Biographien Rezensionen Diskutieren im versalia-Forum Das versalia.de-Rundschreiben abonnieren Service für Netzmeister Lesen im Archiv klassischer Werke Ihre kostenlose Netzbibliothek

 


Rezensionen


 
Jose Eduardo Agualusa - Die Gesellschaft der unfreiwilligen Träumer
Buchinformation
Agualusa, Jose Eduardo - Die Gesellschaft der unfreiwilligen Träumer bestellen
Agualusa, Jose Eduardo:
Die Gesellschaft der
unfreiwilligen Träumer

Bei amazon bestellen

(Bücher frei Haus)

Nachdem sein Roman „Eine allgemeine Theorie des Vergessens“, nominiert für den International Man Booker Price, im Jahr 2017 bei C.H. Beck erschienen ist, präsentiert der Münchner Traditionsverlag nun das neue Buch des angolanischen Autors Jose Eduardo Agualusa. Seit vielen Jahren schon gilt er nicht nur als ein wichtiger portugiesischsprachiger Schriftsteller, sondern wird auch als einer der wichtigsten zeitgenössischen literarischen Stimmen Afrikas geschätzt und geachtet.

Schon im allerersten Satz des aus vielen unterschiedlichen, vom Autor schließlich hervorragend zusammengeführter Erzählsträngen bestehenden Romans wird das Hauptthema formuliert, das Träumen: "Ich wachte früh auf. Durch das schmale Fenster sah ich längliche, schwarze Vögel ziehen. Ich hatte von ihnen geträumt. Als wären sie nun aus dem Traum in den Himmel geflohen, ein feuchtes Blatt Seidenpapier, dunkelblau und mit bitteren, stockigen Rändern."

Der da träumt und immer wieder als Ich-Erzähler die Geschichte weitertreibt, ist der geschiedene Journalist Daniel Benchimol, der schon im Vorgängerroman auftauchte. Er träumt immer wieder von Menschen, die er erst in der Zukunft kennenlernen wird.

Als er wieder einmal sich im Strandhotel seines alten Bekannten Hossi aufhält, findet Daniel eine Kamera im Meer. Ihre unzerstörten Bilder zeigen eine Frau, die ihm schon in seinen Träumen erschienen ist und die er als Moira, eine in Kapstadt lebende Künstlerin identifiziert.
Auch Moira träumt intensiv und lässt ihre Werke von ihren Träumen inspirieren. So wie Daniel ihre Bilder beschreibt, ist bald klar, dass die beiden sich begegnen werden:

"Ich war von den Fotografien besessen. Ich ließ sie ausdrucken, schaute sie mir vor dem Einschlafen an. Und gleich nach dem Aufwachen wieder. Verbrachte viele verlorene Augenblicke damit, diese nackte Frau anzuschauen, so entrückt, so schön. Ich strich mit den Fingern über ihre kleinen Brüste, ihre langen Beine. Und wenn ich einschlief, traf ich sie in meinen Träumen wieder, nur zog sie nun in der Ferne vorbei, nicht wie ein Mensch, sondern wie eine Landschaft. Nur die schlafwandelnden Vögel redeten mit mir."

Hossi hingegen, ehemaliger UNITA-Kämpfer, leidet darunter, dass er gegen seinen Willen anderen Menschen im Traum erscheint, was teilweise drastische Folgen hat.


Daniels Tochter indes träumt davon, den korrupten Staat zu stürzen. Sie schließt sich einer Aktivistengruppe an, die sich die friedliche Stürmung des Parlaments in Luanda als Ziel gesetzt hat. Bei diesem Versuch wird sie verhaftet. Ihren Traum von einer fairen, unkorrupten Regierung gibt sie dennoch nicht auf.
Dieser Strang des Romans basiert auf einer wahren Begebenheit aus dem Jahr 2015, als eine Gruppe jugendlicher Aktivisten um den Rapper Luaty Beirão genau das versucht hatte.

Eine wichtige Rolle spielt auch noch ein brasilianischer Neurowissenschaftler, der in seinem Labor Träume in Bilder verwandelt. Daniel wird dorthin fliegen, um ihn kennenlernen und die Träume der Menschen besser verstehen.

Durch die nichtchronologische Erzählweise Agualusas und die vielen unterschiedlichen Personen und die mit ihnen verbundenen Erzählstränge in Vergangenheit und Gegenwart ist die Lektüre des Buches nicht ganz unanstrengend, jedenfalls solange bis er gekonnt die Stränge zusammenfügt.

„Die Gesellschaft der unfreiwilligen Träumer“, im Original, das Michael Kegler gekonnt ins Deutsche übersetzt hat, schon 2017 in Lissabon erschienen, ist ein rebellischer und gleichwohl komischer Roman voller Poesie. Er handelt von der enormen Sprengkraft von Träumen und ihrem Zauber, die, wenn viele Menschen träumen, sogar, wie in Angola tatsächlich geschehen, ein Regime zum Abtreten zwingen können.
Es geht um private, politische und utopische Träume und um die traumhaft verschlungene, rätselhafte Realität des Lebens selbst. Ein erzählerisches Gesamtkunstwerk.

Jose Eduardo Agualusa, Die Gesellschaft der unfreiwilligen Träumer, C.H. Beck 2019, ISBN 978-3-406-73374-1

[*] Diese Rezension schrieb: Winfried Stanzick (2019-11-11)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



-> weitere Bücher von Jose Eduardo Agualusa ansehen

-> Möchten Sie eine eigene Rezension veröffentlichen?

[ weitere Rezensionen : Übersicht ]

 



Aus unseren Buchrezensionen


Lieber woandersBrasch, Marion:
Lieber woanders
Marion Braschs neuer Roman „Lieber woanders“ erzählt auf knappem Raum eine intensive, den Leser sofort auf seltsam persönliche Weise packende Geschichte zweier Menschen, die handelt von Zufall und Schicksal, eine bewegende Geschichte über Schuld und Verluste. Eine Geschichte auch über schmerzhafte Abschiede – alles Erfahrungen, [...]

-> Rezension lesen


 All das zu verlierenSlimani, Leila:
All das zu verlieren
Nach ihrem großen Erfolg „Dann schlaf auch du“ hat sich der Luchterhand Verlag in München entschlossen, nun auch Leila Slimanis ersten in Frankreich schon 2015 erschienenen Roman unter dem deutschen Titel „Alles zu verlieren“ zu veröffentlichen. Schon in diesem Erstling zeigt sich die enorme erzählerische Kraft der 1981 in [...]

-> Rezension lesen


Das Glück des Augenblicks. Liebeserklärung an den MomentAuge, Marc:
Das Glück des Augenblicks. Liebeserklärung an den Moment
Die Menge der in jedem Jahr zuverlässig erscheinenden Glücksratgeber ist unüberschaubar. Ihre schiere Zahl und die Tatsache, dass sehr viele Verlage solche Bücher in ihrem Programm haben (manche bestreiten es ausschließlich mit solchen Büchern), zeigt ein Bedürfnis vieler Menschen an, über ihr von Hektik und Stress geprägtes [...]

-> Rezension lesen


 Ich umarme den Tod mit meinem LebenSägebrecht, Marianne:
Ich umarme den Tod mit meinem Leben
Es ist schon ein sehr eigenwilliges und ungewöhnliches Buch, das die Autorin und Schauspielerin Marianne Sägebrecht hier im Gütersloher Verlagshaus als eine Art persönliches und spirituelles Vermächtnis vorlegt. Erwachsen ist es unter anderem aus ihrer langjährigen ehrenamtlichen Arbeit in der Hospizbewegung und ihrem erstaunlich [...]

-> Rezension lesen


Anmelden
Benutzername

Passwort

Eingeloggt bleiben

Neu registrieren?
Passwort vergessen?

Neues aus dem Forum


Gedichte von Georg Trakl

Verweise
> Unser Buchladen
> Lyrikband seelengruende
> Neue Gedichte: fahnenrost
> Kunstportal xarto.com
> Suchmaschine z3ro.net





Das Fliegende Spaghettimonster

netzbibliothek | Anti-Literatur | Datenschutz | Topliste | FAQ | Impressum | Rechtliches | Partnerseiten | Seite empfehlen | Schlesien | RSS

Systementwurf und -programmierung von zerovision.de

© 2001-2019 by Arne-Wigand Baganz

v_v3.31 erstellte diese Seite in 0.021171 sek.