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-- Rezensionen II
--- Rödder: 21.0 Eine kurze Geschichte der Gegenwart

ArnoAbendschoen - 26.03.2018 um 18:28 Uhr

Andreas Rödder ist Professor für Neueste Geschichte an der Universität Mainz. In seinem 2015 erschienen und seitdem viel gelobten Werk betrachtet er die deutsche wie internationale allerjüngste Vergangenheit und auch die Gegenwart schon mit den Augen eines Historikers. Seine Methoden unterscheiden sich dabei beträchtlich von denen eines Journalisten. Mit einem „historischen Analysekonzept“ gewinnt er über die jeweilige Situation einen Überblick, die etwas von einer Perspektive aus der Vogelschau hat. Nicht selten übt er gleichzeitig Kritik an „zeitgenössischer Gegenwartsdeutung“.

Rödder untersucht in acht Kapiteln nacheinander diese großen Felder: Digitalisierung – Globalisierung – ökologische Problematik – kultureller Überbau – soziale Dynamik – Rolle und Verfassung von Staat und Gesellschaft – europäische Einigung und Zwietracht – weltpolitische Ordnung im Umbruch. Der Leser erhält so jeweils eine prägnant formulierte Analyse eines Teilbereichs von Aktualität. Rödder wertet dazu in großem Umfang vorliegende Literatur aus und überrascht mit treffenden Zitaten. So bestechend die einzelne Analyse ist, es kann nicht Aufgabe dieser Rezension sein, auf Einzelnes einzugehen. Hier ist schlechthin alles von Bedeutung. Und wer die Mühe scheut, die knapp vierhundert Seiten Text durchzuarbeiten, findet im Anschluss an das letzte Kapitel ein Resümee, in dem Rödder auf vierzehn Seiten seine Befunde noch komprimierter zusammenfasst.

Nur ein kurzer Blick auf einiges Charakteristische. Der Autor liebt es, Ambivalenzen und Paradoxien herauszuarbeiten. Er will kritisch hinterfragen, zieht historische Vergleiche. Im Ergebnis scheinen die meisten Phänomene schon einmal dagewesen und doch gibt es für ihn zweifellos das wirklich Neue – nur dass wir es noch nicht zutreffend einzuschätzen wissen. Rödder: „Wir wissen so viel wie nie zuvor – und verstehen die Welt dennoch nicht.“ Ist Melencolia jetzt die Muse der Geschichtswissenschaft? Wohl doch nicht, Rödder ist bloß immerzu Skeptiker, Pragmatiker. Am Schluss versucht er die Brücke so zu bauen: „ … wenn sich neue Ideen mit dem Sinn für Realitäten verbinden, dann macht auch die Geschichte der Gegenwart keine Angst vor der Zukunft.“ Er preist das „Lebensprinzip der Serendipität“ und man spürt, dass er nicht auf Platos Seite, sondern auf der von Aristoteles steht.

Wenige kritische Einwände abschließend. Einen Abstieg der USA als dominierende Weltmacht vermag der Autor entgegen allem Anschein nicht zu erkennen. Das Stichwort Neokonfuzianismus und dessen Schubkraft für den Aufstieg Ostasiens vermisst man bei Rödder. Die unübersichtlichen Verhältnisse in Afrika und in Nahost scheinen beim Autor zu einer gewissen Ratlosigkeit zu führen, er behandelt sie allzu kursorisch. Und einmal führt wohl das CDU-Mitglied dem Geschichtsprofessor die Feder und formuliert so verstiegen wie weit unter dessen sonstigem Niveau: „Angela Merkel hatte keine Vision, aber sie hätte 1914 möglicherweise den Ausbruch des Ersten Weltkriegs verhindert.“ (Rödder war 2016 im Schattenkabinett von Julia Klöckner und wäre evtl. Kultusminister geworden, womöglich ein vielverheißender.)

(Diesem Text liegt die Neuauflage des Werks von 2017 zugrunde.)




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