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Kenon - 15.12.2005 um 19:21 Uhr

Diese Nachricht wurde von Arne um 19:21:43 am 15.12.2005 editiert

Am 21.03.2005 veröffentlichte dpa das Ergebnis einer Studie des Meinungsforschungsinstitutes polis.

Zitat:

jeder zweite Deutsche hat mit Lyrik wenig im Sinn und schon länger kein Gedicht mehr gelesen;
58 Prozent der Männer waren lange nicht mehr mit Gedichten in Kontakt gekommen;
43 Prozent der Frauen sind Verächterinnen, 40 Prozent geben sich als aktuelle Leserinnen von Versen;
in der Altersgruppe der 20- bis 29-Jährigen hatten 63 Prozent schon länger keine Lyrik mehr gelesen.

Quelle: Lyrik: Empirische Verankerung in der Gegenwart (wp)

Weiterführende Informationen:
Tag der ungelesenen Gedichte (hr)




bodhi - 15.12.2005 um 19:43 Uhr

Böse Zungen behaupten ja auch, es gäbe mehr Lyrik-Schreibende als Lyrik-Lesende.



Mania - 15.12.2005 um 20:53 Uhr

Lyrik ist auch ein schwieriges Genre. Ich selber kann damit auch nicht so viel anfangen. Der einzige lyrische Mensch der mich berührt, ist Rilke.



Undine - 15.12.2005 um 21:49 Uhr

Danke, jetzt kann ich glücklich schlafen gehen!
Liebe Grüße ;-)




Jasmin - 15.12.2005 um 23:15 Uhr

Viele Lyriker sollen manisch-depressiv sein, angeblich vierzigmal mehr als der Durchschnitt der Bevölkerung. Vielleicht ist das mit ein Grund, dass die meisten „normalen“ Menschen, eben der Durchschnitt, nicht viel mit Lyrik anfangen können, weil ihnen die Erlebniswelt des Lyrikers fremd und verschlossen bleibt.

Von den deutschsprachigen Lyrikern mag ich Friedrich Hölderlin, Joseph von Eichendorff, Heinrich Heine, Georg Trakl, Georg Heym, Nikolaus Lenau, Novalis.




LX.C - 16.12.2005 um 07:49 Uhr

[Quote]Kann der Dichter die Welt ändern? Ja, ja, ja.[/Quote]
(Klaus Mann, Auf der Suche nach einem Weg, Aufsätze)

Ob das allerdings für dieses Medienzeitalter noch gilt (falls das je gegolten hat), ist (wie die Studie zeigt) fraglich.




Undine - 16.12.2005 um 08:34 Uhr

Zitat:

Viele Lyriker sollen manisch-depressiv sein, angeblich vierzigmal mehr als der Durchschnitt der Bevölkerung. Vielleicht ist das mit ein Grund, dass die meisten „normalen“ Menschen, eben der Durchschnitt, nicht viel mit Lyrik anfangen können, weil ihnen die Erlebniswelt des Lyrikers fremd und verschlossen bleibt.
Man kann viele Gedichte vielleicht nie ganz verstehen, aber mit ein bisschen Einfühlungsvermögen kommt man vielleicht doch nahe dran ran. Dazu muss man nicht unbedingt manisch-depressiv sein. Oder sind wir das alle?




Kenon - 16.12.2005 um 09:20 Uhr

Diese Nachricht wurde von Arne um 09:21:15 am 16.12.2005 editiert

Zitat:

Dazu muss man nicht unbedingt manisch-depressiv sein.

Sehe ich auch so. Um ein Gedicht von z.B. von Jakob van Hoddis zu mögen, muss ich nicht fortschreitend schizophren sein, ich muss kein Opium nehmen, um etwas mit Baudelaire anfangen zu können und auch kein Jude sein, um Heine zu verstehen.

Dieses ständige Psycho-pathologisieren ist sowieso ein wenig anstrengend und eine Krankheit für sich.




LX.C - 16.12.2005 um 10:47 Uhr

Bezog sich das nicht auf die Dichter und nicht auf die Leser?
Aber im Grunde hast du ja recht.
Und man muss das auch mal ganz simpel betrachten, wer kein sensibler, feinfühliger Mensch ist, wird selten dichterisch tätig, und sensible, feinfühlige Menschen haben nun mal gewisse labile Tendenzen.




HarryH. - 28.12.2005 um 15:39 Uhr

Lyrik hat das Problem ,dass sie heute kaum noch ernstgenommen wird.Oder?
In Ihrer Blütezeit(19.Jh,18.Jh)befasste sich vorallem die Oberschicht (also Adel und auch reiche Bürger )
und lies sich von dieser inspireren.Diese Schicht war bestimmend für die damalige Gesellschaft ,obwohl sie nur einen Bruchteil derselbigen ausmachte.
Heute hat sich das verflüssigt.
Poesie ist für jeden zugänglich ,die geistige Elite ist somit nicht mehr gleichzeitg die politische (und natürlich umgekehrt :) ). Die logische Schlussfolgerung wäre : Lyrik verliert an Bedeutung somit auch an Ansehn .Statt sie ehrfürchtig als etwasw unerreichbares zu respektieren ,wird sie geduldet.Soviel zum Zweck.




woyzeck - 29.12.2005 um 00:18 Uhr

Aber ist das nicht ein pragmatischer Ansatz, der mit dem lyrischen Verständnis nicht in Einklang zu bringn ist? Lyrik ist doch kein Ding das man über Massenkompatibilität definiert. Geschweige denn über Wörter wie Macht und Geld . . Lyrik ist für Träumer, die die Welt beherrschen . . .



LX.C - 12.02.2007 um 13:40 Uhr

[Quote]Was ist Lyrik heute? Weder Einschlaflektüre noch Begleitmusik zum Geplauder in der Bar noch Therapie, Entlastung des bedrängten Gefühlslebens durch Ausdruck.
Die Systemtheoretiker sprechen von Ausdifferenzierung. Das ist kein Zerfallsprozess, wie man in einer marxistisch-hegelianischen Perspektive meinen möchte, die fortschreitende Spezialisierung, Arbeitsteilung zersetzt Erfahrungs- und Artikulationseinheiten, was Schweigen einerseits, ein kunstvoll leeres Reden andererseits entstehen lässt – die marxistisch-hegelianische Perspektive müsste nach dieser Diagnose den Ausblick auf neue Einheiten eröffnen. Was sie aber nicht kann.
Nein, wir erklären uns einverstanden mit der Ausdifferenzierung der Lyrik als einer Textsorte, die kein Ausdruck von Gefühlen, Erlebnissen, nichts Stimmungsmäßiges ist. Was aber auch bedeutet, dass Gefühl, Erlebnis, Stimmung als gewissermaßen von der Lyrik entbundene Energie anderswo herumvagabundieren und bei Gelegenheit für die Beantwortung der Frage, was ist Lyrik, angeführt werden können.[/Quote]
Quelle: Rutschky, Michael: Was ist Lyrik heute?, in: Dieckmann, Friedrich: Die Geltung der Literatur, Aufbau-Verlag, Berlin 1999, S. 406.

Folgt man Rutschky weiter, wäre eingangs angeführte Statistik vielleicht mit der euphorischen Überschätzung der Lyrik in den 60er Jahren zu erklären, einer Mode, die außer Mode gekommen, derer man heute also vollkommen überdrüssig ist. - Damals wurden Gedichtbände unbekannterer Lyriker zu Zichtausenden verkauft und schon als Anwärter der Weltliteratur geführt, während sie inzwischen wieder vollkommen aus dem Literaturbewusstsein verschwunden sind. Zudem gab es einen regelrechten Interpretationswahn.

Man könnte also sagen, die Lyrik heute ist frei, freier als je zuvor. Den Einbruch von Verkaufszahlen folglich Einbuße von Druckerzeugnissen muss sie dafür billigend hinnehmen.




Franklin Bekker - 29.03.2007 um 20:05 Uhr

So könnte man es sagen. Oder: Der Lyriker mach nicht mehr einfach Gedichte für ein Publikum. Er muss Orte finden an denen es Leute gibt, die er entdecken lassen kann, dass ihnen Lyrik etwas bringt.
Es gibt keinen festgelegten Rezeptionsrahmen für lyrische Sprache mehr. Das macht die Lyrik freier und das "an den Mann bringen" von Lyrik schwieriger.




LX.C - 19.06.2007 um 12:53 Uhr

Diese Nachricht wurde von LX.C um 12:55:45 am 19.06.2007 editiert

[Quote]Selbst auf dem schmalen Felde, das sie mit ihrem Dasein heute verklärt, hat sie, die zu stolz ist, vieles zu bedürfen, noch immer das was sie braucht. Sie ist noch gekannt in der feierlichen Stille die ihr zukommt, sie wird noch verehrt von Eingeweihten, sie wird noch gelesen, nicht von allzu vielen, aber auch nicht von den Vielzuvielen, sie ist, wenig gelesen und wenig gehandelt, scheinbar obskur und übersehen, dennoch eine der wirklich geheimen Mächte der Zeit, lautlos und unscheinbar wirkend, aber heimlich mit Zähneknirschen gefürchtet, mit Wut gescheut und mit Vorsicht umgangen, und wenn unverkäuflich, dafür so unkäuflich, wie die ganze tarifmäßig käufliche Welt in der wir leben, auszudenken fast nicht wagt.

Borchardt, Rudolf: Die Aufgabe der Zeit gegenüber der Literatur (1929), in: Reden, hg. von Borchardt, Marie Luise, Stuttgart 1955, S. 387.
[/Quote]




Matze - 19.04.2008 um 06:45 Uhr

Gegenbeispiel: Gerhard Jaschke, die Eminenz der Wiener Kleinverlagsszene, ein Klassiker, der keinen Staub ansetzt. Seine Gedichte »Alles Klar Natürlich« sind eine gelungene Text-Sammlung dieses engagierten Autors, Herausgebers des legendären Zeitschrift für Literatur und Kunst, dem Freibord. Für Gerhard Jaschke haben die offene Flanken für künstlerische Konzepte ästhetische Ansätze. Die Gedichte nehmen Ausdrucksformen moderner Kommunikationstechniken auf und transformieren sie mit aufklärerischem Anspruch. Die aphoristische Struktur, der gestische Duktus, die ironischen Untertöne, die Unterwanderung vorgeprägter Sprache und die umgedeuteten Sprichwörte dienen häufig einem parodistischen Spiel. Der Lyriker präsentiert ein lebendiges Sprachspiel aus Alliterationen, Akronymen und Anagrammatischem. Gerhard Jaschke, der alte Stoiker, macht einfach immer weiter. Einer muss es ja machen.



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