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Friedrich Hebbel - Poesie der Idee - Tagebuch
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Hebbel, Friedrich - Poesie der Idee - Tagebuch bestellen
Hebbel, Friedrich:
Poesie der Idee -
Tagebuch

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(Bücher frei Haus)

Diese fast vierhundert Seiten sind bei Weitem nicht das vollständige Tagebuch des Dramatikers Friedrich Hebbel. Eine vierbändige, kartonierte Gesamtausgabe, jeder Band etwa 50 Euro und 500 Seiten, wäre (im Salzwasser- Verlag) auch noch zu bekommen. Des rascheren Überblicks wegen, den man mit dem hübschen Band aus der Fischer Klassiker-Reihe sich verschaffen kann, haben wir die gekürzte Ausgabe mit der Blütenlese gewählt.

Aus dem - damals zu Dänemark gehörenden - Dithmarschen kommend begann Hebbel im Jahr 1835 in Hamburg als ein armer Schlucker mit seinen meistens recht kurzen Eintragungen, da war er 22. Da er wirklich jedes Jahr, wenn auch mit zum Teil monatelangen Aussetzern, seine von der Struktur her ziemlich verschiedenartigen Notate niederschrieb, endet das Buch mit dem Stück Nummer 6178 im Oktober 1863 in Wien. Da war er 50 Jahre alt und verstarb hoch angesehen. (Seinem frühen Tod sieht schon der Dreißigjährige entgegen, gefasst, in der Familie seien alle früh gestorben, Mitte der Dreißiger preist er sich glücklich, das Todesalter seines Vater jetzt überlebt zu haben.)

Zitat:

Eine Dame trug ihre Kompositionen vor, Quartette u.d.gl. Weitsichtigkeiten, sehr kunstgerecht ausgeführt, aber ziemlich gehaltlos. Wie viele Fliegen klettern nicht an der Leiter der Unsterblichkeit. Der Mann schlug ihr die Blätter um, und annoncierte nebenbei im Saal die Urteile Aubers über seine verkannte Hälfte, denn alles, was nicht bekannt ist, ist verkannt. Nachmittags von meinem Zimmer aus sah ich einen Luftballon steigen und fallen. Es war schon der zweite, denn schon vor längerer Zeit hatte ich, als ich am Quai de Louvre ging, ein gleiches Schauspiel, dadurch noch gewürzt, daß ein öffentliches Mädchen, das vor mir herspazierte und sich für den Gegenstand meiner Aufmerksamkeit hielt, den Ballon, als sie ihn bemerkte, als einen Störer ihres Geschäfts durch sehr unzweideutige Mienen verwünschte.

Von seinen Dramen, Tragödien vor allem, wird schon lange fast nichts mehr gespielt, in Reclamheften sind momentan nur noch „Judith“, „Maria Magdalena“, „Agnes Bernauer“ und „Die Nibelungen“ greifbar. Fast ist er, irgendwo zwischen Heine und Keller, zum vergessenen Schriftsteller des neunzehnten Jahrhunderts gesunken. Doch die Tagebücher, die er als Ideenalbum nur für sich geführt zu haben scheint, um in seinem Alltag Struktur und Besinnung zu gewinnen, sind, Jahrzehnte nach dem Tod veröffentlicht, berühmt geworden.

Sie gelten als eines der frühesten Zeugnisse „modernen Denkens“ im deutschen neunzehnten Jahrhunderts. Sie sind privat, allerdings nicht vertratscht, dafür im Allgemeinen witzig, spöttisch, nüchtern, naiv, verspielt, unprätentiös, zivil. Man staunt ein ums andere Mal, dass dieser Herr, an den man sich als Gipskopf aus vorgestrigen Schultagen zu erinnern meint, in seinem häuslichen Umfeld ein Mensch wie du und ich gewesen zu sein scheint. Die allermeisten Texte könnten gestern entstanden sein, so werktäglich pathosfrei und ungezwungen sich umschauend ist der Tonfall.

Zitat:

Der Briefwechsel zwischen Goethe und Bettina ist in seiner letzten Wirkung schauerlich, ja furchtbar. Es ist das entsetzliche Schauspiel, wie ein Mensch den andern verschlingt und selbst Abscheu, wenn nicht vor der Speise, so doch vor dem Speisen, hat. Aber das Buch ist zugleich ein vollkommner Beweis für das bedeutendste Wort, was ich darin ausgesprochen finde; dafür nämlich, daß die Leidenschaft der Schlüssel zur Welt sei.

Vor allem braucht man bei diesem Buch keine Angst zu haben, ein sensibles Dichterpflänzchen werde eine Bühne für seinen Narzissmus errichten. Für niemals gelesene Hebbel-Werke wie „Der Heideknabe“, „Der heilige Wein“, „Treue Liebe“, „Der Rubin“, „Der Moloch“, „Schnock“, „Schneidermeister Nepomuk Schlägel auf der Freudenjagd“ muss man keinerlei Interesse aufbringen, denn der Autor teilt nichts zu ihnen mit, regt sich nicht über Konkurrenten oder missratene Inszenierungen auf.

Überhaupt scheint ihm die Bühnenkunst und die damit verbundene öffentliche Rolle eine Art Tagwerk zu sein, das Tagebuch hingegen für alles andere bestimmt, was dem Menschen Hebbel in den sonstigen Stunden noch widerfährt. (Ein paar grundsätzliche Überlegungen zur Aufgabe des Dramas finden sich natürlich schon auch.)

In der Auswahl von Christian Schärf erscheinen Hebbels Tagebücher wie ein Musterkatalog all dessen, was mit der Textform Tagebuch machbar ist.

Zitat:

Französische Huren: man kann sich die Leibe gradweise bestellen. Erster Grad: 5 Franken: Dann sind sie gewissermaßen Jungfrauen, die sich duldend und leidend ins Unvermeidliche ergeben; sie werden auf gelinde Weise genotzüchtigt. Zweiter Grad: 10 Franken. Nun werden sie Ehefrauen, die noch nicht zu lange verheiratet sind und die den Mann gut zu stimmen suchen, weil sie einen Schal zu erküssen wünschen. Sied-Grad: 15 Fr. Dann sind sie alles, was sie sein sollen. (Übrigens reine Phantasie, bis jetzt wenigsten nicht auf Erfahrung gegründet.)

Es gibt kurze Berichte von Begegnungen mit Prominenten wie Bertel Torvaldsen, kleine Bilder aus dem Biedermeier, Ausflüge mit seiner Frau, Abendgesellschaften, seine ihm als Kleinkinder wegsterbenden Kinder (von zwei Frauen - nur eine Tochter bleibt am Leben). Ideen für Stücke werden archiviert, auch die ihm zugetragenen Merkwürdigkeiten, vor allem für Verbrecher und geistig Kranke interessiert er sich immer wieder. Miniaturessays zu Büchern und Ideen, die ihm durch den Kopf gehen, zeitgeschichtliche Betrachtungen.

Leider kommt die 48er-Revolution, Hebbel kandidierte erfolglos für das Parlament in Frankfurt, nur wie kurz nebenbei vor. Der Schreibende hatte offenbar Wichtigeres zu tun. Vor allem gibt es immer wieder Gedankenblitze, Aphorismen, mal brillant, mal eher platt. Erinnerungen an die eigene karge und bedrohte Kindheit nehmen mehrere Seiten in Anspruch. Ähnlich ausführlich die Reisebeschreibungen aus Kopenhagen, Heidelberg, Paris, Rom, München, Berlin. Hin und wieder werden Briefe an persönliche Bekannte eingerückt.

Zitat:

Ich weiß sehr wohl, welche unübersteiglich scheinende Hindernisse sich dem Versuch, ein Loch durch die Erde zu bohren, um ihre innere Beschaffenheit zu erforschen, entgegenstellen. Dennoch ist das für mich ein unendlich reizender Gedanke und wenn ich König wäre, wer weiß, ob ich nicht einen Versuch anstellen ließe und mich so der Galerie unsterblicher Narren anschlösse. Genau mit dem Gedanken in Verbindung steht ein anderer, der aber jünger ist und mir erst heute kam. Sollte man nicht in einem geräumigen Hause von Eisen, das doch sicher wasserdicht gemacht werden und Luft für viele Tage fassen könnte, längere Zeit auf dem Boden des Meers zubringen und dort bohren können?

Das Plus dieser - wenn manchmal auch alltäglich, unspektakulär wirkenden Notizen, da sie eben dem eigenen Zeit- und Weltgefühl noch immer so nah sind - von der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts ist, dass das hier kein „Ich und meine Kunst und meine Bedeutung“-Buch geworden ist, eher eines über „Die gewöhnliche Welt ringsum, wie der Herr Hebbel sie damals erlebt hat“. (Wer sich von Tagebüchern „Pikantes“ und „Angriffiges“ erwartet, lasse die Finger davon! Dann doch lieber Raddatz.)

[*] Diese Rezension schrieb: Klaus Mattes (2015-02-13)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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