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Rezensionen


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Fatih Akin - Crossing the bridge
Ein kleiner blonder Junge steht auf einer Landstraße und hat
ein Kätzchen in der Hand oder hat er es in seine Hose
gesteckt? Neben ihm seine dunkle, lockige Spielkameradin,
wenn nicht gleich alt, so doch gleich groß und im
Hintergrund eine staubige Straße, der eine Baracke im Weg
steht. Über das ganze Bild ist der Müll verteilt, den der
Wind (von Istanbul?) herträgt, vom Himmel ist nur ein
kleiner blauer Streifen zu sehen. Wie man an den Schatten
der beiden Kinder sehen kann, muss die Sonne zur Zeit der
Aufnahme gerade im Zenit gestanden sein, denn der Schatten
ist klein, sehr klein, wie die Sandalen der beiden, die sie
immerhin vor dem Schmutz der Straße schützen, wenn auch
nicht ganz so effizient vor der Hitze.
Das Foto, das symbolisch die Armut und den Reichtum eines
Landes zeigt, mag eine Hoffnung ausdrücken, die zwar von
einer großen Verzweiflung getragen wird, in der aber auch
sehr viel Lebenslust und positive Energie enthalten ist. Die
Widersprüche Istanbuls sind so groß wie pittoresk und man
sollte eigentlich jede Romantik daraus verbannen. Allein die
Musik vermag es, einem die wirkliche Geschichte eines
Landes, einer Stadt zu vermitteln, wie der zitierte
Konfuzius es ausdrückte: „Hört euch die Musik an und ihr
werdet alles über diesen Ort erfahren!“ Der Filmemacher
Fatih Akin hat sich nach seinem Erfolg mit „Gegen die Wand“
(Goldener Bär und Europäischer Filmpreis) noch einmal mit
Istanbul auseinandergesetzt und sich mit „Crossing the
bridge“ auf musikalische Spurensuche begeben.
Die Musik ist tatsächlich so vielseitig und widersprüchlich
wie die Stadt selbst. Schon in „Gegen die Wand“ hat Akin das
meisterhaft umgesetzt, in dem er etwa Depeche Mode mit Selim
Sesler kombinierte, Sisters of Mercy mit Ofra Haza, Selim
Sesler Orchester mit Idil Üner oder Orientation und Mercan
Dede mit Birthday Party. Auf „Crossing the bridge“ reicht
die Bandbreite und musikalische Vielfalt eigentlich noch
viel weiter: von Rap und Hip Hop zu Ambient und Rock bis hin
zu klassischer türkischer Musik. Darunter finden sich Aynur,
Orient Expressions, Coma, Ceza, Baba Zula, Müzeyyen Senar,
die Replikas, Duman und eine eigene CD nur mit Baba Zula.
Ein ganzer musikalischer Teppich wird vor dem Zuhörer
ausgebreitet und die Stadt ist die Bühne, so wie in jener
grandiosen Einstellung, die Akin in „Gegen die Wand“
verwendete, um die Kapitel der Handlung abzugrenzen: mit der
Sultanahmet-Moschee im Hintergrund wird am Ufer des Bosporus
ein riesiger türkischer Teppich ausgebreitet auf dem Sedlim
Sesler und sein Orchester sitzen und Idil Üner singt, „Su
karsiki dagda bir tener yanar“... Eine nicht nur filmisch,
sondern auch ästhetisch und musikalisch geniale Lösung.
Wer nun auch den Film „Crossing the bridge“ gesehen hat, dem
ist vielleicht auch die atemberaubende Szene im Hamam in
Erinnerung geblieben, in der die kurdische Sängerin Aynur
ihrem Weltschmerz Luft machte. Herzzereissend singt sie von
ihrer Heimat und ihrem Unglück, die Szene wirkt wie ein
religiöses Ritual, eine Katharsis, die der Filmemacher Akin
dem Zuseher so eindringlich wie eine kalte Dusche kredenzt.
Aber ich war nicht nur von dieser Szene berührt, auch die
Straßenmusiker, die Akin und sein Kompagnon Alexander Hacke
(Ex-Neubauten) vor einem Sonnenuntergang über Sultanahmet
interviewen, strahlt eine authentische Wärme aus, die man
nicht so schnell wieder vergessen kann, sowohl aufgrund der
Szenographie als auch der Menschen.
Andere Fotos zeigen die Bauchtänzern von Baba Zula auf der
Bootsession auf dem Bosporus, die jungen Hiphopper um Ceza,
der sich mit einem Ventilator das T-Shirt aufbläst oder
Mevlana Sufi Selcuk mit seinen Derwischtänzern. Trotz der an
und für sich ungemütlichen Architektur der Stadt (Stein,
Stein, Stein) finden sich immer wieder Plätze, Nischen, wo
die Menschen mit all ihrer Lebenslust und Freundlichkeit die
Oberhand gewinnen. Wem ein Blick über das Meer des Bosporus
nicht genügt, kann sich die menschliche Wärme auch im Büyuk
Londra Hotel in Pera/Beyoglu suchen. Der Charme dieses
Hotels ist auch in der Hotelbar zu genießen und zudem mitten
im Geschehen des wilden Treibens um Taksim und das ehemalige
Pera. Wer Heimweh nach Istanbul hat, wird diese Publikation
von earbook verschlingen, denn auch das Design von Wolf ist
sehr ästhetisch und orientalisch angehaucht, selbst die
CD-Aufdrucke entbehren nicht eines gewissen schwelgerischen
Charmes. Wer noch nie in Istanbul war, wird es spätestens
nach dieser mundgereichten und ohrgerechten Präsentation
wollen.
Fatih Akin (Hg)
Crossing the bridge – The Sound of Istanbul
Dreisprachig (deutsch-englisch-türkisch)
2005
http://www.earbooks.net
100 Seiten Fotos von Herve Dieu (S/W) und Andreas Thiel
(Farbe)
und 4 CDs mit klassischer und moderner türkischer Musik
ISBN: 3-937406-60-3
38.-
[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2009-02-06)
Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.
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