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-- Politik & Gesellschaft
--- Der Fall Friedrich Pürner

ArnoAbendschoen - 27.04.2021 um 22:19 Uhr

Der Fall kurz zusammengefasst: Pürner war Leiter eines staatlichen Gesundheitsamtes in Bayern. Er vertrat öffentlich Ansichten zur Pandemie und deren Bekämpfung, die denen des Freistaats Bayern diametral entgegengesetzt sind. Mutmaßlich in diesem Zusammenhang, allerdings mit anderer Begründung, wurde er als Leiter des Amtes abgelöst und mit einer anderen Aufgabe betraut. Dagegen klagt Pürner, das Verfahren ist noch anhängig. Der Fall kann nicht endgültig bewertet werden, bevor dreierlei vorliegt: Urteil, Begründung, Rechtskraft.

Es gab und gibt breites Medienecho. Lokale Zeitungen berichten überwiegend neutral, zum Teil mit Sympathie. Ein beträchtlicher Anteil der Google-Ergebnisse zu Pürner führt zu neurechten Blogs. Er wird dort als Märtyrer der Meinungsfreiheit gefeiert. Ist er das? Er hat weiterhin als Bürger volle Meinungsfreiheit und äußert sich vielfach öffentlich. Er ist nach wie vor Beamter und von materiellen Einbußen ist mir nichts bekannt. Andererseits gilt für Mitarbeiter allgemein Loyalitätspflicht, sofern sie sich öffentlich erkennbar in ihrer Eigenschaft als Betriebsangehörige äußern. Überlassen wir es also zunächst dem Gericht, über diesen Interessenkonflikt zu entscheiden.

Die umstrittenen Standpunkte von Pürner enthalten nach meiner Kenntnis nichts umstürzend Neues. Es sind Minoritätspositionen, die alle über Monate hinweg immer wieder erörtert wurden. Wer sich über das Für und Wider von Maskenpflicht bei Kindern, Impfungen usw. unterrichten will, hat sich in der Regel damit schon befasst und er kann dies jederzeit, auch aus Anlass der Causa Pürner, wieder oder erstmals tun. Es ist also nicht so, dass Pürners Theorien totgeschwiegen worden wären. Sie waren und sind z.T. noch in der Diskussion. Er vertritt Ansichten, die sich bisher nicht durchsetzen konnten, und diejenigen eines Leiters eines Gesundheitsamtes haben nicht so viel Gewicht, dass sich die Waagschale heben oder senken könnte. Es gibt Hunderte von Gesundheitsämtern in Deutschland und ihre Spitze ist gewöhnlich nicht mit Spitzenwissenschaftlern besetzt.

Dass Pürner tatsächlich für den Freistaat Bayern als Leiter eines Gesundheitsamts problematisch sein kann, leuchtet mir indessen ein, nachdem ich in einem Beitrag des Bayerischen Rundfunks Folgendes gelesen habe:

„Zuletzt hatte er auf seinem Twitter-Kanal auch Verschwörungstheorien geteilt mit dem Hinweis "Sehr erkenntnisreiche Zusammenfassung! Lesen und diskutieren!" Im Februar ließ er sich auf YouTube für das Interviewformat Punkt.Preradovic interviewen, auf dem laut Correctiv, Stuttgarter Nachrichten, Cicero, SWR und Bayerischer Rundfunk gehäuft Falschinformationen zur COVID-19-Pandemie verbreitet werden.“

Mit folgendem Text wirbt das erwähnte Preradovic-Portal für das Interview mit Pürner. Das Video kostet Geld, die Werbung enthält vorab die zentralen Botschaften:

„Er war Chef des Gesundheitsamt Aichach-Friedberg in Bayern. Und er hat die Corona-Politik der bayerischen Regierung kritisiert. Also Söders Kurs. Daraufhin wurde Dr. Friedrich Pürner von seinem Amt entbunden und versetzt. Strafversetzt, wie er sagt. Aber der Epidemiologe und Facharzt für Öffentliches Gesundheitswesen lässt sich nicht den Mund verbieten. Er sagt: die Pandemie geht jetzt zu Ende, die Zahlen fallen weltweit. In Mutationen sieht Pürner kein großes Problem: alle Viren mutieren. Und wenn sie ansteckender werden, lässt meist die Gefährlichkeit nach. Ein Gespräch über Masken, Lockdowns, traumatisierte Kinder, das Versagen in Pflegeheimen, Asymptomatische Gesunde und die Frage, ob Impfungen gegen SarsCov2 wirklich nötig sind.“

Das Interview ist von Ende Februar 2021. Ein derart ignoranter, verantwortungsloser Arzt könnte wieder Leiter eines Gesundheitsamtes werden? Schwer vorstellbar. Und auf eine solche Koryphäe fallen viele herein - ist die Welt zum Tollhaus mutiert?




Kenon - 29.04.2021 um 20:11 Uhr

Zitat:

Andererseits gilt für Mitarbeiter allgemein Loyalitätspflicht, sofern sie sich öffentlich erkennbar in ihrer Eigenschaft als Betriebsangehörige äußern.

Das ist sicherlich der springende Punkt in der ganzen Geschichte.

Ein klarerer Fall dürfte Attila Hildmann sein, dessen Produkte bzw. Dienstleistungen jetzt bei Amazon und Lieferando aus dem Programm geworfen worden sind.




ArnoAbendschoen - 01.05.2021 um 17:11 Uhr

Der Tagesspiegel hellt weiter Hintergründe auf und ich verlinke den Artikel hier, da auch Friedrich Pürner in ihm erwähnt wird. Vor allem geht es aber um die Schlüsselfigur Paul Brandenburg und seine Verbindung zum Regisseur Brüggemann.

https://www.tagesspiegel.de/kultur/filmbranche-und-querdenker-das-antidemokratische-n etzwerk-hinter-allesdichtmachen/27149604.html

Falls einigen der Text zu lang ist, hier kleine Kostproben:

"Am 20. März sitzt Paul Brandenburg bei „Kaiser TV“, einem YouTube-Talkformat des Autors Gunnar Kaiser. Unter dem Sendungstitel „Es ist eine Katastrophe!“ sprechen sie über die „Lust an Grundrechtseinschränkung“ in der Pandemie. Was wie ein netter Plausch unter Gleichgesinnten wirkt, ist ein weiteres Indiz dafür, dass die Aktion #allesdichtmachen von langer Hand geplant war und von Beginn an eine politische Agenda verfolgte ...

Sein Gesprächspartner Kaiser gibt auf Facebook mit Suggestivfragen schon mal einen scharfen Ton vor: „Haben ältere Menschen, die das (Anm.: die Corona-Maßnahmen) hinnehmen und freudig akzeptieren für ein paar eigene Lebensjahre mehr, diese Lebensjahre dann verdient?“ Auf diesen Punkt läuft es bei Kaiser und Brandenburg oft hinaus: Menschenleben werden gegen Freiheitsrechte ausgespielt ...

Ab Minute 14 wird es dann interessant. Brandenburg spricht über die Unterstützer:innen seiner Initiative: „Wir haben aus dem Medien- und Kunstbereich Namen, die im Vorabend- und Hauptabendprogramm bekannt sind aus den großen Sendern.“ Und weiter: „Wir stehen kurz davor, dass sich sehr viele outen werden. Und ich freue mich auf diesen Tag.“

Brandenburg fällt durch zahlreiche Auftritte in sogenannten „alternativen Medien“ wie Oval Media, Kaiser TV und der Kommunikationsstelle Demokratischer Widerstand auf. Berührungsängste bestehen aber auch nicht zu russischen Medien, die staatliche Propaganda verbreiten. Im Februar war Brandenburg als Talkgast beim Sender SNA eingeladen, der zur selben Mediengruppe wie Russia Today und Sputnik gehört ..."

Hallo! Russische Medien!

Das Fazit des Artikels: "Somit wird immer klarer, dass #allesdichtmachen nicht bloß die spontane Äußerung einer Gruppe von ernstlich besorgten Filmschaffenden ist, als die sie Dietrich Brüggemann in den Medien darstellt. Sondern Teil einer größeren Kampagne, die eine antidemokratische Agenda verfolgt."




Kenon - 02.05.2021 um 09:16 Uhr

Anti-demokratische Agenda? Ein starker Vorwurf und Schluss, aber wo genau soll durch die satirische Schauspieler-Aktion die Demokratie geschwächt oder gar abgeschafft werden?

Selbst wenn die aufgezählten Verbindungen in dem Artikel im einzelnen komplett stimmen sollten, ist das Fazit schon sehr dicht an einer Verschwörungstheorie (das anonyme Netzwerk “AntiSchwurbler” deckt ein anderes Netzwerk auf ...) und erweckt den Anschein, dass “Guilt by Association” (Kontaktschuld) als Argument genutzt wird, um die Aktion der Schauspieler und diese als Person zu diskreditieren:

Zitat:

A guilt by association fallacy occurs when someone connects an opponent to a demonized group of people or to a bad person in order to discredit his or her argument. The idea is that the person is “guilty” by simply being similar to this “bad” group and, therefore, should not be listened to about anything.

Quelle: Guilt by Association Fallacy (excelsior.edu)

Die Schuldkette sieht dann ungefähr so aus:

Satire-Video ← Schauspieler ← Brüggemann, Bleibtreu?? ← Brandenburg ← Kaiser, Querdenker, Russische Medien etc.

Der russischen Regierung gefällt ja ohnehin alles, was westliche Gesellschaften durch internen Streit entzweit und schwächt, deswegen unterstützt sie deren links- und rechtsextremen Ränder, begrüßt den Brexit, die Gelbwesten, Reichsbürger & Co.

Vergessen wir nicht: Es handelt sich bei der Aktion nach wie vor um Satire, von der man halten kann, was man will; eindeutig interpretierbar ist sie nicht und in diesem Sinne hat sie auch gar keine Argumente vorgebracht, die angreifbar wären. Das einzige, was ich verallgemeinernd über sie behaupten kann, ist, dass die Schauspieler die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung zumindest in Teilen für satirewürdig und damit sicherlich auch für kritisierbar gehalten haben und offensichtlich mit dem Leben in der Pandemie hadern. Das mag vielen gerade in der Form bitter aufgestoßen sein, ist aber kein Verbrechen. Als demokratische Gesellschaft müssen wir einiges ertragen, das dümmliche Tütenblasen von Richy Müller als auch den Humor eines Jan Böhmermann, den wir sogar gezwungen werden zu finanzieren.

Was sagt Herr Brüggemann selbst zu dem Tagesspiegel-Artikel?

Zitat:

Der Tagesspiegel glaubt jetzt, er hätte eine Verschwörung aufgedeckt, und findet immer neue Hintermänner. Ich bin gegenüber Verschwörungstheorien skeptisch, aber da ich mit allen Menschen reden will, freue ich mich weiterhin auf ein freundliches Gespräch.

Quelle: Twitter-Profil von Brüggemann

Ich bin gespannt, ob das damit angebotene Gespräch einmal stattfinden wird und wie die ganze Geschichte weitergeht; so kommt man mit dramatischer Unterhaltung wieder durch einige Pandemie-Wochen. Die vielen Schauspieler können sich in Zukunft jedenfalls damit trösten, dass es sicherlich an der Teilnahme an der Aktion lag, wenn sie einmal eine Rolle nicht erhalten – ob es stimmt oder nicht.




ArnoAbendschoen - 02.05.2021 um 11:11 Uhr

Kenon, die Form der Satire wurde hier benutzt, um eine eindeutige politische Agenda zu befördern. Wo die Initiatoren politisch verortet sind, ist nur zu übersehen, wenn man es nicht sehen will. Sowohl die wörtlichen Zitate als auch die Kontakte untereinander und die Bevorzugung ganz bestimmter Medien sprechen eine deutliche Sprache.

Unabhängig von der Frage der politischen Verortung halte ich die Stoßrichtung der Aktion sowohl für ethisch höchst verwerflich wie sachlich absolut kontraproduktiv. Sich satirisch über Anstrengungen, einem Massensterben Einhalt zu gebieten, zu äußern, zeugt für mich von sittlicher Verrohung. Und sachlich ist die Aktion in eine breite, lang anhaltende Bewegung rein obstruktiven Nörgelns eingebettet. Für eine Politik nach diesen Wünschen gibt es ein Modell: Brasilien. Wer zu einem Bolsonaro-Fan-Club gehört, mit dem will ich nichts mehr zu tun haben.

Eine weitere Erörterung hier dürfte keine Annäherung bringen und kann daher aus meiner Sicht unterbleiben.




Kenon - 02.05.2021 um 19:32 Uhr

Ich versuche zu verstehen und gestatte mir selbst noch eine allerletzte Bemerkung:

Natürlich leben wir in einer verdammt schwierigen Zeit, in der viele schwierige Entscheidungen getroffen werden müssen, aber bei den meisten dieser Entscheidungen geht es nicht um die ausschließliche Wahl zwischen “absolut richtig” und “absolut falsch”. Auch wenn der Grat oft ein schmaler ist: Es gibt bei weitem mehr Gestaltungsmöglichkeiten als beispielsweise die Wahl zwischen “Zero Covid” und “Bolsonaros Brasilien”.

Ja, Fehlentscheidungen können verheerende Auswirkungen haben; und ja, Fehler können nicht immer vermieden werden; und ja, es wurden bereits viele Fehler gemacht (ursprüngliche Einschätzung zur Nicht-Wirksamkeit von Masken, Bereicherung an Maskendeals, Verschlafenheit bei der Organisation und Überbürokratisierung des Impfens, Dulden von wilden Querdenker-Demos wie in Kassel).
Wer an der nächtlichen Ausgangssperre zweifelt oder diese nur besser begründet sehen möchte, ist nicht automatisch gewillt, mehr Tote in Kauf zu nehmen, wie es der ZDF-Angestellte Claus Kleber dem FDP-Mann Volker Wissing in einem Streitgespräch im “heute journal” am 21.04.2021 andichten wollte.
Es ist auch dieses radikale Engführen, das viele Menschen auf der Strecke bleiben lässt.

Nun gut. Der britische Medizinhistoriker Mark Honigsbaum meint,

Zitat:

Pandemien endeten nicht nur medizinisch, sondern auch in gesellschaftlicher, sozialer und politischer Hinsicht: „Und das ist erst der Fall, wenn die Menschen nicht mehr darüber reden.“

Quelle: Warum wir nun Hausarrest bekommen (abendblatt.de)




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