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--- Bruno Schulz: Bilder aus dem zerstörten Leben

Kenon - 07.06.2022 um 20:26 Uhr

Bruno Schulz (1892 – 1942) wurde in Drohobytsch (heute Ukraine) geboren und starb auch dort als Opfer des Holocaust. Sein Name ist einer, an dem ich schon oft vorbeigekommen bin, aber gelesen hatte ich bisher nichts von diesem Künstler. Vor einigen Jahren stand ich sogar schon vor einem Häuschen, in dem Bruno Schulz einmal gelebt hat, eine kleine Plakette wies auf diesen Umstand hin. Dass es in seiner ehemaligen Schule eine Art Museumszimmer gibt, das an ihn erinnert, habe ich erst im Nachhinein durch den Dokumentarfilm “Der letzte Jude von Drohobytsch” (2011) erfahren. Dieser Film ist absolut zu empfehlen, wie Bruno Schulz´ überlieferte Erzählungen berichtet er uns von einer untergegangenen Welt, weil die menschliche Evolution althergebrachte Lebensweisen unlebbar gemacht hat, aber auch, weil Deutsche und Russen weite Teile Osteuropas in “Bloodlands” (Timothy Snyder) verwandelten.

Es ist nicht vermessen, Bruno Schulz trotz seines schmalen Werkes in eine Reihe mit Franz Kafka und Joseph Roth zu stellen – jüdische Schriftsteller wie er, die ihre Wurzeln im zerfallenen Habsburger Reich hatten und großartiges in ihren Schriften leisteten.
Bruno Schulz´ Stil ist dabei ganz eigen: Opulent, überschäumend, bildreich und dabei logischerweise recht handlungsarm. Bruno Schulz malte seine literarischen Werke, und da in deren Bildern auch Bewegung ist, können wir uns den Autoren durchaus als schreibenden Zeichentrickkünstler vorstellen: Seine Erzählungen haben den Charakter von Cartoons, in denen phantastische Dinge passieren, und sind zuweilen doch so geistreich, als läse man eine philosophische Abhandlung. Entfernt verwandt erscheinen mir die Erzählungen Jorge Luis Borges´ zu sein, allerdings sind diese viel strenger konstruiert.

Bruno Schulz schrieb polnisch, das Übertragen seiner Werke ist aufgrund des hohen Sprachniveaus eine große Herausforderung. Dass man Schulz umbrachte und so das Entstehen weiterer Werke verhinderte, ist ein immenser Verlust für die Literaturgeschichte der Menschheit. Rein menschlich ist es selbstredend auch ein Verlust gewesen.

Abschließend zwei Textbeispiele aus den “Zimtläden” (1933) in der Übersetzung von Joseph Hahn:

Zitat:

Doch mein Vater hatte indes schon das Programm dieser
zweiten Demiurgie und das Bild dieser zweiten Generation von
Geschöpfen, die in offener Opposition zur herrschenden Epoche
stehen sollte, entwickelt. »Es liegt uns nichts«, sprach er, »an
Geschöpfen mit langem Atem, an Wesen auf lange Sicht. Unsere
Kreaturen werden nicht die Helden vielbändiger Romane sein.
Ihre Rollen werden kurz und lapidar, ihre Charaktere - ohne
weitere Pläne sein. Oft nur für eine Geste, für ein einziges Wort
werden wir uns der Mühe unterziehen, sie für diesen einen Au-
genblick ins Leben zu rufen. Wir geben offen zu: wir werden
keinen Nachdruck auf Dauerhaftigkeit und Güte der Ausfüh-
rung legen, unsere Geschöpfe werden gleichsam provisorisch,
für das eine Mal gemacht sein. Wenn es Menschen sein sollen,
werden wir ihnen zum Beispiel nur eine Gesichtshälfte, einen
Arm, ein Bein geben eben nur das, was sie für ihre Rolle
brauchen. Es wäre Pedanterie, sich um das zweite Bein zu küm-
mern, das nicht zum Spiel gehört. Hinten können sie einfach mit
Leinwand zugenäht oder geweißt werden. Unseren Ehrgeiz
werden wir in folgende stolze Devise legen: Für jede Geste einen
anderen Schauspieler. Zur Handhabung jedes Wortes, jeder Tat
rufen wir einen anderen Menschen ins Leben.

Die Einfahrt eines Zuges in die “Krokodilgasse”:

Zitat:

Hin und wieder, zu unregelmäßigen Tageszeiten, irgendwann
gegen das Wochenende, kann man eine Menschenmenge erblik-
ken, die an einer Straßenbiegung auf den Zug wartet. Man ist
niemals sicher, ob ein Zug kommt und wo er hält, und es ge-
schieht häufig, daß sich die Leute an zwei verschiedenen Punkten
aufstellen, weil sie ihre Ansichten über den Ort der Haltestelle
nicht zu koordinieren vermögen. Sie warten lange und säumen
als schwarze, schweigende Menge die kaum eingezeichneten
Spuren der Gleise, die Gesichter im Profil, wie eine Reihe blasser
Papiermasken, denen man die phantastische Linie des Starrens
eingeschnitten hat. Und schließlich kommt er unerwartet ange-
fahren, ist schon aus der Seitengasse, woher man ihn erwartete,
eingebogen: geduckt wie eine Schlange, miniaturhaft, mit einer
kleinen, schnaufenden, gedrungenen Lokomotive.




Kenon - 23.07.2022 um 23:06 Uhr

Ein Zitat aus dem Essay "Das Mythisieren der Wirklichkeit":

Zitat:

Wir betrachten das Wort gewöhnlich als Schatten der Wirklichkeit und als deren Abglanz. Richtiger wäre die gegenteilige Behauptung: die Wirklichkeit ist Schatten des Wortes. Die Philosophie ist eigentlich Philologie: tiefe, schöpferische Wortforschung.




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