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-- far out --
Autor: gert klimanschewski · Rubrik:
Experimente




-- far out --
Wie privilegiert wir sind. Wir hier in Germany. Heute war ich tanzen. Ich hab's nicht mehr ausgehalten. Lang war's her. 102 Kilo bewegen sich mühselig, aber dennoch, wie konnte ich nur solange darauf verzichten.
Faith Healer, Starlight, U2 und dann Deep Purple, kurz vor dem Remake von 'come together'. Trance, Drum'n base, Rockmix, ich schüttle mich über die Tanzfläche. Alles wird frei.
Angst vor einem Herzschlag habe ich nicht. Ich tanze wie beim 100 Meter Lauf. Vergesse mein Alter, mein Gewicht. Spüre endlich wieder meinen Körper. Training!
– far out – Das ist der Laden, im Disco Style mit Baghwan Poster, wo ich einst mit 14 die Nächte durchgekifft habe. Früher hieß es Treibhaus, in den 70ern. Berlins größter Drogenumschlagsplatz. Das war absolute Freiheit, dealen vor den Türen, vögeln im Park. Bullen und Schlägereien, bis die Knarren rausgeholt wurden. 4 Mal haben sie mich in dem Alter rausgefischt und Zuhause abgeliefert.
Jetzt ist es schön abzutanzen und den Alltag vergessen, überhaupt die Freiheit zu genießen. Alles ist da, Alkohol, nette Menschen, nicht gerade kontaktfreudig, aber mit lächelndem Wesen.

-- Depression –

Vor drei Jahren konnte ich es nicht ertragen in der Wohnung zu sein. Ich konnte gar nichts mehr ertragen. Ich find an zu saufen und hörte auf zu kiffen, da ich zu sensibel wurde. Alles schien unerträglich.
Ich saß den Abend in der Kneipe und blickte katatonisch in die Fensterscheibe, direkt in mein Spiegelbild, welches nur schemenhaft zu erkennen war, aber gerade das machte mich so schön und geheimnisvoll. Nicht schön im Sinne einer schönen Frau, im verwegenen Sinne schön. Lange ungekämmte, zerzauste Haare, dann der dunkle Schatten der Straße. Ich blickte von hier ins dunkle Jenseits, in eine ferne Vergangenheit, ein vorheriges Leben, das wünschte ich mir und hin und wieder konnte ich mich sogar von draußen auf dem Barhocker an der Theke sitzen sehen. Oh du schnöde Realität. Immer wieder kommen Leute rein, als wäre ein Bus vor der Tür gestoppt worden. Na klar, die nächste Kinovorstellung beginnt. Das ist hier eine Kneipe und ein Off-Kino. Früher einmal mit 10, da gingen wir hier zur Jugendvorstellung, da war es nur Kino. Bekannte kommen: "Hast du noch einen Brösel?" "Na klar!"
Abbrechen, Kohle einstecken, einen Joint rollen, weiter abhängen: "Noch ein Bier bitte." Und immer wieder dieses Unglück auf der Seele, diese Schmerzen.
Es war Winter. Am 16. Dezember war mein Freund gestorben. Der Freund. Plötzlich, ohne Sinn. Ohne Einfluss, ohne Schuld. Zu jung mit 53.
Nicht nur Depression, sondern auch Aggression, die ich nicht verarbeiten kann, lastet auf mir. Aggression ist unausgelebte Depression, hat mal einer gesagt. Ich habe Scheiben eingeschlagen und die Wohnung verwüstet, einen Streit vom Zaun gebrochen und Biergläser umgeworfen. Ich muss trinken, bis zum einschlafen.
Der Laden ist voll, die Hektik geht an mir vorbei, denn der Blick in die Scheiben rettet mich und ich kann mich auf die andere Seite des Lebens flüchten.
Dann sehe ich sie. Ein Traum von einer Frau, viel zu schön für mich. Wahrscheinlich auch zu jung. Schwarze lange Haare liegen über einem zierlichen Gesicht. Rote Lippen, worauf ich gar nicht stehe, sind plötzlich erotisch. Ich sehe auf ihre spitzen Mund, wie er am Weinglas nippt. Sie hat eine schöne Nase, auffällig aber nicht zu groß, einfach nur besonders. Ich bin betrunken, aber nicht völlig abgetreten. Entweder gibt es jetzt eine Abfuhr, aber ich muss sie ansprechen.
Sie redet mit mir. Sie ist klein, sie macht mich jetzt schon wahnsinnig, was ich ohnehin bin. Sie ist eine besondere Schönheit und ihr Name klingt wie ein Säuseln im Wind, Moa. Ein Blume würde ich so nennen, wer hatte ihr nur diesen schönen Namen gegeben? Ich spreche sie an und denke, verliebe dich nie in so eine Frau, dann wäre das Unglück perfekt. Sie scheint mir so schon unantastbar genug. Ich weiß nicht mehr wie ich angefangen habe, aber es konnte nicht wirklich bescheuert gewesen sein, sonst hätte es einen Korb gegeben. Sie lacht zu dem was ich sage, auch sie ist verlegen und ihr Lächeln ist so wunderschön.
Ich rede, rede und finde Worte die ihr gefallen. Ich kann nicht anders, ich muss ihr schmeicheln, weil sie mir gefällt.
Ich bin betrunken, aber nicht so betrunken, dass ich nicht alles auf eine Karte setzen könnte, ohne peinlich zu werden.
Draußen ist kalt, Januar, es regnet sogar und dennoch, die öde Kneipe kotzt mich an, ich will weg von hier, mit ihr. Klar am besten nach hause, zu ihr, zu mir? Zu verwegen!
Ich sage: "Sag mal, hast du noch Lust ins 'far out' mitzukommen?" Die Frage scheint mir für diese zierliche Frau so unangemessen. Bei dieser Kälte. Ich setze schnell hinzu: "Ich lade dich ein."
War's das? Kohle hab ich ja noch. Sie lächelt unentwegt, sie hat auch schon einiges getrunken. Sie sagt: "Du willst tanzen?"
Ja, ich wollte tanzen, mit ihr, ohne sie, auf jeden Fall war mir endlich mal wieder zum Lachen zumute, nicht gezwungenes Lächeln, nein, Lachen.
Wir gehen los, es regnet und ich nehme sie in den Arm, um sie mit meiner Jacke zu schützen. Sie schmiegt sich an, sie ist einen guten Kopf kleiner. Ich spüre ihre Arme, ihre Brüste, ich bin glücklich. Unter der S-Bahn Brücke halten wir, lachen. Ich muss sie küssen. Sie küsst mich. Ich streichle ihre Angorapullover, ein zartes Fell auf den weichen Brüsten einer Frau ist auch sehr angenehm. Sie hat schöne Brüste und sie küsst hervorragend.
Wir schlendern durch die Straßen und ich Dummbatz erzähle über meine Sorgen, über meine Kinder. Sie ist nicht viel jünger als ich und sie hört zu. Wir Küssen, laufen, streicheln.
Dann kommen wir an und tanzen sofort los. Ich war noch nicht so beleibt, eher normal für 40, 90 Kilo. Wir schwitzen und wir trinken weiter. Stunden vergehen.
Und dann? Sie rastet aus, sie tritt mich auf der Tanzfläche ins Schienbein, ohne dass vorher ein böses Wort gefallen wäre, sie schreit mich vor allen Leuten an.
"Was willst du eigentlich hier, wieso bist du nicht bei deinen Kindern?"
Sie packt ihre Klamotten und rennt raus. Ich habe sie nie wieder gesehen!
-- Depression --
Meine Irrationalität hätte mir damals schon gereicht, aber so gab's noch einen drauf. Wieder allein!

Heute ist das 3 Jahre her und ich war wieder tanzen. Ich werde wieder hingehen, weil die Bewegung mich befreit, weil die Musik mich antörnt und weil ich den Luxus genießen darf. Ich lebe hier und habe keine existenziellen Sorgen, nicht wirklich, HartzIV schützt uns alle, nur nicht vor Depressionen.




Einstell-Datum: 2005-01-20

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

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