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-- Medienkritik & Kommunikation
--- Sprache schafft keine Realität

Kenon - 29.05.2021 um 08:29 Uhr

“Sprache schafft Realität” ist das Mantra der gendernden Neu-Sprecher, die einer Mystifikation unterliegen, denn sie glauben, durch symbolische und typografische Kunststücke, die sie der Sprache angedeihen lassen, die gesellschaftlichen Verhältnisse ändern zu können. Gerechtigkeit wird in ihrer naiven Weltanschauung durch das Herbeiführen symmetrischer Relationen hergestellt  –  und so machen sie sich auch an den Sprachregeln zu schaffen, indem sie das grammatikalische Genus mit dem Sexus von Personen gegen jeden natürlich gewachsenen Sprachgebrauch in Einklang bringen wollen. Dabei entstehen dann horrende Kreationen wie “Innenarchitekt:innen”, “Kund:innen” und “Online-Shopper:innen”.
Wenn Mary Shelleys Viktor Frankenstein ein sadistischer Linguist gewesen wäre, hätte er nicht ein menschenähnliches Monster sondern die Gendersprache erschaffen:
Ein Sprachmonster, vor dem wir auch heute noch erschauerten.

Mehrheit gegen Gendern
Nach einer Umfrage von Infratest Dimap für die “Welt am Sonntag” lehnen 65% der Deutschen die Gendersprache ab; ein Jahr zuvor (2020) waren es nur 56%. Meine persönliche Hypothese für die wachsende Ablehnung ist die gestiegene gesellschaftliche Präsenz der Gendersprache: Staatliche Institutionen und Medien (insbesondere öffentlich-rechtliche) und zunehmend auch Unternehmen haben die Menschen in den letzten Monaten regelrecht mit der hässlichen und umständlichen Gendersprache terrorisiert, als wäre die Pandemie nicht Leid genug. Vielen Menschen wird das Wort “Gendern” vor einem Jahr noch gar kein Begriff gewesen sein  –  in meiner bis dahin heilen Lebenswelt kam es auch nicht vor, wie hätte ich es ablehnen sollen? Meine Ablehnung stieg nach der ersten “Propaganda-Sendung”, welche die Notwendigkeit des Genderns herausstellen wollte und die ich über mich ergehen lassen musste, von 0 auf 100%.

Die Dialektik des Polarisierens
Sprache soll also Realität schaffen, und deswegen müssen wir unsere Grammatik, die Art, wie wir reden und schreiben anpassen? Wenn ich mir anmaße, Gott genannt werden zu wollen, macht mich das noch lange nicht zu einem Gott; wenn der SED-Staat die Berliner Mauer als Antifaschistischen Schutzwall bezeichnet hat, so ist sie trotzdem die Berliner Mauer geblieben, an der freiheitssuchende Republikflüchtlinge abgefangen, verletzt und ermordet worden sind. Die Luhansker und Donezker Volksrepublik sind auch nicht die Luhansker und Donezker Volksrepublik, sondern von Russland widerrechtliche annektierte Gebiete des ukrainischen Donbass, die als widerwärtige Pseudo-Entitäten figurieren und von russischen Kriegsherren grausam verwaltet werden; und um Beispiele aus der linken Lebensrealität zu geben: Notorisch präsente In- und Innen-Suffixe oder Geschlechtsneutralität in der Sprache erhöhen nicht automatisch die Gleichberechtigung der Frau und führen auch nicht dazu, dass mehr Frauen typische Männerberufe wie “Müllentsorger” oder “Wertstoffhöfling” ergreifen; ein Unterstrich, ein Doppelpunkt, eine Sprechpause oder ein Genderstern wird nicht dafür sorgen, dass queere oder nicht-binäre Menschen künftig weniger diskriminiert werden. Die breite und vehemente Ablehnung, die das Gendern in der gemeinen Bevölkerung hervorruft, ermöglicht vielleicht sogar eher, dass sich die Ziele, die damit vorgeblich verfolgt werden, in ihr Gegenteil verkehren. Das ist die Dialektik des Polarisierens und des nicht nachvollziehbaren weil vernunftwidrigen Zwangs: Die radikale Sprachsekte produziert  –  um mal Marx zu paraphrasieren  –  ihren eigenen Untergang, da sie mit der Zeit kräftige Gegenspieler auf den Plan ruft, wie wir es jetzt zunehmend beobachten können. Die momentan noch durch moralisierende Frechheiten (“wer nicht gendert, ist feminophob” usw.) eingeschüchterte Mehrheit wird sich nämlich nicht dauerhaft von einer Minderheit unterdrücken lassen, auch wenn diese derzeit noch an den Mikrofonen, den Druckerpressen und vor den Kameras sitzt.

Ein Verbot als Rettung
In der Wirtschaft entscheidet der Konsument, ob er die Gendersprache ertragen mag. Wenn nicht, kündigt er sein Zeitungsabo, schaut oder hört bestimmte Sender nicht mehr, meidet Bücher, die gegendert sind oder boykottiert Hersteller und andere Unternehmen, die es mit der Anbiederung an den in Schieflage geratenen Zeitgeist zu weit treiben. Im öffentlichen Bereich, ich denke an die staatlichen Medien, die Ämter und gerade Bildungseinrichtungen wie Schulen und Universitäten, kann unsere Sprache nur  –  wie in Frankreich vorbildlich vorgemacht  –  durch ein Genderverbot gerettet werden, damit wir wieder ohne absurd-künstliche Erschwernisse und absichtliche Störungen miteinander kommunizieren können. Die zwischenmenschliche Kommunikation sollte nicht der Begehung eines Minenfeldes gleichen.

Auf dem Holzweg
Viele Gendersprecher mögen den hohlen Klang des Holzweges, den sie beschreiten, zwar hören, aber zu einer Umkehr sind sie nicht bereit, weil sie eben  –  wie ein Kind oder Schamane  –  fest daran glauben, dass Sprache Realität schaffe (“Ich bin ein Löwe” ruft das Kind und faucht furchterregend, während es dabei doch ein Kind bleibt). Dieser Glaube gibt ihnen ihrer Ansicht nach das Recht, sich die formkranke Umgestaltung unserer Sprache gegen den Willen der Mehrheit anzumaßen und diese ihr aufzuzwingen.
Schaden tun sie dabei der ganzen Gesellschaft  –  also freilich auch sich selbst.




Kenon - 16.06.2021 um 08:19 Uhr

Das Thema findet sich ausführlicher und sachlicher im bereits 1994 erschienen Buch “The Language Instinct: How the Mind Creates Language” (dt. “Der Sprachinstinkt. Wie der Geist die Sprache bildet.”) von Steven Pinker dargestellt. Es ist wegen seiner Verständlichkeit, Plausibilität und Fülle an anschaulichen Beispielen eine absolute Empfehlung im sonst oft sehr spröden, akademischen Bereich der Linguistik. Bei Pinker kann man unheimlich viel über die universellen Gemeinsamkeiten menschlicher Sprachen, die baumartige Struktur von Sätzen und (vor allem englische) Grammatik lernen.

Der linguistische Determinismus, der die ideologische Basis der heutigen Sprachverbesserer bildet, geht unter anderem auf Benjamin-Lee Whorf (1897-1941) zurück, dessen unsaubere und fehlerhafte Argumente seine Theorie als auf sehr schwachen Beinen stehend erscheinen lassen. Sie darf damit als widerlegt gelten.

Steven Pinker wählt in seinem Buch ein Beispiel aus George Orwells “1984”, das auch den Determinismus annimmt: Wenn das Wort “Freiheit” verboten und ausgelöscht werden würde, könnten die Menschen “Freiheit” angeblich nicht mehr denken. Aber warum sollte es nicht mehr möglich sein? Ihnen fehlt ja lediglich das Wort, mit dem man das Konzept zuvor direkt beschrieben hat; fehlt ihnen das Wort, können sie sich das Konzept weiterhin vorstellen, mit anderen Worten umschreiben und letztlich sogar mit einem neuen Wort bezeichnen. Ohne das neue Wort ist die Kommunikation umständlicher, aber möglich. Eine Analogie ist der “fehlende” Konjunktiv in der chinesischen Sprache. Das macht es aufwändiger, ihn auszudrücken, da es mehr Worte erfordert, aber es ist trotzdem möglich:

“Wenn John zum Krankenhaus geht, aber er geht nicht zum Krankenhaus, aber wenn er geht, trifft er Mary”.

Wie ist das möglich?

Zitat:

People do not think in English or Chinese or Apache; they think in a language of thought.

Wenn Sprache den Gedanken vorausginge, wie könnten dann überhaupt neue Worte erfunden werden?

Zitat:

How could a child learn a word to begin with? How could translation from one language to another be possible?

Um noch einmal den Bogen ins Politische zurückzuschlagen:
Die mehrfach umbenannte Partei “Die Linke” (PDS, SED) wird historisch und genetisch immer die unter Stalins Herrschaft erzwungene Zwangsvereinigung von SPD und KPD bleiben, da kann das Etikett noch so häufig gewechselt werden. Die Linke ist schließlich auch Rechtsnachfolger der SED, womit wir wieder beim Titel angelangt sind:

Sprache schafft keine Realität; dass sie auch eingesetzt wird, um Dinge zu verschleiern, zu beschönigen, zu “framen” ist dabei kein Widerspruch.




Kenon - 22.11.2021 um 19:41 Uhr

Schon Johann Gottfried Herder wusste, dass Sprache keine Realität schafft, sondern nur mit Symbolen arbeitet, die sich auf reale Dinge beziehen, ohne sie je ganz erfassen und abbilden zu können. So schrieb er in seinen “Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit” (1784-91):
Zitat:

Keine Sprache drückt Sachen aus, sondern nur Namen; auch keine menschliche Vernunft also erkennt Sachen, sondern sie hat nur Merkmale von ihnen, die sie mit Worten bezeichnet (...) denn daß ein wesentlicher Zusammenhang zwischen der Sprache und den Gedanken, geschweige der Sache selbst sei, wird niemand glauben, der nur zwo Sprachen auf der Erde kennet.
Wenn die heutigen Sprachmaoisten nun wieder und wieder wiederholen, dass Sprache Realität schaffe und man deswegen traditionelle Sprache zum Teil diskriminieren, zum Teil politisch korrekt (und linguistisch fragwürdig) neu erfinden müsse, um so die Realität zu “verbessern”, dann fallen sie einige Jahrhunderte in der Entwicklung des menschlichen Geistes zurück, vielleicht in die Zeit der Hexenprozesse – auf jeden Fall vor die Zeit Herders und damit vor die Aufklärung.




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