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Friedrich Glauser - Wachtmeister Studer
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Glauser, Friedrich:
Wachtmeister Studer

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(Bücher frei Haus)

Der erste Studer-Krimi des Schweizers Friedrich Glauser hieß ursprünglich „Schlumpf Erwin Mord“. So lautet das Schild auf dem Aktendeckel, als der behäbige Berner Wachtmeister die Unterlagen zum ersten Mal auf dem Schreibtisch liegen sieht. Erwin Schlumpf, Helfer in einer Großgärtnerei und Baumschule im Berner Kanton draußen, man beschäftigt vorwiegend Strafentlassene, soll den Wendelin Witschi ermordet haben, einen nach Börsenspekulationen verarmten Handlungsreisenden. Gleich in der ersten Nacht im Untersuchungsgefängnis Thun versucht der junge Mann sich aufzuhängen.

Er wird gerettet und einen tiefen, prüfenden Blick später hat Wachtmeister Studer ihn ins große Herz geschlossen. Er geht die Ermittlungen mit dem Plan an, diesen armen Ex-Sträfling Erwin Schlumpf herauszuhauen, wobei es ihm auch Sonja, Witschis Tochter, möglicherweise in den armen Schlucker Schlumpf verliebt, und deren Bruder Armin angetan haben. Zum Gespött des Ortes wird Armin von der Bedienung des Gasthofs ausgehalten.

Wer Dürrenmatts spätere Berner Kommissar-Bärlach-Bücher mit den fünf Studer-Romanen aus den dreißiger Jahren vergleicht, spürt schnell: Den „Richter und seinen Henker“ hätte es ohne „Wachtmeister Studer“ ebenso wenig gegeben wie diesen ohne einen Kommissar Maigret in Paris.

Die dramatische Szene am Ende von „Wachtmeister Studer“ liest sich wie die Blaupause einer Bärlach-Klimax. Studer ist schwer angeschlagen, aus Schnupfen haben sich schweres Fieber und eine Brustfellentzündung entwickelt. Morgen ist der Fall gelöst, denkt Studer, morgen werde ich mich ausruhen können im Spital. Um seine letzten Reserven freizusetzen, schont er sich nun gerade nicht, sondern vergiftet sich vorsätzlich mit Zigarillos und Unmengen Schnaps. Dann die Konfrontation mit dem Mörder. Beweise sind kaum vorhanden. Statt der erwarteten Gegenwehr nickt der Täter resigniert und verspricht Studer, der es allein kaum noch könnte, ihn nach Thun zur Wache zu fahren. Auf der Seestraße dreht er auf, scheucht den Ermittler mit dem schweizerdeutschen Befehl „Use!“ („Hinaus!“) aufs Pflaster und jagt den Wagen in den See hinab.

In den Studer-Romanen sind es die Präsenz der Dialektsprache und eine dicht und stimmig geschilderte Provinzatmosphäre, in der einer den anderen belauert, aber auch schützt, sobald „die Tschuggerei“ (Bullen) auftaucht, die aus Glauser Jahrzehnte später einen Schutzpatron des deutschsprachigen Regionalkrimis werden lassen. Allerdings Dürrenmatt hatte ja auch schon verstanden, dass aus dem Studer-„Format“ manches noch zu destillieren wäre.

Leider - Glauser merkte es beim Wiederlesen der Buchausgabe des für Zeitungen entstandenen Fortsetzungsromans und äußerte sich enttäuscht vom eigenen Buch - liegen des Schreibers Qualitäten viel mehr auf Seiten von Personenzeichnung und Lokalkolorit als bei der Konstruktion raffinierter Spannungsbögen. Studer-Bücher pflegen die entscheidenden Informationen bereits nach einem Viertel ihres Umfanges enthüllt zu haben. Zwar versteht der Leser noch nicht genau, wie es gegangen ist, aber wer in etwa was angestellt hat, ahnt er da schon. Im Roman „Wachtmeister Studer“ ist der Gedanke eines Versicherungsbetruges, um die zerfallende Witschi-Familie zu retten, kaum noch aus dem Kopf zu bringen, sobald Studer die gar nicht erschütterte Witwe befragt hat. Dann findet er einen Browning und lässt ihn verschwinden, um das herzige Meitschi Sonja zu schützen. Was für eine Polizei, sagt sich der Leser.

Ab diesem Entwicklungsstadium würden zeitgemäßere Krimis (also solche, die nach Chandler und Hammett geschrieben wurden, welche Glauser ja noch gar nicht kennen konnte) sich allerlei Intrigen, Anschuldigungen, Erhellungen kompliziert verschränken lassen, andere Morde würden noch hinzukommen, der Detektiv in eine lebensgefährliche Falle laufen. Friedrich Glauser dagegen merkt, hoppla, das Buch ist zu bald aus, ich kann ja noch paar Folgen in die Zeitung setzen und Geld verdienen, er bremst radikal ab, lässt das Geschehen auf der Stelle treten, den Ermittler eine Reihe Kneipengespräche mit den misstrauischen Einheimischen absolvieren.

Man kann sich fragen, ob Friedrich Glauser überhaupt jemals wirklich Krimis schreiben wollte, ob er nicht viel eher ein romantischer, sentimentaler Poet der Verelendeten, Süchtigen, Ausweglosen in einer frostigen Kleinbürger-Schweiz gewesen ist. In Gerzenstein plärren moderne Radioapparate das Wunschkonzert aus Beromünster aus allen Fenstern hinaus, Kitschgesänge. Aber in Gerzenstein leben müssen, ist kein Wunschkonzert.

Zitat:

»Gebt euch doch die Hand, Kinder«, sagte Studer trocken aus seiner Ecke heraus.
Die beiden standen voreinander, rot, verlegen, mit hängenden Armen. Endlich:
»Grüeß di, Erwin.«
Antwort, gewürgt:
»Grüeß di, Sonja.«
»Hocked ab!« sagte Studer und stellte seinen Stuhl dicht neben Schlumpf. Sonja nickte dem Wachtmeister dankend zu und setzte sich. Ganz leise sagte sie noch einmal und legte ihre kleine Hand mit den nicht ganz sauberen Nägeln auf Schlumpfs Arm:
»Grüeß di. Wie geht's dir?«
Der Bursche schwieg. Studer stand wieder am Kamin, wärmte sich die Waden und blickte auf die beiden. Der Untersuchungsrichter sah ihn fragend an. Studer winkte beschwichtigend ab: »Nur machen lassen.« Zum Überfluß legte er noch den Zeigefinger auf die Lippen.


[*] Diese Rezension schrieb: Klaus Mattes (2015-08-02)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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