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Tobias und der Wurm
Autor: gert klimanschewski · Rubrik:
Humor & Satire



Was ist ein "Compunaut"?
Ihr kennt nur Hacker, Whacker und Scriptkiddies?
Noch nie von einem Compunauten gehört?
Während sich Hacker, Whacker und Scriptkiddies mit den vorhandenen Mitteln der Computertechnologie auskennen und dieses Erlernte dann einsetzen, um Systeme zu kompromittieren, ist der Compunaut von gänzlich anderem Schlage. Auch er kennt sich bestens mit den bestehenden Software und Hardware Systemen aus und ist in der Lage zu programmieren. Darüber hinaus aber versucht er permanent die Computertechnologie zu revolutionieren und gänzlich andere Systemarchitekturen zu realisieren. Er hat kein Interesse an der Programmierung von banalen Viren, trojanischen Pferden und Würmern. Er versucht ständig, die seines Erachtens veraltete gegenwärtliche Computertechnologie zu erneuern. Dabei versucht er vollständig neue Wege zu bestreiten und baut seine Hardware selbst, erfindet eigene Programmiersprachen, die auf eigens dafür angelegten Zeichensätzen basieren. In der Regel haben diese prototypenhaften Systeme, nichts aber auch gar nichts mehr mit derart Computern zutun, wie wir sie kennen.
Diese besessenen Menschen nennt man Compunauten, da sie sich mit Leib und Seele der Entwicklung dieser Systeme zuwenden und im Gegensatz zu Viren- und Wurmprogrammierern nicht mit der Lahmlegung von Serverarchitekturen zufrieden geben. Sie sind auch nicht destruktiv, sondern ein Compunaut arbeitet immer zum Wohl des Systems, zum Wohl der Gesamtentwicklung.

Tobias war schon mit 13 Jahren ungewollt ein Scriptkiddie und in der Lage aus vorhandenen Programmcode, wesentliche Teile zu extrahieren, so dass er diese Teile in einer neuen Synthese mit anderen Teilen so zusammenfügen konnte, dass er danach ein virusartiges Programm erhielt, welches fremde PCs befallen und deren Daten ausspionieren konnte. Allerdings war ihm damals schon klar, dass dies nicht die Erfüllung für ihn bedeutete, aber aufgrund seiner hohen Intelligenz musste er sich ja mit etwas beschäftigen. Anfangs war es jedoch nicht mehr, als der erste Kontakt mit dieser Technologie. Einerseits war Tobias ein normales aufgewecktes Kind, welches auch gerne spielte, anderseits deutete sich schon früh in seiner Jugend an, dass er immer wieder intellektuelle Abwechslung suchte, die ihm selbst, so manch ein Erwachsener nicht bieten konnte.
Tobias hatte schnell einen Einstieg in die Computertechnologie gefunden, zumal ihm das Internet eine Fülle von Informationen liefern konnte, die er sonst mühselig aus Büchern hätte zusammen suchen müssen. Es fiel ihm nicht schwer zu begreifen, dass man gleich beim Erlernen einer Fremdsprache, zum Programmieren, Syntax und bestimmte Vokabeln lernen musste, um letzten Endes Software zu generieren, die sich dann auf einem handelsüblichen Computer ausführen ließ. Es dauerte nicht lange, bis er darin keine Herausforderung mehr sah, aber als solches war er von der Imagination, die ein Computersystem ausstrahlt, doch sehr angetan. Er war der festen Überzeugung, dass die bestehenden Systeme schon an ihren Wurzeln, der so genannten Hardware, einer Beschränkung unterlagen, die eine wirkliche Weiterentwicklung unmöglich machte. Ihn faszinierte der imaginäre Datentransfer, welcher über binäre Algorithmen unter Einwirkung von Elektrizität Zustande kommt.

Seit diesen ersten Berührungen mit Computern wuchs in ihm das Verlangen, etwas wirklich Neues zu entwickeln, was jedoch noch einige Jahre dauern sollte.

Tobias wuchs in einer gut situierten deutschen Familie auf und machte seinen Eltern selbst in der Pubertät nur Freude, da er im Gegensatz zu vielen anderen Jugendlichen Spaß am Lernen hatte und in der Schule stets Klassenbester war. Es gab so gut wie keine Verfehlungen in seinem Lebenslauf. Er rauchte nicht, mied den Alkohol und andere Drogen, Mädchen fand er toll, aber zu dumm, um sich wirklich für sie zu interessieren und auch unter den Jungen seines Alters war ihm kaum einer gewachsen, so dass eine Freundschaft sinnvoll erschien. Tobias war aber weder arrogant, unfreundlich, noch gemein, er war stets hilfsbereit, was ihn nicht vereinsamen ließ, da er gerne den Anderen Nachhilfeunterricht gab, ohne bestimmte Gegenleistungen zu erwarten, selbst von den weiblichen Probanden. In der Regel sah sein Tagesablauf aber so aus:
--Sehr früh aufstehen!
--Schule oder Studium, dazwischen, in den Pausen, Bücher lesen.
-- Nachmittags legte er sich eine Stunde hin.
-- Am Abend ging er seinen wissenschaftlichen Hobbies nach, um meist sehr spät, todmüde einzuschlafen.

Für einen jungen Menschen hört sich das sehr diszipliniert und wenig aufregend an. Tobias war damit zufrieden.

Es muss der 5.7.2007 gewesen sein, als weitab von aller Öffentlichkeit in seinem Kopf die Idee für eine computertechnologische Revolution entstanden war.
In den letzten zwei Jahren hatte er mit Halbleiter-Techniken experimentiert und biomolekulare Forschung betrieben und dies obwohl seine zwei Hauptstudienfächer, atomare Integrität und Physik ihn nicht minder vereinnahmten.
In seinen Versuchen hatte Tobias feststellen können, dass organisches Leben, welches in der Regel aus molekularen Ketten besteht, ähnlich wie Atome, in einen bestimmten energetischen Zustand versetzt werden kann. Moleküle konnten jedoch im Gegensatz zu Atomen, in bestimmter Art und Weise so kombiniert werden, dass man dann von einem Organismus reden konnte, der in der Regel lebensfähig und mitunter auch fortpflanzungsfähig war.
Die Computerindustrie hatte sich in den letzten Jahren dahingehend entwickelt, dass Daten durch die Ausrichtung einzelner Atome gespeichert werden konnten, man war also bis hin zur atomaren Struktur vorgedrungen und in der Lage Datenspeicher herzustellen, die es möglich machten, mehr als das 10.000fache an Daten zu speichern, als bei gleicher Größe auf üblichen Festplatten. Der schnelle Zugriff auf diese Daten war der nächste Schritt, den es zu realisieren galt und man erreichte schon 2005, Nano-Herz-Frequenzen für eine überzeugende Taktrate.
Tobias hatte dies alles nicht so sehr beeindruckt wie seine eigenen Erkenntnisse im organischen Bereich.
Atome auszurichten und nach positiv und negativ zu ordnen schien ihm zu einfach und viel zu wenig flexibel. Seine Datenspeicher sollten eben nicht nur Daten speichern, sondern diese Daten auch in Echtzeit parallel verarbeiten können und dies, während sie im gleichen Augenblick auch transportiert werden.
Normalerweise berechnet ein Systemprozess lokal, an einem Ort, erst einmal, die an ihn gestellte Anforderung, um dann nach Abschluss der Berechnung, einem anderen Prozess mitzuteilen, dass diese Daten nun transportiert werden können, was dann von anderen Funktionsteilen eines Computers übernommen wird. Ebenso werden die Daten entweder bearbeitet oder sie ruhen und sind gespeichert.
Dies schien ihm umständlich und langsam.
Er beschäftigte sich mit Nervenzellen, Proteinen und Botenstoffen auf biologischer Ebene und versuchte durch verschiedenste Kombinationen von lebenden Zellen, Hardware zu imitieren. Bei seinen Versuchen schreckte er selbst davor nicht zurück, die menschliche DNS zu manipulieren, um deren Bausteine für seine Zwecke benutzen zu können.

Wir wissen noch recht wenig über die vielfältigen Formen von Materie, vor allem wenn sie sich in einem energetischen Zwischenstadium befindet und es ist anzunehmen, dass auf diesem Gebiet noch revolutionäre Entdeckungen gemacht werden. Auch Tobias hatte nicht wirklich eine Ahnung, was im Universum tatsächlich für Gesetzmäßigkeiten herrschten und es war auch nicht seine Absicht Grundlagenforschung zu betreiben. Er hatte ein konkretes Ziel vor Augen, was immer auch notwendig war dafür zutun, er würde es versuchen.

Ein wirklicher Forscher, ich meine ein Forscher, der tatsächlich auch allen moralischen und ethischen Anforderungen gerecht werden will, würde so vorgehen:
n Er hat ein Ziel vor Augen
n Aufgrund seiner wissenschaftlichen Bildung, betreibt er von einer bestehenden Ausgangslage aus Feldforschung, macht Versuche und überprüft jene.
n Kommt er seinem Ziele näher, dann ist er nicht blind, sondern versucht nun die Grundlagen zu erkunden, die zum Erfolg seiner Versuche bestimmend waren. Durch diese Untersuchung gelingt es ihm aber auch, grundlegende Gesetzmäßigkeiten zu erkennen und den Faktor Zufall, der Nebenwirkungen erzeugen könnte, einzugrenzen, wenn nicht auszuschalten.

Nehmen wir zum Beispiel die Atombombe. Für einen vorbildlichen Wissenschaftler ist es nicht ausreichend Atome zu einer derartigen Explosion zu bringen, sondern er würde erkennen, welche Nebeneffekte sich daraus ergeben und solange forschen, bis er die Gefahren gebannt hätte. Nun kann er eine saubere A-Bombe an die Militärs weitergeben, die diese dann beruhigender Weise auf Städte schmeißen könnten, ohne die Bevölkerung zu verstrahlen.
In der menschlichen Geschichte gab es leider keine dieser ethisch sauberen Wissenschaftler und auch Tobias hatte nur sein Ziel vor Augen.

Nachdem sich Tobias in die wichtigsten Gebiete molekularer Forschung eingelesen hatte, begann er verschiedene Versuchsreihen mit organischem Material durchzuführen. Um es etwas einfacher zu sagen, er betrieb Tierversuche.

Tobias untersuchte Mäuse, in denen Neurexine - eine bestimmte Klasse von Zelladhäsionsmolekülen - defekt sind. Zelladhäsionsmoleküle sind Proteine in der Zellmembran, denen bisher hauptsächlich strukturelle Aufgaben zugeschrieben wurden. Neurexine werden in die synaptische Membran der vorgeschalteten Zelle eingelagert, wo sie mit anderen Proteinen Wechselwirkungen erzielen und zudem Proteine in der Membran der nachgeschalteten Zelle erkennen können.
Ich weiß, solche Aussagen fragmentieren das normal sterbliche Gehirn.
Es soll dennoch nicht unerwähnt
bleiben und kann das Allgemeinwissen des Einen oder der Anderen etwas erweitern: "Organisches Leben und Computer funktionieren elektrisch."
Da die Forschungsabsichten von Tobias im Wesentlichen von einer gut gemeinten Motivation ausgelöst wurden, war er auch nicht schludrig in seiner Arbeit und dokumentierte alles akribisch.

Hier ein kleiner Auszug seiner unveröffentlichten Dissertation mit einigen schlagkräftigen Überschriften:

Ionenkanal auf Elektronenkanal – Molekularbiologie und Mikroelektronik
Kontaktleitfähigkeit – festkörperelektronische und molekülelektronische Sonden
Nervenerregung und Siliziumchip – Detektion und Stimulation


….Lassen sich die beiden Systeme direkt miteinander vernetzen über „Bondkontakte“ zwischen
Halbleiterchips und Arealen der Hirnrinde?
Hierfür gilt es als erstes, die elektrischen Signale von der Mikroelektronik des Halbleiters auf die Ionik einer Nervenzelle zu übertragen und umgekehrt. Eine Korrosion des Halbleiters und eine Schädigung der Zelle durch elektrochemische Prozesse wird vermieden bei einer Kopplung über das elektrische Feld: Mikroskopische Halbleiter- und Zellenstrukturen müssen sich so nahe kommen, dass sie sich durch lokale elektrische Felder wechselseitig beeinflussen.
Wenn wir die Physik dieses ionisch-elektronischen Interfacing verstehen und beherrschen, können wir beginnen, einfache, hybride Netzwerke aus Nervenzellen und Mikroelektronik aufzubauen und schließlich ernsthaft über so
phantastische Projekte wie bioelektronische Neurocomputer und mikroelektronische Neuroprothesen nachdenken.
Nervenzellen haben einen Durchmesser von 10–100 nm und werden von einer elektrisch isolierenden Membran,
einer Lipidschicht, begrenzt. Die dünne Schicht (etwa 5 nm) trennt den wässrigen Elektrolyten des Außenraums mit etwa 100 mM (100 Millimol/lit) Natriumchlorid vom Zellinneren mit etwa 100 mM Kaliumchlorid.
Die Stromleitung durch die Membran wird durch molekulare Ionenleiter mit einer Leitfähigkeit von 10–100 pS getragen – spezifische Ionenkanäle etwa für Natrium und Kalium. Als elektronisch leitendes Festkörpersubstrat für die Nervenzellen hat sich Silizium bewährt:
(i) Mit etablierten Methoden lassen sich im Halbleiter mikroskopische, elektronische Elemente herstellen.
(ii) Geschützt durch eine dünne, thermisch gewachsene Siliziumdioxidschicht (etwa 15 nm), ist Silizium in der eher feindlichen Elektrolytumgebung stabil, wenn es auf positiver Vorspannung….bla, bla, bla.


Seine Forschungsarbeit überstieg bei weitem die Qualität einer Doktorarbeit und noch im jungfräulichen Alter von 22 Jahren gelang ihm der große Durchbruch. Die Tierversuche bildeten die Basis für die späteren Versuche, die ausschließlich in Nährlösungen durchgeführt wurden. Er hatte es geschafft durch die Manipulation von DNS und Ribosomen im inneren von Zellen bestimmte Aminosäuren herzustellen, die in Verbindung mit katalytisch wirkenden Botenstoffen einen künstlichen Organismus zu erzeugen, der durch minimale Ströme angeregt, lebensfähig war und Nervenzellen produzierte, die in Hypertaktfrequenzen Daten verarbeiten konnten.
Das Problem lag nun darin, dass er diese kleinen mikroskopischen Organismen nur in der Nährlösung am Leben erhalten konnte und noch keinen Weg gefunden hatte, Peripheriegeräte, wie Bildschirm, Drucker, Scanner oder ähnliches anzuschließen. Noch nicht!

Durch unzählige Versuche die DNS zu manipulieren war es ihm gelungen, diesen kleinen Organismen zumindest sensorische Fähigkeiten einzuverleiben. Die Eigenschaften seiner Organismen waren klar umrissen:
n Sie sollten Daten aufnehmen können
n Sie sollten Befehle verarbeiten können
n Sie sollten das Ergebnis dieser Befehle zu anderen Schnittstellen weiterleiten können oder an andere Orte in einem vernetzten System.

Noch waren die Versuchsergebnisse eher vage und konnten nicht wirklich festgehalten werden, da ihm bisher noch keine Prüfungsroutine eingefallen war, die direkt nachweisen konnte, dass seine Organismen diese drei Ziele erreichten.
Wie so oft in der wissenschaftlichen Forschung kam ihm der Zufall zur Hilfe, um genau zu sein, es kam ihm eine Verkettung von zufälligen Umständen zur Hilfe.
Sein erster Beweis beschäftigte sich damit, dass er nachweisen musste, dass seine Organismen überhaupt in der Lage waren Daten aufzunehmen und abzuspeichern. Dies allein war jedoch schon sehr schwer, denn um zu beweisen, dass dort Daten gespeichert waren, hätte er sie abrufen müssen. Da ihm aber jegliche Technologie fehlte, um seine Organismen an externe Geräte anzuschließen, biss sich sozusagen die Schlange selbst in den Schwanz.
Eines Abends jedoch, kam völlig unvorbereitet seine Studienkollegin Maritta ins Labor. Tobias hatte nicht die geringste Ahnung, wie es um sie gestellt war, in welcher Gefühlslage sie sich befand. Maritta war Biologiestudentin gleichen Semesters. Allgemein war sie eher schüchtern als extrovertiert, allerdings sehr weiblich, wenn auch nicht als Sexbombe zu bezeichnen, da sie sich eher zugeknöpft kleidete. Tobias traf sie des Öfteren in der Mensa und sie war so ziemlich die Einzigste im gesamten Campus mit der er hin und wieder Gespräche führte. Ihm war bis zu diesem Tage nicht klar geworden, dass Maritta sich in ihn verguckt hatte.
Zuerst wollte er sie nicht ins Labor lassen, doch sie schien etwas wirklich Wichtiges mit ihm besprechen zu wollen und ließ sich nicht abwimmeln. So setzten sich beide an den Labortisch und Maritta begann ihm ihre Gefühle zu offenbaren. Es dauerte mehrere Minuten bis Tobias realisierte worum es hier eigentlich ging und sah sich plötzlich in einer für ihn ungewollten Lage, die er nun versuchte ihr auszureden. Er fühlte sich zwar geschmeichelt, denn ehrlich gesagt, als Mann hätte er dringend solch eine Bekanntschaft nötig gehabt, doch er war ein Mensch des Ratio und jener sagte ihm, dass er sich ihr verweigern müsse. Von Gefühlen wollte er nichts wissen. So ging das Gespräch Stunde um Stunde, Argumente hin und Argumente her. Sie erklärte ihm, wie sehr sie sich nach solch einem Menschen wie ihn sehnte und welche Vorzüge doch eine Beziehung zwischen Mann und Frau haben könnte. Er wiederum hatte viele Begründungen dagegen, vor allem fehlten ihm die Erfahrungswerte, um einer Beziehung zu einer ausgewachsenen Frau wirklich etwas abgewinnen zu können.
Erst nachdem der nächste Morgen angebrochen war, beendeten sie den Disput und Maritta verließ das Labor mit den Worten. "Überleg dir das alles Mal, ich habe es nicht wirklich eilig und kann noch ein wenig warten. Wir würden bestimmt gut zusammen passen…"
In Tobias drehten sich die Gedanken, doch im Augenblick stand sein Entschluss fest. Er mochte sie gut leiden, aber mehr konnte er sich nicht vorstellen.
Endlich war sie gegangen und er konnte noch schnell ein, zwei Dinge überprüfen, bevor auch er übermüdet nach Hause gehen wollte, um sich auszuschlafen, nach dieser Liebesnacht, die eine neue Erfahrung für ihn mitgebracht hatte.

Er blickte durch das Elektronenmikroskop und wischte sich den Schlaf aus den Augen. Im ersten Augenblick schien es, als wäre sein Organismus um etliche Nanomillimeter gewachsen. Das war bisher noch nie nachzuweisen gewesen. Jetzt war er jedoch unsicher und überprüfte sofort seine Aufzeichnungen, um dann erstaunt festzustellen, dass dem tatsächlich so war. Ein spontanes Wachstum hatte in dieser Nacht eingesetzt und Tobias wäre nicht Tobias gewesen, wenn sein IQ nicht in der Lage gewesen wäre, aus diesem Sachverhalt die richtigen Rückschlüsse zu ziehen.
Bei seinen Versuchen, den Organismus mit Daten anzureichern, hatte er bis zum heutigen Tage nur mit elektrischen Impulsen gearbeitet und somit I (Einsen) und 0 (Nullen) gesendet. Jetzt aber folgerte er, dass andere Äußere Einflüsse wie z.B. Sprache geeignet dazu sein könnte, um Schwingungen zu übertragen, die der Organismus aufnehmen könnte. Was sonst konnte es gewesen sein und normalerweise gab es während seiner Versuche in dem Labor keine weiteren Schwingungen, denn er sprach weder mit sich selbst, noch hörte er Musik oder erzeugte sonstigen Lärm. Zumal dieser Organismus auch erst in jener Form wenige Tage alt war.
Nach diesem Gedanken entschloss er sich eine Gegenprobe zu machen und besorgte sofort ein Radio, welches er direkt neben das Reagenzglas seiner Probe stellte und laut aufdrehte.
Er konnte es kaum erwarten einen weiteren Blick durchs Mikroskop zu werfen. Nach 23 Minuten hielt er es nicht mehr aus. Ein kurzer leichter Seufzer entrann seiner Kehle, die Probe war abermals gewachsen.

So ein Realo wie er war, erkannte er trotz seiner Euphorie, dass er kaum in der Lage war, jetzt weiter zu arbeiten. Die Müdigkeit könnte ihn zu falschen Schlüssen verleiten und Tobias ging schweren Herzens schlafen.
Am gleichen Tag, am späten Nachmittag war er wieder im Labor und wiederum bestätigte sich, was er am Morgen feststellen konnte. Insgesamt war die Probe um ca., 7,65894% gewachsen und jetzt 1,13 Nanomillimeter groß.
damit war ein weiteres Problem zu lösen, denn jetzt wäre zu beweisen, dass tatsächlich Daten zur Vergrößerung geführt hatten und das diese nun auch wieder abgerufen werden müssen. Aber wie?
Seine Euphorie verflüchtigte sich etwas, denn im Augenblick fehlte ihm jeder Ansatz für die Lösung dieses Problems.
Er wälzte seine Aufzeichnungen, startete elektromagnetische Messungen am und im Reagenzglas und seine Verwunderung wich einer negativen depressiven Stimmung bis Maritta am späten Abend erneut ins Labor trat. Es war das erste Mal in seinem Leben, dass er sich freute nicht mehr allein zu sein und obwohl er auch Maritta nur wenig über seine Hobbyversuche erzählt hatte, konnte er jetzt nicht mehr inne halten und musste sie einweihen. Maritta war eine geduldige Zuhörerin aber auch intelligent und einfühlsam genug, die Gunst der
Stunde zu erahnen.
Umso mehr Tobias ihr über seine Forschungen erzählen konnte, umso mehr kam seine Euphorie zurück, die sie mit ihm teilte. Aber bei all dem Zuhören vergaß sie nicht, mit ihrer ganzen Weiblichkeit Einfluss auf ihn zu nehmen. Während er aufgeregt erzählte wie und was er in den letzten Wochen getan hatte, strich sie zärtlich durch seine Haare oder streichelte seine Wangen. Sie setzte sich auf seinen Schoß und trotz seiner Unerfahrenheit in Sachen Liebe, erkannte er den bestimmten Punkt, wo sie sich so nah gekommen waren, dass sie sich küssen mussten.
Bei aller Molekularbiologie, dies war eine wirklich neue Erfahrung für ihn. Er hatte nicht gedacht, dass ein anderer Mensch so gut riechen und schmecken könnte. Sie schmiegte sich an ihn und er spürte ihre prallen Brüste an seiner. Maritta wechselte geschickt die Position auf seinem Schoß, von rittlings, direkt nach 'face to face' und mit einem Ruck entledigte sie sich ihrem Pullover, so dass er nun auch genau sah, was da so weich an seinen Oberkörper drückte. Nur noch ein schlaffes Unterhemd trennte nun ihre nackte Haut von seiner Berührung. Maritta drückte seinen Kopf zwischen ihre beiden wohlgeformten Busen und natürlich kam er nicht umhin die beiden dunkelroten Brustwarzen abwechselnd zwischen die Lippen zu nehmen und wie ein Kleinkind daran zu nuckeln.
Nun, ich will den geneigten Leser nicht weiter mit diesen Schweinkram belästigen und sage auch ausdrücklich, dass ich dies alles nur deshalb so detailliert beschreibe, da es für die Gesamtvorgänge unablässlich ist.
Wer schon soweit im geistigen Austausch mit einer Frau gekommen ist, dem bleibt selbst als unerfahrener Liebhaber nichts anderes übrig als auch durch die nächste Instanz zu gehen. Und so geschah es, dass Tobias von einem ihm völlig unbekannten wilden Gefühl geleitet, Maritta von seinem Schoß hoch hob und auf den Labortisch setzte. Er öffnete sich schnell und eigentlich sehr geschickt die eigene Hose und ebenso schnell befreite er Maritta von ihrer Jeans, die nichts dagegen hatte.
Dann vollzogen sie den einfachen Geschlechtsakt. Maritta gefiel wie Tobias in sie eindrang und immer wieder und immer wieder, bis sie merkte, dass er explodieren würde. Sie sagte: "Mach weiter, mach weiter Tobs", schlug wild um sich und im Labor klirrten plötzlich etliche Gläser.
Tobias dachte jetzt nur daran, wie schön es doch wäre, wenn er dies jeden Tag erleben könnte.

Wie es nun einmal so ist im menschlichen Dasein, kommt nach den größten Momenten ein kleiner Augenblick der Besinnung und des energetischen Abfalls. Fest umschlungen keuchten Beide, immer noch ineinander vereint.
Maritta sagte: "Das war schön, Tobs". Tobias war nicht in der Lage etwas zu sagen. Sein Gesicht lag auf Marittas Schultern, teils von ihrer welligen braunen Mähne verdeckt. Sie streichelte über seinen Rücken und kraulte ihm den Hinterkopf. Erst als er die Augen aufschlug unter hinter Maritta über den Labortisch blickte, erklang ein heftiger Schrei.
So wild wie er sie auf den Labortisch gesetzt hatte, hob er sie mit einem Griff an den Hüften, in einem Schwung vom Tisch und stellte sie verdutzt in den Raum.
Alles was sich vorher auf dem Tisch befunden hatte, war nun komplett in Einzelteile zerlegt und weit verteilt. Inklusive seiner Probe, die beim besten Willen nicht mehr aufzufinden war und zwischen Hunderten von Glassplittern kleben musste. Der Tisch war nass, aber um welche Flüssigkeiten es sich nun im Einzelnen handelte, war kaum einzugrenzen. An der Tischkante hatten sich mehrere kleine Rinnsaale gebildet, von denen es herunter tropfte.
Einige dieser Tropfen rollten geradewegs über das geöffnete Computergehäuse unter dem Tisch.
Tobias sagte: "Scheiße." Doch obwohl man einem so besessenen Compunauten zugetraut hätte, dass sich jetzt all seine Wut gegenüber Maritta entladen würde, blieb er doch still und gelassen. Er nahm sogar Maritta noch einmal sehr liebevoll in den Arm, küsste sie auf den Mund und sagte: "Alles umsonst!"
"Es tut mir Leid", erwiderte sie sich schuldig fühlend.
"Ach, ich weiß nicht, ich denke ich habe heute Nacht eine so wahnsinnige Erfahrung gemacht, was bedeutet da schon so ein Versuch?!" Er lächelte erleichtert.

Er ahnte Nichts von dem was noch kommen sollte.

Beide reinigten das Labor und man hörte sie hin und wieder neckisch kichern, wobei klar war, dass sie in dieser Nacht noch öfters zueinander gefunden haben. Maritta begleitete ihn sogar noch auf sein Zimmer.
Am nächsten Morgen gingen sie zusammen in Richtung der Unterrichtsräume des Campus. Beiden fiel gleichsam beim Betreten der Räumlichkeiten auf, dass die Meisten ihrer Studienkollegen, den sie begegneten und die sie kannten, mit verzerrtem Lächeln, tuschelnd, ihre Blicke mieden.
Tobias war im Physikkurs, Maritta besuchte den Hörsaal für Mathematik. Sie setzte sich an ihren Terminal und loggte sich ins System. Doch bevor der Computer ihr das gewohnte Hintergrundbild anzeigen wollte, blickte sie auf einen schwarzen Hintergrund über den endlose Zeichenketten flimmerten. "Wieder so ein Virus", war ihr erster Gedanke, was nicht selten die Systeme der Universität lahm legte.
Drei Reihen vor ihr, erkannte sie das Gleiche über den Bildschirm rauschen. Daneben auch. Jeder der Monitore hatte die gleichen Muster aus Zeichenketten. bisher waren nur wenige Studenten im Raum. Es war still, nur ein leises Wortgebrummel kam unverständlich aus den Kopfhörern, die unter der Sitzbank hingen. Sie setzte sich den Kopfhörer auf und nach kaum mehr als 4 Sekunden verfärbte sich ihr Gesicht tiefrot.
Sie hörte ihre eigene Stimme, die wollüstig rief: "Mach weiter Tobs, mach weiter!" Es klirrte und schepperte. Dann verstummte alles und sie hörte erneut ihre Stimme, die Tobias ein Liebesgeständnis machte.

Ab jetzt können die Fakten nur bruchstückhaft wiedergegeben werden!
Anmerkung: "Wie sich herausstellen sollte, handelte es sich hierbei um den später als "Love Letter Virus IV" benannten Wurm. Die Spezialisten der NSA schafften es auch nach vier Monaten nicht, dem Virus Einhalt zu gebieten. Er vermehrte sich rasanter als alles bisher Bekannten. Er verschickte keine Mails oder attackierte Webserver, er zerstörte nicht eine Festplatte oder löschte Daten. Das Einzige was man feststellen konnte, war ein ungehemmter Datenfluss, der auf allen Computern dieser Welt wiedergegeben wurde."

Tobias gelang es nach mehreren Wochen in etwa nachzuvollziehen was geschehen sein musste.
Sein kleiner unscheinbarer Organismus hatte tatsächlich die von ihm injizierten Fähigkeiten:
n Er lebte und durch seine guten sensorischen Fähigkeiten eignete er sich alles was er aufnehmen konnte an. Er speicherte diese Daten, wodurch er permanent wuchs.
n Die Basis seines Lebens war elektrischer Strom und in allen Medien, in der Ströme flossen, konnte er existieren.
n Die weltweit bestehende Infrastruktur von vernetzten Leitungen diente ihm zur Weitergabe der gespeicherten Signale, da er alle Daten unverfälscht, sozusagen binär aufnahm, war es auch kein Wunder, dass er sie so wiedergab.
n Die Liebesgeschichte von Tobias und Maritta wurde in regelmäßigen Abständen Milliardenfach auf Druckern, Bildschirmen oder im Audioformat wiedergegeben. Filmaufnahmen gab es von dieser Nacht nicht, da dem Organismus Sehzellen verwehrt geblieben sind. Aber auch alle anderen Daten, die der Virus nun auf seinem Weg quer durchs "World wide web" aufschnappte, wurden ständig ausgegeben.

Tobias behielt stillschweigen darüber und nachweisen konnte man ihm nicht, dass er diesen Virus produziert hatte. Leider blieb es ihm auch verwehrt, aufgrund der aktuellen Tatsachen, ein Patent auf den ersten organischen Computer anzumelden.
Eines war gewiss, das was er geschaffen hatte war ein lebendiger Wurm, der in seiner durchschnittlichen Ausdehnung, sämtlichen Leiterbahnen, die je auf diesem Planeten geschaffen wurden, entsprach.


©2004-06-29 www.gertomat.de


Einstell-Datum: 2004-07-23

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

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