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Simon Sebag Montefiore - Stalin. Am Hof des roten Zaren
Buchinformation
Montefiore, Simon Sebag - Stalin. Am Hof des roten Zaren bestellen
Montefiore, Simon Sebag:
Stalin. Am Hof des roten
Zaren

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(Bücher frei Haus)

Geschichte wird von Menschen immer wieder neu geschrieben, selbst dann, wenn der zu einem Thema vorliegende Quellenbestand seit den letzten "Auswertungen" keine Veränderungen erfahren hat. Jeder Schreibende nämlich sieht die Geschichte vor seinem je eigenen Horizont und stellt sie entsprechend nach seinen Möglichkeiten dar. Und so verwundert es nicht, dass der in Cambridge studierte Engländer Simon Sebag Montefiore im Jahre 2003 eine Monographie vorlegen konnte, welche das Leben des Iossif Wissarionowitsch Dschugaschwili alias Stalin als Herrscher (also exklusive seines Weges an die Macht) aus einer ungewohnten Perspektive erfassen wollte: mit einem Fokus auf das Private und die interpersonellen Strukturen in der Machtsphäre sowie unter weitestgehender Aussparung ideologischer Fragen. Auf den ersten Blick mag das verwundern. Wie kann man aus dem Führer der ideologisch legitimierten Sowjetunion, der seinen Genossen einmal - und zwar im Jahre 1929 - versprach, all seine Kräfte und Fähigkeiten und, wenn notwendig, all sein Blut, Tropfen für Tropfen, für die Sache der Arbeiterklasse, für die Sache der proletarischen Revolution und des Weltkommunismus hinzugeben, einen privaten Kern herausschälen und den Rest achtlos wegwerfen? Es mutet ähnlich absurd an wie eine Biographie über Papst Johannes Paul II., die sich fast gar nicht um dessen Beziehung zum Christentum kümmern würde.

In den 1990er Jahren hatte allein der Militärhistoriker Dmitri Wolkogonow als Generaldirektor der russischen Archive 78 Millionen Akten für die Forschung freigegeben und dieser somit zu einer neuen Konjunktur verholfen. Wolkogonow selbst gehörte zu den ersten, die ausführlichen Gebrauch von den geöffneten Archiven machten, was sich in einer Reihe von Monographien über die sieben Führer der Sowjetunion, insbesondere auch Stalin niederschlug. Damit konnten frühere ausführliche Arbeiten wie von Robert Tucker und Roy Medwedew ergänzt und korrigiert werden, so dass es heute klarere Bilder von Stalin gibt.

Eine der letzten ambitionierten Studien über Stalin, die sich auf die früher geheimen Archive stützt, kommt vom Engländer Robert Service: "Stalin: A Biography" (2004), der 2000 bereits eine bemerkenswerte, wenn auch die Gedankenwelt kaum beachtende aktualisierte Lenin-Biographie veröffentlichte (zwischen 1986-95 hatte Service schon ein 3-bändiges Werk über Lenin publiziert).

Montefiore konnte bei seiner Arbeit von weiteren neu erschlossenen Quellen profitieren, unter anderem von unveröffentlichten Briefen Stalins zweiter Frau Nadja, Tagebüchern und Protokollen von an den Ereignissen Beteiligten wie Beria und Molotow als auch durch zahlreiche Gespräche, die der Autor mit noch lebenden Nachfahren führte.

Der Autor beginnt seine Erzählung mit einem Festessen des von ihm so benannten Stalinschen Hofes am 8. November 1932, in dessen Anschluss sich Stalins Frau Nadja in ihrem Zimmer erschiesst. In dem Gram über den Tod seiner Frau sieht Montefiore eine der Hauptursachen für den Terror der folgenden Jahre. Der Einstieg in die Erzählung ist paradigmatisch für das ganze Buch: Montefiore möchte seinen Lesern leicht fassbare Bilder bieten und ihnen sogar verraten, was die Menschen, über die er schreibt, gedacht und gefühlt haben. Bei so einer Vorgehensweise, der es außerdem sehr darauf ankommt, die Fülle der Zitate möglichst hübsch ausgeschmückt zu verbinden (Nadjeschda Allilujewa war "die streng gewissenhafte Nadja", Polina Molotowa die "schlanke, kluge kokette Frau Polina", Woroschilow ein "proletarischer Flaneur, der in seiner üppigen Datscha weiße Flanellhosen trug und ganz in Weiß Tennis spielte" usw.), muss die kritische Reflexion der Quellen zwangsläufig auf der Strecke bleiben. Montefiore wagt den gefährlichen Spagat zwischen "Fact & Fiction". Er konzentriert sich gern auf das Erzählen von Nebensächlichkeiten, die Beleuchtung von Liebesgeschichten. Dem Leser erspart Montefiore leider tiefergehende Interpretationen und zu oft Einblicke in weitverflochtene Zusammenhänge. Natürlich kann man sagen, dass das Alltagsleben nun einmal aus einem Haufen von Nebensächlichkeiten besteht. Aber wie interessant sind diese tatsächlich? Was erklären sie? Dass Stalin und seine Vertrauten auch Menschen waren, die wie alle anderen z.B. ihre Bedürfnisse zu verrichten hatten?

Aufschlussreich ist Montefiores Monographie, was den Umgang der sogenannten "Magnaten" (Mitglieder des Politbüros, ZKs und Leiter des Geheimdienstes) mit Stalin und untereinander betrifft. Manipulation, Säuberung und Terror waren die probaten Mittel, mit denen Stalin seine Personalpolitik betrieb. Als unumstößlichen Diktator waren es auch fast die einzigen ihm möglichen. Wie, wenn nicht durch Gewalt, sollte ein Gewaltherrscher Entscheidungen herbeiführen?
In der Sphäre der Mächtigen herrschte Angst und Misstrauen gegenüber allem und jedem (wer heute Henker war, konnte morgen schon der Gehenkte sein). Stalin, selbst misstrauisch bis zum äußersten, war das Herz dieses Systems. Letztlich entschied er, welche anderen Herzen nicht mehr schlagen durften.

Über das träge russische Volk, über Jahrhunderte an brachiale autoritäre Umgangsformen gewöhnt und der Demokratie fast vollkommen fremd, erfährt man bei Montefiore wenig bis nichts.

Manchmal unternimmt der Autor, gerade zum Ende des Buches hin, wenig nachvollziehbare Zeitsprünge; zudem sorgt er teilweise durch die abwechselnde Verwendung von Voll-, Vor- und Kosenamen ein und derselben Person für einige Konfusion beim Leser.

Trotz aller Kritikpunkte ist "Stalin. Am Hof des roten Zaren" ein internationaler Verkaufserfolg geworden. Mit "Young Stalin" (2007, dt. "Der junge Stalin") steht bereits der zweite Teil, der chronologisch eigentlich den ersten bildet, in den Regalen. Er möchte Aufschluss über die Entwicklung des jungen Stalin geben. Wenn dieser Teil in einer ähnlichen Manier wie das hier besprochene Buch geschrieben ist, so kann zumindest der Rezensent von der Lektüre absehen.

[*] Diese Rezension schrieb: Arne-Wigand Baganz (2007-12-11)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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