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Annika Mombauer - Die Julikrise Europas Weg in den Ersten Weltkrieg
Buchinformation
Mombauer, Annika - Die Julikrise Europas Weg in den Ersten Weltkrieg bestellen
Mombauer, Annika:
Die Julikrise Europas
Weg in den Ersten
Weltkrieg

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(Bücher frei Haus)

„Wo immer wir waren, haben uns alle, bis auf den letzten Serben, mit solcher Freundlichkeit, Höflichkeit und echter Wärme begrüßt, dass wir mit unserem Besuch sehr glücklich sind“, schwärmte Sophie von Hohenberg, Gattin von Thronfolger Franz Ferdinand, am ersten Tag ihres Besuchs in Bosnien. Als sie am nächsten Tag durch die Provinzhauptstadt Sarajewo fuhren, waren beide tot, Opfer eines terroristischen Anschlags der „Schwarzen Hand“, deren Verbindungen bis in hohe serbische Regierungskreise reichten. Bosnien Herzegowina war schon 1878 von Österreich-Ungarn okkupiert worden, 1908 sogar annektiert. Die Balkankriege von 1912 und 1913 hatten Serbien zum Sieger über die Türkei und Bulgarien gemacht, und ließen viele Serben von einem Großserbischen Reich träumen: zwei Millionen Serben lebten in Österreich-Ungarn und 850.000 in Bosnien und diese „serbische Irredenta“ sollte „heimgeholt“ werden.

„Jetzt oder Nie“
Die „Urkatastrophe“ dieses Jahrhunderts (George Kennan), der Erste Weltkrieg, forderte zehn Millionen Tote, aber aller Wahrscheinlichkeit nach, wäre der Krieg auch ganz ohne das Attentat auf den österreichischen Thronfolger ausgebrochen. Die Furcht vor einem erstarkenden Russland sei besonders im Deutschen Reich schon lange vor dem Krieg so groß gewesen, dass es dem Militär besser erschien, gleich loszuschlagen, präventiv, als zu warten bis das russische Heer noch stärker geworden wäre. Deswegen wurde nicht nur in Wien, sondern auch in Berlin die Losung „Jetzt oder Nie“ ausgegeben, die die ganze Welt in die Urkatastrophe „schlittern“ ließ. Aber genau dieses „Schlittern“ hinterfragt Annika Mombauer in ihrer „Julikrise“ und sucht - fern von der Schuldfrage – die Verantwortung für die Urkatastrophe bei den Regierungen der Großmächte, die sich durch ihre Angst vor Russland auf einen „Präventivkrieg“ vorbereiteten. Das „blame game“ – also wer die Schuld am Ausbruch des Krieges trage steht also weniger im Vordergrund als vielmehr die Frage nach der Ursache des Krieges.

Zweibund: gegen den Rest der Welt
Die Versailler Alleinschuldklausel hat sicherlich wenig zur Befriedung des Zwischenkriegseuropas beigetragen, aber auch Revisionismus oder Apologetik seien bei der Diskussion um den Ausbruch des Krieges unangebracht. Der Zweibund habe sicherlich „fahrlässige“ Entscheidungen getroffen, die Triple-Entente (F/R, GB/F, R/GB) wiederum nicht gezögert, den Mobilmachungsautomatismus zu aktivieren. Zuerst sollte der Krieg aber vor allem eine Lösung der Balkankrise bringen, aber als Russland als Bündnispartner die Teilmobilisierung anordnete, folgte in Deutschland die totale Mobilmachung zur Durchführung des Schlieffenplans (Zweifrontenkrieg) und somit wurde auch das neutrale Großbritannien mit in den Krieg gezogen, da dieses das neutrale Belgien schützen wollte. Der Schlieffenplan beinhaltete das Überrennen des neutralen Nachbarstaates zur schnellen Eroberung von Paris.

Die „Helden“ Großserbiens
Schon im Mai 1910 hatte es in Sarajewo ein Attentat auf Franz Joseph gegeben, bei dem der junge serbische Nationalist Bogdan Zeraji vor dem hohen Alter des Monarchen zurückschreckte und seine Tat deswegen nicht durchführte. Dieser Zeraji wurde in Serbien alsbald zum Helden stilisiert und wäre sicher auch einer gewesen - hätte er das Attentat tatsächlich vollstreckt. Die serbische Diaspora in Kroatien, der Vojvodina, dem Sandzak und Bosnien hatte die Zerstörung Österreich-Ungarns tatsächlich im Sinn, um ihren Großstaat zu errichten. Die serbischen Irredentisten fanden auch zahlreiche Anhänger auf Regierungsebene, so etwa Dragutin Dimitrijevic (genannt Apis), der Chef des serbischen Militärgeheimdienstes, der wiederum Verbindungen zu dem serbischen Offizier Voja Tankosic und dem serbischen Geheimdienstler Milan Ciganovic in der Organisation „Schwarze Hand“ hatte. Apis war das Verbindungsglied zwischen den jungen Attentätern von Sarajewo und der serbischen Regierung, wie Mombauer schreibt und nicht nur damit die Julikrise lückenlos porträtiert.

Der „große Kladderadatsch“
Das österreichische Ultimatum an Serbien war für jede gewählte Regierung unannehmbar und sollte auch so verstanden werden, aber dennoch war Serbien unter dem Druck Russlands zum Einlenken bis auf die Punkte 5 und 6 des Ultimatums bereit, nur die Mitwirkung der österreichischen Behörden bei der Untersuchung der Hintergründe des Attentats wurden abgelehnt, weil es die staatliche Souveränität verletzt hätte. Selbst der Kaiser Franz Joseph beurteilte Belgrads Erwiderung auf das Ultimatum mit den Worten: „im Großen und Ganzen die Wünsche der Donaumonarchie erfüllt und beinhalte eine „die Kapitulation in demüthigster Art“, dadurch „entfällt jeder Grund zum Kriege“.Warum es dennoch zum Krieg kam könnte so von ihm beantwortet worden sein: Allerdings sei den Serben nicht zu trauen, denn sie „sind Orientalen, daher verlogen“. Einige Historiker betonen aber auch die frühe Teilmobilmachung Russlands als ausschlaggebend und „kriegsfördernd“. Allerdings brauchte das Riesenreich Russland ja auch viel länger dafür, als etwa Deutschland (26:13 Tage) und vielleicht wurden aus der russischen Teilmobilmachung ja auch absichtlich die falschen Schlüsse gezogen. Die Verteidigung von Prestige und Großmachtstatus waren jedenfalls wichtige weitere Gründe. In der österreichischen Monarchie war man in jedem Fall überzeugt, dass die Serben „niedergebegelt“ gehören wie Mombauer ein Zitat des damaligen österreichischen Botschafters in London wiedergibt, denn so mag man hier eine Aussage des Generalstabchefs Conrad hinzufügen, dass der Krieg geführt werden müssen, damit „eine so alte Monarchie und eine so glorreiche Armee nicht ruhmlos untergehen“ dürfe.

Annika Mombauer
Die Julikrise
Europas Weg in den Ersten Weltkrieg
Mit zwei Karten auf den Umschlaginnenseiten
C.H. Beck Wissen
122 Seiten

[*] Diese Rezension schrieb: jürgen Weber (2016-06-01)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.


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