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-- Prosa
--- Zufrieden. Angenehmes Frösteln.
Wittgenstein - 18.02.2007 um 00:03 Uhr
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Zufrieden. Angenehmes Frösteln.
Zufrieden. Was heiß das schon. Man ist eben zufrieden. Zufrieden. Zu und Frieden. Frieden, zu was könnte man jetzt fragen. Frieden besteht in der Form, dass er nicht zu schmerzen braucht. Was bestimmt die Zufriedenheit? Können wir uns eine Sprachherrschaft in unseren eitrigen Hirnen zurechtbiegen, die dem Gefühl der Zufriedenheit auch nur annähernd nahe kommt? Können wir ein Wort für die Zufriedenheit eine sprachliche Formel, einen Algorithmus des Aufeinanderzusagens finden, der uns mit seiner Treffgenauigkeit zufrieden macht? Aber wieder: Friede zu welchem Zweck? Friede nur im eigenen eitrigen Gehirn, um den Strom, der uns von außen auferlegt wurde – und manchmal noch immer wird – in eine gefühlvolle Spannung zu transformieren? Ein Bild von uns selber malen, das uns Frieden und Zweck bestimmt – auch für die eitrigen Hirne der Äußeren um uns herum.
Versuchen wir in Frieden zu einem solchen Bild von unserem eigenen Wesen durchzustoßen. Malen wir einfach drauflos. Ein ovaler Bleistiftstrich der die Grundform des Gesichts widerspiegelt – es wird offensichtlich eine Aufnahme aus der Halbtotale. Ein paar Tupfer mit dem dicken Pinsel, Augen, Nase und Mund (der ist vor allem wichtig, damit wir danach unser neues Selbstbild auch beschreiben können) entstehen in kurzer Zeit. Schwierigkeiten entstehen erst, wenn wir die Dinge aufzeichnen müssen, die wir nicht so gerne mögen – vielleicht Ohren, Haare und die Narbe, die sich unter dem Haaransatz versteckt. Aber gerade das Zeichnen dieser macht uns schlussendlich besondere Freude. Wir vollziehen es langsam, und das Ergebnis kann sich wirklich sehen lassen: Es ist so freudenstrahlend schön geworden, dass es uns frösteln lässt, Wir verändern daher die Perspektive aus der wir uns selber malen, zur Totalen. Das ist ein schwere Akt: Wir sehen jetzt alles von uns. Kalter Krieg zwischen Makeln und Vorzügen bricht zu heißem Frieden.
Ich gehe daher ins Badezimmer und entferne die Fotographien meiner Vorbilder, die ich über den Mittelpunkt des runden Spiegels angebracht hatte.
Namesi - 19.02.2007 um 08:08 Uhr
Ein Versuch, der sich sehen lassen kann, oder besser: ein durchaus lesbarer Versuch, nicht langweilig.
Auffällig, vielleicht auch entbehrlich:
die mehrfache Verwendung des "eitrigen Gehirns".
Mir drängt sich dazu auf:
Ein eitriges Gehirn ist mit Sicherheit auch fiebrig. Steigt das Fieber hoch genug, tritt irgendwann ein Zustand ein, den ich mit umnebelt, wattig oder auch mit somnambul umschreiben würde. Nun ja, und dieser Zustand kommt dem der Zufriedenheit - wenn es den überhaupt gibt - sehr nahe. ;)
Gruß Namesi
Wittgenstein - 19.02.2007 um 21:34 Uhr
Danke für den Eintrag; ich hatte nach dem Verfassen mit ein ähnliches Empfinden gegenübern den "eitrigen Hirnen"; war ein Bild, das sich mir aufgedrängt hatte;
Grüsse
bodhi - 19.02.2007 um 23:21 Uhr
Ich habe den Text auch gerne gelesen.
Zum Eiter...
Schreiben heißt Mitesser ausdrücken (in der Ambivalenz des Wortes):
Eine Wohltat.
Weiterhin fruchtbares Werkeln.
Wittgenstein - 20.02.2007 um 17:54 Uhr
Danke; auch dir weiterhin viel Freude am Schreiben!
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