kennzeichnet. Eine Lebenswelt, in der wir uns wohlfühlen, muss auch etwas von uns aufnehmen, wir wollen nicht nur wie Wassertropfen auf einer Fettschicht abperlen, von ihr zurückgewiesen werden. Wenn wir irgendwo waren, darf auch ein Zeichen von uns zurückbleiben; im Sand sind es wenigstens unsere flüchtigen Fußabdrücke. Von daher respektiere ich Graffiti als eine Notwendigkeit städtischen Ohnmachtsdaseins, ob sie mir nun im einzelnen gefallen oder nicht, Straftat hin oder her.
Ich glaube auch, nur langweilige Menschen lassen alle weißen Tapeten in ihrer Wohnung ungestaltet. Irgendwo hängt immer ein Bild, Poster, Foto - eine persönliche Note.




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