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Die Mischmaschine
Autor: Itzikuo_Peng · Rubrik:
Kurzgeschichten

Als Willfried Froehlich eines Morgens aus feuchten Träumen erwachte, fand er sich unter seinem Bett in eine Schnecke mutiert.

Nein. So nicht. Hatten wir schon.

Kunigunde pfefferte nach.

Gab´s bereits. Anders, bitte.

Die Geschichte Heinz Ketschups, die wir erzählen wollen …

Nein. Auch nicht. Merkt sowieso gleich jedes. Nochmal also. Ich? Du? Er? Sie? Es? Wir! Ihr? Sie? Meindeinsein, unsereuerihr.

Ich steige aus dem Auto. Unter meinem Arm ein Koffer voller Bücher. Mit dem habe ich was vor. Mein Arm schmerzt. Es ist der rechte. Der Koffer ist schwer. Aber die letzte Strecke muss ich zu Fuß gehen. Den Wagen habe ich am Waldrand stehen lassen müssen. Die Erde ist weich unter meinen Füßen, es hat frisch geregnet. Ich sinke ein, bei jedem Schritt, und der Koffer unter meinem Arm wird schwerer in dem Maße, wie es dunkler wird um mich herum. Die Bäume stehen Mann an Mann. Immer dichter, so scheint es mir. Passt zu meinem Vorhaben. Wenn er nur da ist wie vereinbart. Hat mich eine Menge Geld gekostet, der Knabe. Wir werden ja sehen. Ärgerlich wär´s schon.

Ich fange an zu schwitzen und laut zu schnaufen. Ich muss eine Pause einlegen. Wohin mit dem Koffer. Ein glatter Strunk dient als Tisch. Durchatmen. Ein Blick auf die Uhr: Ich habe noch Zeit. Kein Grund zur Eile. Und wenn es ein Hinterhalt ist? Nur nicht wieder so denken. Nicht denken. Weitergehen. Wird schon. Deine Empfehlungsgeber sind seriös. So sagt man. Und wenn aber doch ... Lass es! Weiter!

Ich nehme den Koffer unter den linken Arm. Der linke Arm ist mein schwächerer Arm, mal sehen, wie lange es geht. Wie weit wird es noch sein. Die Richtung stimmt, denke ich: Da sind die grünen Wanderpfeile in weißen Rundfeldern, in Augenhöhe alle paar Bäume metallen aufgetackert. In den Siebzigern war hier einer der ersten Trimmdichpfade hergerichtet eingerichtet hingerichtet worden, erinnnere ich mich. Da war ich noch etliche Pfunde leichter gewesen. Muss doch tatsächlich kurz lachen und den Kopf schütteln. Ich bewerkstellige während des Gehens den erforderlichen Armwechsel links rechts. Muss mal wieder Hanteltraining machen, zumindest linksseitig. Wie man doch verflascht mit den Jahren.

Durchs Dunkel der rauschenden Blätter schimmert Licht. Das muss die Hütte sein. Was mache ich hier eigentlich? Daran ist nur mein Ego schuld, dieses lästige Huckepackgepäck. Ich hätte ja auch Nein sagen, es lassen können, da kann niemand was für. Selbst schuld, wie man so sagt. Noch kann ich umdrehen. Noch gehe ich weiter. Schon steige ich glitschige Holzbohlen empor, den Koffer wieder links, wechsele ihn aber nach rechts, als ich vor der Tür der Hütte stehe. Dann doch wieder nach links, denn schließlich werde ich gleich jemandem die Hand reichen.

Ich klopfe. Sofort öffnet mir ein Mann, dessen Alter sich nicht schätzen lässt. Er hat den Schädel kahl geschoren und trägt einen grauen Flanellanzug, darunter ein weißes Hemd und eine Seidenkrawatte, deren gewagtes Muster mich an ein Kaleidoskop aus meiner Kindheit erinnert. Dessen Inneres war zerstört gewesen infolge Milchdrüberschüttens und Gegendiewandwerfens. Aber je mehr es malträtiert worden war, desto interessanter hatte sich das gebrochene Licht beim Hineinschauen und Drehen in den Farbplättchen dargeboten. Der Mann bemerkt, wie ich seine Krawatte fixiere, und hüstelt zurordnungrufend.

#Entschuldigen Sie#, sage ich verlegen, #aber Ihre Krawatte ...# Noch immer kann ich meinen Blick nicht losreißen. Ich klebe an den Farben.
Er sagt: #Schon in Ordnung#, dreht sich kurzerhand um hundertachtzig Grad, und ich bin wieder da. Erst jetzt spüre ich erneut die Last des Koffers und stelle ihn auf den Bohlen ab.
#Wollen wir gleich beginnen?#, gibt er, zum Höflichkeitsheuchelschein fragend, die Marschrichtung vor.

Er steht, mir den Rücken zugewandt, in der Mitte des karg eingerichteten Raumes, der Vereinen und Wochenendausflüglern schon für manches Fest den Rahmen geboten haben mag. Dominant deutet er auf die chromene Maschine auf dem Tisch. Ich habe sie mir größer vorgestellt, etwa vom Kaliber einer Betonmischmaschine. Das hier sieht aus wie der Fleischwolf meiner Oma mütterlicherseits – Gott sei ihrer Seele gnädig. Zum Nudelndurchdrücken. Reißwolf für Kontoauszüge von privat. So klein. Fast schon bin ich enttäuscht. Für so viel Geld.

#Ist sie das?#, frage ich.
Er nickt. #Kurz noch zu den Formalitäten. Sie müssen zuerst unterschreiben. Bezahlt war schon.#

Er dreht sich um, hält mir ein Blatt Papier und einen Stift entgegen. Ich unterschreibe blind, kenne ich doch den Vertragsentwurf, der mir schon Wochen zuvor zugestellt worden war. Man weiß sich vorzubereiten. Alles ist perfekt. Das klappt am Schnürchen. Ich spüre ein Vibrieren in mir. So kurz davor ... Da kann jetzt nichts mehr schief gehen. Meine Güte! Und das mit Garantie! Na, bei soviel Geld soll´s auch mal anders.

Noch einmal schaue ich kurz auf meine Unterschrift, die heute zum ersten Mal nicht wie meine Unterschrift aussieht. Nicht annähernd. Aber das scheint dem Mann egal zu sein. Er weiß um meinen pünktlichen Zahlungseingang, und der Rest scheint Routine. Die Unterschrift ist nur falls. Man weiß ja nie.

#Wenn Sie nun den Koffer öffnen würden.#
Diese kalte Dominanz in seiner Stimme. Furchtbar. Ich zögere für einen Moment, denke Dukannstmichmal, komme ins Zweifeln. Ich mach mich grad zum Deppen. Ich hab das nicht nötig. Wer bin ich eigentlich. Ich gehe wieder. Mein Koffer (vom Opa väterlicherseits). Meine heiligen Bücher. Vor diesem ... Killer?

Ich lege den Koffer auf den Tisch und öffne ihn. Meine Klassiker. Die meisten im Antiquariat erstanden. Was habe ich sie gemocht. Teilweise selbst restauriert. Für welchen Preis. Nur für einen Anfang. Für einen popeligen Anfang. Das ist es nicht wert. Das ist es wert. Bestimmt. Ist es nicht. Ist es doch! Nein! Doch! Wirst sehen! Ich glaub´s nicht! Wart´s ab!

Der Mann zieht sich Handschuhe über, durchsichtige, feinhäutige, als wolle er chirurgisch operieren. Die schwarzen Haare seiner Hände schmiegen sich gefügig zu kleinen Strichen unter dem künstlichen Stoff. Er betätigt einen kleinen Hebel an der Maschine, die mit einem kaum hörbaren Surren anläuft. Dann greift er sich das erste Buch und legt es auf die Maschine. Sie greift, sie schnarrt, und schneller, als das Auge blicken kann, ist das Buch verschwunden: weg zerfastert aufgebröselt wasauchimmer. Keine Reste bleiben zurück. Kein Dampf steigt auf. Kein Staub wirbelt durchs Zimmer. Nichts. So geht es Buch um Buch. Buch auflegen – Buch weg. Buch auflegen – Buch weg. Saubere Arbeit – für soviel Geld.

Ich stehe und starre und kann nicht folgen. Ausgemalt hatte ich es mir, seit Wochen schon, wähnte mich beteiligt in irgendeiner Form: Spaten reichend, Kurbeln drehend, anpackend irgendwie an einer großen Mischmaschine, und jetzt. Ratzfatz verschwindet der Inhalt meines Koffers in diesem kleinen Apparat. Zeit schreitet voran. Bist nicht mehr auf dem Laufenden. Musst dich mal besser informieren, nächstens.

Der Mann schaltet die Maschine aus und entledigt sich nahezu lautlos seiner Handschuhe.
#So#, sagt er gegen die Wand, rührt sich nicht. Kein Geräusch mehr. Zwei atemlose Atem, eine Erwartung, keine Auflösung.
#Das war´s schon?#, frage ich trottelig, um die Stille zu überbrücken.
#Das war´s#, sagt er, arrogant-untertonig.
#Und ...#, setze ich zu fragen an.
#Kommt gleich.#

Es schneidet die Luft die Stille im Raum, mein Koffer leer auf dem Tisch, ich nicht wohin-wissend mit meinen Armen und meiner Erwartung, dann die Maschine, summend, spuckend aus ein kleines Blatt Papier. Der Mann nimmt es, bevor es zu Boden segeln möchte, geschickt, wie er es auffängt, mit einer grazilen Handbewegung, schaut nicht einmal drauf, so sicher ist er, und reicht mir den Zettel:

Als Willfried Froehlich eines Morgens aus feuchten Träumen erwachte, fand er unter seinem Bett die Geschichte Heinz Ketschups zu einer Schnecke mutiert, und Kunigunde pfefferte nach.

Ich freue mich nicht, bin lediglich endlos erleichtert, bedanke mich bei dem Mann, frage ihn, ob er mir gelegentlich seine Krawatte ausleihen könne, er entknotet sie, schenkt sie mir, sagt, sie sei im Preis des Arrangements inbegriffen, man wisse das im Vorhinaus – kichert dabei gekünstelt und schüttelt sich lachsackhaft –, drückt mir die Hand, fragt mich, ob ich ihm meinen Koffer (Opa väterlicherseits) gelegentlich mal ausleihen könne, ich schenke ihn ihm, sage: #Es ist mir eine Freude#, er freut sich, drückt mir die Hand fester, ich befreie mich aus seinem Klammergriff, und fliehe in die Nacht, den Zettel in der rechten Hand.


Aus dem Buch quodlibet - Gedichte - Geschichten - Experimentalien
https://www.bod.de/buchshop/quodlibet-thomas-laessing-9783752848373


Einstell-Datum: 2018-12-09

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

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