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Rezensionen


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Jack Kerouac - Unterwegs
On The Road
The Original Scroll
Fünfzig Jahre nach dem Erscheinen von Jack Kerouacs Kultbuch
On The Road kommt eine Version auf den Markt, die durch die
Offenlegung der Produktionsbedingungen erst das Lesegefühl
vermittelt, das der Autor eigentlich intendiert hat. Kerouac
hatte seit Ende der vierziger Jahre an einer Version
geschrieben, die auf einer einzigen Rolle zustande kam.
Insgesamt fünfzig Meter lang hat er diese Rolle betippt,
ohne Absatz, ohne Überschriften und ohne Umbrüche. Auf über
dreihundert Seiten fegt das Original durch die rastlose
Handlung und vermittelt dadurch das Tempo und den
Herzschlag, der sich hinter den Aufzeichnungen verbirgt.
Kerouac beschreibt seinen Aufbruch von Ozone Park auf Long
Island durch New York, Denver, San Francisco, Los Angeles,
zurück nach New York, wieder nach Denver und San Francisco,
zurück nach New York, Abstecher nach North Carolina, New
Orleans, Chicago, immer wieder New York bis hin zu der
langen Reise nach Mexico City. Es ist die Jagd nach dem
Glück und der Traum einer immerwährenden Freundschaft, die
sich einzulösen sucht in den Gelagen, in denen Alkohol,
Marihuana und die freie sexuelle Beziehung zu Frauen das
vermeintliche Ticket des Glücks bilden. Durchaus bekannte
Persönlichkeiten wie Allen Ginsberg, William Borroughs und
Henri Cru sind immer wieder mal mit von der Partie und sie
suchen alle ihren Weg heraus aus dem Festgefügten und der
Tristesse des Profanen. Aufgrund unterschiedlicher
Sozialisation sind die Mittel verschieden, da spielt noch
die absurde Poesie eine Rolle, die bewusste soziale
Durchmischung und das intensive Ausleben des Jazz. Die
tragische Figur in diesem Spiel ist Neal Cassady, Sohn eines
Trinkers und Obdachlosen aus Denver, der selbst schon als
Minderjähriger in Besserungsanstalten sein Dasein gefristet
hat. Cassady taucht irgendwann in den intellektuellen
Kreisen im New Yorker Village auf und fragt Ginsberg, wie
man das Schreiben lernt. Es entstehen die wilden Reisepläne
und alle suchen den Ausweg auf der Straße, dem
Freiheitssymbol der amerikanischen Siedlergesellschaft. Ohne
Geld trampen sie durch Nächte und Wüsten, tagelang ohne
Essen, dann mal wieder Gelegenheitsjobs und außergewöhnliche
Lifts mit Typen, die die amerikanische Gesellschaft nicht
besser beschreiben können. Kerouac jagt Cassady immer wieder
hinterher. Sind sie mal zusammen, zerstört Cassady durch
seine Extravaganz und seine Wildheit die schnell
entstehenden sozialen Ensembles und wird durch die eine oder
andere ahnungslose Frau gerettet. Eigentlich kommt er nie
herein in die nach Emanzipation strebende verwegene
Gemeinschaft, er setzt die Impulse und wird danach immer
wieder ausgesondert und ehe sich das entstandene Ensemble
versieht, ist Cassady schon wieder on the road. Kerouac muss
beim Einhämmern auf seine Schreibmaschine gewusst haben,
dass sie alle scheitern werden, denn aus der original scroll
schreit die Sehnsucht nach einer Freundschaft, die auch bei
der Auflösung aller gesellschaftlichen Gesetztheiten niemals
von Bestand ist. Neal Cassady verliert dabei immer mehr den
Verstand und Kerouac räsoniert zunehmend über die
Vergeblichkeit des Daseins. Auf einem letzten Trip nach
Mexico stürzen sich die Freunde in die letzten Gelage,
landen in den Tropen zu einem letzten Auftanz in einem
Bordell und durchleben noch einmal die ganze Exquisität der
Hoffnungslosigkeit in einer letzten Nacht, bevor sie sich in
ihrem klapprigen Ford bis Mexico City schleppen und Kerouac
durch ein schweres Fieber handlungsunfähig wird. Cassady
reist ab, Kerouac kehrt Wochen später nach New York zurück,
wo er als Schriftsteller reüssiert und heiratet. Cassady
besucht ihn dort noch mal, ohne zu wissen, warum und reist
sprachlos wieder ab zur Westküste. Es ist eine traurige
Geschichte, die den Leser dennoch nie loslässt, sie peitscht
gleichsam durch alle Venen und durchkämmt die
Lebenserfahrung einer ganzen Generation. Sprachlich ist the
original scroll gewaltiger und authentischer als alle
Versionen, die vorher erschienen. Die Faszination, die
Kerouac vermittelt, ist das Ergebnis außergewöhnlicher
Literatur, die Größe des Autors bestand darin, dass er das
Scheitern antizipierte und dennoch weitermachte, bis es auch
bei ihm nicht mehr ging.
[*] Diese Rezension schrieb: Gerhard Mersmann (2009-06-23)
Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.
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