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Rezensionen


 
Harry Mulisch - Siegfried
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Mulisch, Harry:
Siegfried

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(Bücher frei Haus)

Angekündigte oder tatsächliche Skandalbücher aus der sicheren Distanz der Taschenbuchausgabe zu lesen hat schon Einiges für sich. Ein Panoramablick im vorgegebenen Rahmen ist möglich. Man/frau braucht nicht mehr in der Pause der aus der Hüfte schießenden Kritiker/innen zu fallen. Auch wenn diese Schnellschüsse unterschiedlicher nicht sein können, dürfte eines für alle Schnellkochkritiker/innen gelten: Hitler hat Konjunktur. Er verkauft sich gut. Alleine eine Abfrage in der populären Internetbuchhandlung amazon.de verweist auf über 1204 deutschsprachige Titel, 19 DVD’s, 114 Videos und 1079 englische Buchtitel. Und auch im Fernsehen werden wir in schöner Regelmäßigkeit von Knopp und Co. mit Wissenswertem über das Dritte Reich versorgt.

Unter dem Aspekt „Aufarbeitung der eigenen Geschichte“ erscheint eine solche Vielzahl an Publikationen gerechtfertigt, zeigt die Summe an Publikationen, dass noch lange kein Schlussstrich – wie hier und da gefordert – gezogen werden kann. Und auch ein guter Teil der europäischen und besonders der österreichischen Belletristik kennt „die Figur Hitler“. Harry Mulisch – selbst genealogisch mit Österreich verbandelt – lässt den Schriftsteller Rudolf Herter (eine Anlehnung an den im Buch an keiner Stelle erwähnten Rudolf Hess ?) als sein persönliches Alter Ego in dessen Geburtsstadt Wien zurückkehren. Eine Rückkehr ohne Wiederkehr...

Rudolf Herter soll in Wien lediglich aus seinem opus magnum „Die Erfindung der Liebe“ lesen. Während eines Fernsehinterviews ventiliert er die Idee, man könne Hitler nur mehr auf dem Wege der Phantasie entgegenkommen. Die Idee wird äußerst seltsame Früchte mit Herter treiben. Ein altes Ehepaar besucht den Autor bei der Lesung und schildert das Unglaubliche. Hitler hatte einen Sohn mit Eva Braun. Eine unglaubliche Geschichte, die dem Geschichtenerzähler Herter noch Unglaublicheres bieten sollte. Hitlers Sohn wurde konsequenterweise – als die leisesten Zweifel an der arischen Abstammung von „Tschapperl“ Eva Braun auf den Obersalzberg herangeweht wurden – im Sinne der staatstragenden Rassenideologie umgebracht. Der Bericht des alten Ehepaars Falk wird für Herter zur fixen Idee und belastet den nicht mehr ganz taufrischen Autor stärker als es diesem eigentlich lieb ist.

Die grundsätzliche Idee

Adolf Hitler einen Sohn anzudichten, den dieser 1944, aufgrund von Gerüchten konsequenterweise vom Pflegevater Falk umbringen lässt, ist spannend und problematisch zugleich. Es lässt sich kaum eine größere Untat vorstellen, als das eigene Kind umzubringen. Der/die Leser/in wird genauso wie der Erzähler Herter, der in diesem Teil der Geschichte ganz entgegen dessen Gewohnheit zum staunenden Zuhörer degradiert wird, auf eine Reise in die Vergangenheit mitgenommen. Das Ziel ist der Obersalzberg, die Sommerresidenz des Führers; ein Idyll an einer Festung; der goldene Käfig für die inoffizielle Firstlady des Dritten Reiches – Eva Braun. Allerdings droht man/frau als Leser/in der gleichen Faszination zu erliegen, wie die Herter/Mulisch, sowie einige Rezensent/innen des Buches. Die Erzählmittel sind einfach, der Anfang und die Expositio etwas lang. Allerdings entschädigt die Geschichte der Falks. Und dennoch beschleicht einen das seltsame Gefühl Mulischs Roman schwanke zwischen Indiana Jones’ Gralssuche (denn nichts anderes betreibt Herter/Mulisch mit Hitler. Er will den Mythos fassen) und klassischer Telenovela. Auch der Versuch der philosophischen Überhöhung – ein Versuch des Erzählers die faszinierend-beängstigende Geschichte – analytisch-philosophisch und nicht psychologisch zu fassen kann „der Sache“ nicht gerecht werden. Die ungeheure Belesenheit Herters, das Philosophieren im Abriss, die Kalenderzitate wirken dann doch etwas konstruiert, wenn auch als Gedankenexperiment nicht uninteressant. Herter/Mulisch öffnet dem Mytischen die Tore und rückt Hitler durch die von ihm konstruierte siamesische Geistesbeziehung mit Nietzsche fast schon in die Nähe der Kunst. Frei nach Nietzsches Zitat aus der „Götzendämmerung“: „Der tragische Künstler ist kein Pessimist, - er sagt gerade Ja zu allem Fragwürdigen und Furchtbaren selbst, er ist dionysisch ...“ (von Herter gerade nicht zitiert).

Aufbau

Der Plot des Buches lässt sich ohne große Fleißaufgabe in mehrere Geschichten, die nur lose miteinander verbunden sind, aufteilen. Am Anfang steht der ruhmvolle und geehrte Schriftsteller. Mulisch gewährt durch die Augen seines Protagonisten einen sehr ironischen Blick auf den Literaturbetrieb. Kennt man/frau das österreichische Literaturbiotop etwas näher, wirkt die Darstellung nicht einmal überzeichnet. Mulisch bemüht patchworkartig nicht nur Motive seiner eigenen Biographie, sondern konstruiert mit Rudolf Herter eine prototypische Erfolgsbiografie des österreichischen Exilschriftstellers, der im hohen Alter als „poetus laureatus“ in den literarischen Pantheon Wien inklusive Hotel Sacher und Prunksaal der Nationalbibliothek einzugehen vermag. Die zweite Geschichte setzt auf Erzählerwechsel und Schauplatzveränderung. Das Ehepaar Falk erzählt im Altersheim die Geschichte von „Siegfried“. Ihre Biografie ist nicht minder österreichisch. Ihnen war es beschieden Hitlers und Brauns Sohn „Siegfried“ (wie könnte es auch anders heißen?) zu behüten, auf dem Obersalzberg behütet aufwachsen zu lassen und gleichsam zu töten. Der eigentliche Plot. Es schließt sich die bereits angedeutete philosophische Skizze an. Der unmittelbare Weg von Nietzsche zu Hitler und die hertersche/mulische Konstruktion Hitlers als Nichts, als schwarze Materie, die alles in sich aufsaugt. Die Metamorphose der Person Hitler ist ein Quasi-Ereignis, eine Empfängnis des Ungeistes, abgesaugt aus dem dementen Geiste Friedrich Nietzsches. Anders gesagt: Hitler ist die Reinkarnation Friedrich Nietzsches. Ein kühner Gedanke eines als sehr kühn dargestellten Autors. Nicht zuletzt bekommen wir die unmittelbare Collage von Eva Brauns vermeintlichem Tagebuch vorgesetzt. Diese Tagebuchstellen stehen kontrapunktisch zum Rest der Erzählung. Hitler werden wieder menschliche Züge verliehen. Er wirkt alt und gebrochen. Die Theorie von Herter wird aufgeweicht. Der Kontrollfreak Hitler erlag seinem eigenen Verfolgungswahn. Eine Spur von Romantik weht durch die Gänge des Führerhauptquartiers, während die Bomben der roten Armee Berlin in Schutt und Asche legen. Eva und Adolf heiraten bevor sie gemeinsam in den Tod „ver“gehen. Mulisch treibt sein Spiel mit dem/der Leser/in. Rudolf Herters Roman „Die Erfindung der Liebe“ – eine Paraphrase von „Tristan und Isolde“ öffnet nicht nur die Möglichkeit Richard Wagner ins Spiel zu bringen. Nein, der Roman der Schriftstellerfigur Herter mündet direkt in der Erzählung von „Adolf und Eva“ in Form von Eva Brauns vermeintlichem Tagebuch. Der Kreis schließt sich...

Mulisch will mit diesem Buch seinen Beitrag „zur Endlösung der Hitler-Frage“ liefern. Ob ihm das gelungen ist, wage ich zu bezweifeln...



[*] Diese Rezension schrieb: Thierry Elsen (2004-05-04)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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