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Anton Tschechow - Die Steppe
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Tschechow, Anton:
Die Steppe

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(Bücher frei Haus)

Tschechow schrieb „Die Steppe“ mit achtundzwanzig (1888). Von den Stücken, die ihn berühmt machen sollten, existierte erst „Iwanow“ (1887). Er hatte schon zahlreiche Kurzgeschichten meist humoristischen Inhalts veröffentlicht, sich insoweit einen Namen gemacht und Geld zum Lebensunterhalt verdient. Jetzt wollte er seine erste längere Erzählung schreiben und sie sollte ernsthaften Charakters sein. Obwohl er selbst mit dem Ergebnis nicht vollkommen zufrieden war, wurde sie ein großer Publikumserfolg, auch von der Kritik gut aufgenommen.

„Die Steppe“ ist eine längst klassisch gewordene Reiseerzählung. Sie folgt dem Muster: Einer reist von A nach B, nimmt unterwegs manches auf, mit dem er sich auseinandersetzt und kommt in B nicht mehr als ganz derselbe an, der von A aufgebrochen ist, jetzt erst bereit zur weiteren Entwicklung. Hier ist der reisende Held ein Neunjähriger, der noch nie sein heimatliches Nest verlassen hat. Jegoruschkas Mutter ist Witwe, sie hat ihren Bruder Iwan Iwanytsch veranlasst, das Söhnchen in die nächste größere Stadt zu bringen, damit er dort das Gymnasium besuchen kann. Der Onkel sowie sein Begleiter Vater Christofor sind in der Hauptsache unterwegs, um Wolle zu verkaufen. Bei der Ausfahrt aus der Stadt fängt Jegoruschka zu weinen an …

Er wird bald durch das Erlebnis der Landschaft abgelenkt. Es ist die südrussisch-ukrainische Steppe, das Schwarzerdegebiet, zu Tschechows Zeit erst zu einem kleinen Teil dem Getreideanbau nutzbar gemacht. Der Leser bekommt mit Jegoruschka einen starken Eindruck von der Weite und Monotonie der Landschaft, ihrer charakteristischen Fauna und Flora, ihrer Melancholie. Wir befinden uns auf dem Boden der heutigen Ukraine, immer wieder ist von „Kleinrussland“ und „Kleinrussen“ die Rede, das sind die in der Zarenzeit im Russischen üblichen Bezeichnungen. Die Erzählung ermüdet den Leser jedoch nicht mit allzu viel Geographie. Vater Christofor, der alte Geistliche, wird zwischendurch mit kräftigen Strichen porträtiert. Dann erreichen sie die erste Station, ein von Juden betriebenes Gasthaus an der Landstraße. Jegoruschka lernt den Wirt und seine Familie kennen.

Bald darauf lässt der Onkel den Neffen mit einem Sammeltransport reisender Fuhrleute vorausfahren. Er selbst unternimmt noch einen Abstecher zu geschäftlichen Zwecken. Mit diesem geschickten Kunstgriff vermehrt Tschechow das Personal der Erzählung beträchtlich. Die Episode mit den Fuhrleuten wird zum Hauptteil und tragenden Element des gesamten Textes. „Jegoruschka lag auf der letzten Fuhre und konnte daher die ganze Wagenkarawane überschauen.“ Sie bestand aus etwa zwanzig Fuhren, die Fuhrleute, je einer für drei Wagen, gingen zu Fuß nebenher. Gewöhnlich wird wegen der sommerlichen Hitze nur am Vormittag und dann wieder in den Abend hinein gefahren. Die sehr langen Rastzeiten bieten dem Jungen Gelegenheit, die einzelnen Ruheplätze zu erkunden und vor allem die Verhaltensweisen der Fuhrleute zu studieren und eine eigene Position einem jeden gegenüber einzunehmen. Das gute halbe Dutzend, alle arme Bauern, wird nicht als Kollektiv dargestellt, sondern besteht aus lauter sich scharf voneinander abhebenden Individuen mit unterschiedlicher Mentalität und Vorgeschichte. Auf ihre Weise führen die Fuhrleute auf den einzelnen Stationen gewissermaßen ein Stück von Tschechow auf. An einem Sonntag erreicht man ein Dorf, Jegoruschka sieht sich beim Kaufmann und in der Messe um.

In der dritten Nacht endet die fahrende Idylle mit einem schweren Gewitter. Dann ist der Onkel wieder da und der Neffe fieberhaft erkältet. Sie sind schon am Ziel – beinahe – und übernachten in einem Gasthaus der Stadt, Jegoruschkas künftigem Wohnort. Am anderen Tag ist er wieder gesund, und der Onkel bringt ihn in der neuen Familie unter. So gut der Kleine sich unterwegs gehalten hat – als Onkel und Priester gehen, muss er erneut weinen: „Und Jegoruschka fühlte, wie mit diesen Leuten für ihn auf immer gleich einem feinen Nebel das entschwand, was bisher sein Leben gewesen war.“

So sehr sich die Steppe und ihre Bewohner seitdem auch verändert haben, so frisch hat sich die Erzählung dennoch erhalten. Sie scheint sozusagen ein unsterbliches Roadmovie zu sein.
(Die Zitate folgen der Übersetzung von Johannes von Günther.)

[*] Diese Rezension schrieb: Arno Abendschön (2011-12-14)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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