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Literaturforum: Yoshinide Corporation 1


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Forum > Prosa > Yoshinide Corporation 1
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 Thema: Yoshinide Corporation 1
tekkx
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seit dem 04.11.2001

Das ist tekkx

     
Eröffnungsbeitrag Abgeschickt am: 08.07.2005 um 13:04 Uhr

Schreie, ich höre wieder Schreie. Schattenspiele werden auf verbrannte Autowracks geworfen, zu einem diabolischen Grinsen verzerrte Fratzen sind zu sehen. Rauch verhüllt auch diese Schrecken. Ich ducke mich wieder unter die abgetrennte Motorhaube, und hoffe, nicht entdeckt zu werden, zwischen all diesem Unrat. Wohnungstüren: Monitore, nacktes Mauerwerk. Ein Schatten hüllt alles ein. Ich sehe nach links, und ein schwarzes, gigantisches Gebilde erscheint am Horizont, es wird größer. Ich rieche verbranntes Plastik. Hier spricht niemand zu mir, und kein Computer fragt mich etwas. Ich warte auf nichts, ich verstecke mich nur. Es ist sehr heiß, Schweiß tropft von meiner Nase. Ich besehe mir meine braunen Schuhe – abgenutzt vom Gebrauch: helle, kahle Stellen, plattes Profil, zertretene Asche. Zwischen ihnen läuft eine Ameise, aus dem verbrannten Gras kommend, in Richtung einer kleinen Steinwüste, samt Glasssplittern und Wrackteilen in Miniaturgröße. Ich beobachte sie, und zertrete sie anschließend.
„Nein!“ Nein, denke ich mir, es war wieder passiert. Immer noch ist es da, was wir einst in diesem Tunnel öffneten. Ich spüre nun wieder die Ohnmacht des Bewusstseins, spüre förmlich die Fäden an meinen Händen und Beinen, gesteuert von wer weiß wem. Ich erinnere mich, will mich erinnern, will die Schuld von mir weisen und mich mit Erinnerungen beruhigen. Als ob ich so das Geschehene verhindern könnte. Es war vor vier Monaten, ich erinnere mich noch an das orangen-farbene Gatter, das elektrisch zur Seite fuhr, an die Container erinnere ich mich, an das Gesicht von Herrn Furaschowa, wie er mich begrüßte. Beide gingen wir zu diesem grünen Block, die Tür öffnete sich, und ich sah die Monitore vor mir, dreißig, vierzig Stück... auf ihnen zu sehen waren..., ich musse meine Augen schließen... Auf ihnen zu sehen waren: Ein und derselbe Tunneleingang. Der Tunnel... in ihm begann alles, bevor wir merkten, dass es in ihm begann. Weil es uns noch nicht gab.

Eine blaue Kugel, weit entfernt, rast über die See, lässt das Wasser um sie hoch peitschen und verdrängt es seitlich in hektischen Wellen. Gelbe Pfeile an Mauern angebracht, deuten auf die Bucht-Auffahrt hin, in Richtung Highway nach Japan Zwei. Hochkant rast die blaue Kugel parallel der Pfeile entlang, und tritt in einen Regenschauer ein. Die dumpfen Töne ergeben eine beruhigende Perkussion.
Ich schlief einen unruhigen Schlaf, ein paar Vögel flogen vor meinem geistigen Auge, aber die Landschaft unter ihnen bewegte sich nicht. Plötzlich ertönte die freundlich-ruhige Stimme meines automatischen Autos: „Aufwachen Herr Kasawa, aufwachen. Aufwachen Herr Kasawa, eine Nachricht in ihrer Hosentasche.“ Langsam kam ich zu mir, sah den Regen, verband ihn mit der Hintergrundperkussion, die ich auch während des Träumens gehört hatte. Ich hatte etwas geträumt, an das ich mich zu gerne erinnern würde, doch die Neugier, diese kleine Sekunde, löschte meine Erinnerungen, wie Regentropfen, die jetzt anfingen stärker auf die Scheibe zu prasseln und nach unten zu verlaufen. Ein Muster, das nur an das Muster erinnert, aber keine Assoziation für ein Netzwerk zulässt. Ja, so empfand und dachte ich damals. Wo hatte ich meine... ach ja, das Auto hatte mich doch darauf hingewiesen. Ich griff in meine rechte Seite und zog die Folie hervor. Sie fing wie gewohnt zu leuchten an, und faltete sich selbständig auseinander, bis ich sie bequem zwischen Ring-, Zeigefinger und Daumen hielt. Die Farben erschienen, und bildeten das Gesicht einer mir unbekannten Person. Der Mann hatte einen orange farbenen Arbeitskittel an, und kurzes graues Haar. Er blinzelte hektisch. Mein Auto sagte: „Herr Kasawa, es ist live und ein Audiofile, ich schalte ein.“
Eine männliche Stimme, mit russischem Akzent ertönte: „Guten Abend Herr Kasawa, ich entschuldige meine Störung. Hier spricht Herr Furaschowa von der Yoshinide Forschungs-Abteilung auf Hokaido....“ Ich nickte zur Begrüßung ebenfalls. Hinter dem Mann bildeten sich ergänzende Farben, bis eine Art Baustelle zu sehen war, mit Baukränen und Mitarbeitern in Anzügen.
„...Ich wende mich an sie, weil sie der Experte für anormale Physik sind. Nochmals bitte ich die Störung zu entschuldigen, es eilt jedoch sehr. Ich möchte sehr gerne gleich zum Betreff kommen, den es ist etwas Außergewöhnliches passiert: Wie sie vielleicht in den Nachrichten erfahren haben, sind wir dabei, einen Tunnel für den Güterverkehr zum Festland zu schlagen. Vor genau 16 Stunden sind wir während unserer Grabarbeiten auf einen Tunnel gestoßen, welcher nicht von uns stammt. Es wird nicht mehr lange dauern und die Nachrichten werden auch darüber berichten, daher unterrichte ich sie zuerst. Die Untersuchungen an diesem künstlichen Tunnel gestalten sich schwierig, da jegliche Form von Inspektion zu Schmerzen beim Untersuchenden führt...“
Hier machte er eine Pause, wahrscheinlich, um meine Antwort abzuwarten. Ich erinnerte mich zurück, die Yoshinide Corporation? Ja, sie war auch auf dem Jupitermond Europa tätig, hatten Eisproben untersucht. Ebenfalls auf dem Mars, sie hatten dort Gebiete urbar gemacht. Der Regen wurde stärker, und ich erhob meine Stimme etwas. Ich sagte noch leicht verschlafen: „Schmerzen? Durch den Tunnel? Ich verstehe leider nicht, was sie meinen.“
Er hatte diese Frage erwartet, und blinzelte nochmals, jetzt noch hektischer als zuvor, mit den Augen: „Natürlich Herr Kasawa, aber wir verstehen es ebenfalls nicht, lassen mich es erklären: Vor 11 Std. und genau 30 Minuten wollten wir eintreten, in diesen zweiten Tunnel, aber wir wurden schier ohnmächtig, vor Schmerzen im ganzen Körper. Es fängt schon an, wenn man in einen 200 Meter Radius des Tunnels tritt, mit leichten Kopfschmerzen, im gesamten Gehirn – global. Schickt man einen Roboter hinein, bekommt derjenige, welcher den Roboter vielleicht vor Jahren baute und jetzt steuert, die gleichen Symptome. Das weiß ich von Mitarbeitern bei Honda. Uns sind also die Hände gebunden. Wir haben es mit den üblichen Verfahren versucht, jede Art von Sensoren, Schall, Strahlen – alles mit dem gleichen schmerzhaften Ergebnis,... ist nicht zum aushalten, Herr Kasawa. Es geht einfach nicht, es ist wie eine Wurzelbehandlung am ganzen Körper, gesteigert von Sekunde zu Sekunde...“ Er wurde immer schneller, unterbrach sich dann aber selbst, nervös zupfte er sich zunächst am Anzug und fasste sich an die Nase.
Auch in mir überschlugen sich die Gedanken, schließlich antwortete ich: „Und sie wissen nicht, was es sein könnte? Irgendeine neue Form von Strahlung? Gibt es schon medizinische Gutachten?“
Beim Wort Medizin sah er kurz zur Seite und schien zu überlegen. Er sagte nur: „Keiner unserer Leute weiß etwas, wir vermuten eine unbekannte Strahlung ja. Aber das Übertragungsverhalten auf die Hersteller von Untersuchungsrobotern ist unerklärlich! Die Schmerzen sind physikalisch jedoch nicht erklärbar, wir können keine Ausschüttung von Natriumionen in den Nerven feststellen. Also, wie soll ich sagen... Herr Kasawa, es gibt weder eine Reizung der Rezeptoren, noch eine Reizleitung in den Nerven. Der Schmerz bleibt, wie die Ursache, unerklärlich...“ Mit diesen Worten endete er, und sah mich fragend an.
Blitzschnell fiel mir die passende Frage ein: „Haben sie es schon mit dem RSPE System versucht?“
Das hatte er wohl erwartet und wohl auch erhoft: „Wie denn? Wir haben keinen ihrer Prototypen. Auch darum wende ich mich an sie. Wie weit sind diese? Sind sie einsatzfähig?“
Das automatische Auto meldete sich mitten in das Satzende von Herrn Furaschowa: „Herr Kasawa, soll ich die Übertragung auf die Frontscheibe umschalten?“ Ich nickte, und konnte eine Sekunde später meinen Gesprächspartner vor mir sehen; dezent schien die Straße durch ihn hindurch. „Herr Furaschowa, unser Team in Istanbul hat einen RSPE-Bolzen im Beta-Stadium. Ich kann diesen sofort anfordern. Wissen sie, was zu tun ist? Sie müssen das Gebiet entsprechend mit einer Multi-Metall-Schicht verkleiden.“
Er sah mich dankbar an: „Ich danke ihnen Herr Kasawa. Ist es ihnen möglich, morgen nach Hokaido zu fahren?“
„Es ist meine Pflicht, und ich bin sehr interessiert, nach dem, was sie mir berichtet haben. Der RSPE-Bolzen ist übermorgen sicherlich verfügbar. Die Logistik und meine Abteilung sind auf solche Fälle spezialisiert, schließlich verstehen wir uns als schnelle Eingreiftruppe, auch wenn wir bisher keine ernsthaften Einsätze hatten. (Eigentlich vermehrte sich deren Anzahl, weil der Mensch in immer weitere und tiefere Gebiete der Physik vordrang, und nur wir waren im Stande Schaden zu begrenzen). Der Bolzen erzeugt einen Zufallseffekt der Physik, so können wir evtl. das Geheimnis des Phänomens lösen... Herr Furaschowa, ihre Nummer wird gespeichert, ich werde sie bei Bedarf kontaktieren.“
Er nickte mir zu, ich ebenfalls, und das Bild verwischte, so schien es, mit den Regentropfen, welche die Scheibe hinunterliefen. Gleichzeitig schaltete das Auto den Schild ein.
„Herr Kasawa, die Nummer wurde gespeichert, der Schild ist online. Soll die Reisegeschwindigkeit erhöht werden?“
Ich nickte abermals und drehte meinen Sitz zur Seite, um auf das Wasser zu sehen. Am Horizont konnte ich durch den Regen hindurch ein Schwebe-Boot erkennen. Ich fühlte mich an den Traum erinnert, er fiel mir plötzlich wieder ein. Das Boot beschleunigte, und überholte uns auf paralleler Linie. Instinktiv hielt ich Ausschau nach Vögeln am Himmel, konnte aber keine entdecken.

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