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Rezensionen


 
Sandra Richter - DVD-Seminar „Literatur“. Eine Einführung in die deutschsprachige Gegenwartsliteratur nach 1945

Die von der Professorin für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Stuttgart, Prof. Dr. Sandra Richter, präsentierte ZEIT DVD Edition beschäftigt sich mit der gesamten deutschsprachigen Literaturgeschichte, also auch der der Schweiz und Österreichs, also nicht nur Deutschlands. Während DVD 1 den Klassikern der deutschen Literatur mit den Themen „Günter Grass und der Krieg“, „Heinrich Böll und die Bonner Republik“, „Paul Celan, Nelly Sachs und die Shoah“ oder „Thomas Mann und das amerikanische Exil“ gewidmet sind, schreibt die dritte DVD auch an der österreichischen Literaturgeschichte mit: Lektion 11 beschäftigt sicht mit Ernst Jandl und dem literarischen Experiment, Lektion 12 mit Peter Handke und Provokation, Lektion 13 mit Thomas Bernhard und Wien und Lektion 14 mit Elfriede Jelineks Zerstörungskunst (sic).

Von Frauenhelden und Rebellen
In „Alte Meister“ lässt Thomas Bernhard seinen Protagonisten, den Musikkritiker Reger, an einer Stelle sagen: „Es gibt ja nichts Verlogeneres als diese Geburtstagsfeiern, ...nichts Widerwärtigeres als die Geburtstagsverlogenheit“. Bernhard selbst wäre im Februar 82 Jahre alt geworden und inzwischen gilt er wohl selbst schon als „alter Meister“. Der Roman war 1985 erschienen, eine Abrechnung mit fast allem, der Kindheit, Österreich, der Kunst, den Künstlern, den Kunsthistorikern und schließlich dem Schauplatz des Romans, dem Kunsthistorischen Museum. Vielleicht war es dieser Roman der ihm in der ZEIT-Akademie Literatur den Titel „Der Rebell Österreichs“ verlieh und vielleicht besteht eine Rebellion in Österreich eben gerade darin zu schimpfen und nicht mehr. Aber Bernhard war auch aktiv, so hat er seine Rede zur Verleihung des Förderungspreises des Unterrichtsministeriums 1967 mit den Worten „Angesichts des Todes ist alles lächerlich“ begonnen. Zur Verleihung des Anton-Wildgans-Preises sei er gebeten worden, erst gar nicht zu erscheinen; den Scheck über das Preisgeld würde man ihm per Post zusenden. Max Frisch wiederum wird eher als Frauenheld rezipiert, dabei stellte er doch gerade „die Schuld an der Frau“ in den Mittelpunkt seines Werkes. Nicht selten werde in den verschiedenen Frauenfiguren in Frischs Werken – und dem Verhältnis der männlichen Protagonisten zu ihnen – Analogien zur Beziehung zwischen Max Frisch und Ingeborg Bachmann hergestellt, so die Herausgeber der ZEIT-Akademie. Vor allem im Roman „Mein Name sei Gantenbein“, der im ZEIT Akademie-Seminar behandelt wird, arbeitet Frisch die Erfahrungen dieser Beziehung auf.

Multimedia-Tour durch die deutschsprachige Literatour
Eine Ausnahme bildet der Beitrag zu Umberto Eco, der bekanntermaßen ja nicht auf Deutsch schreibt, was auch eine Rückfrage in dem die ZEIT-Akademie begleitenden Online-Expertenforum verursachte. Die vorliegende Literatur-Akademie bietet nämlich die Möglichkeit online Fragen zu stellen, die von Experten beantwortet werden. Bezüglich Umberto Eco und der Auswahlkriterien für die ausgewählte Literatur lautet die Antwort im Forum zum Beispiel so: „Die Nobelpreisträger sind Teil der Auswahl sowie Umberto Eco, der zwar nicht deutschsprachig ist, aber viele Autoren aus dem deutschsprachigen Raum beeinflusst hat und deshalb als Beispiel der Internationalisierung von Literatur dient. (vgl. auch ZEIT Akademie Literatur Handbuch S. 10)“. Es gibt nämlich auch noch ein Handbuch, das konsultiert werden kann, außerdem liegt der DVD Ausgabe ein Begleitbuch (100 Seiten) bei. Als Auswahlkriterien für die Vorlesung werden nicht nur „die kulturelle Relevanz eines Buches, die Einordnung des Stils, die Innovation von Thema oder Darstellung eines Themas in einem Buch sowie die Kritik an der Gesellschaft im Buch und die Aufnahme oder Ablehnung eines Autors oder Buches durch die Gesellschaft“ im Interview in Sendung 1 genannt.

Objektivität trotz Schwerpunktsetzung
Eine weitere Besonderheit dieser Edition ist auch, dass die Präsentatorin sich den Fragen des als „radikaler Konstruktivist und kybernetischem Wissenschaftler“ bezeichneten Heinz von Foerster, auch ZEIT-Literaturkritiker, stellen muss. Er sieht in der Objektivität wörtlich „die Wahnvorstellung, Beobachtungen könnten ohne Beobachter gemacht werden“. Denn natürlich wird allein durch die Auswahl schon eine subjektive Handlung getroffen, die aber dann zulässig ist, wenn sie wissenschaftlichen Kriterien unterliegt. Denn wer seine Handlungsmotive offenlegt, dem darf durchaus eine gewissen Objektivität und Repräsentativität zugesprochen werden. Das Angebot richtet sich zwar nicht nur an Studenten der Literaturwissenschaft, die gerne bequem von zu Hause aus auf Universitätsniveau studieren, aber es gibt tatsächlich eine Ermäßigung für Studenten. Außerdem kann man sich alternativ auch dem Audio-Seminar oder Online-Seminar zuwenden. Die weiteren DVDs der vorliegenden Publikation beschäftigen sich auch mit den Schweizern Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch, aber auch mit Christa Wolf und der SED und natürlich den wichtigsten Autoren der deutschen Vor.- und Nachkriegsliteratur.

Sandra Richter/ZEIT-Akademie
DVD-Seminar „Literatur“. Eine Einführung in die deutschsprachige Gegenwartsliteratur nach 1945.
20 Vorlesungen à 30 Minuten auf 4 DVDs

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2013-03-16)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.


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