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Peter Stephan Jungk - Das elektrische Herz
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Jungk, Peter Stephan:
Das elektrische Herz

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(Bücher frei Haus)

„Mieux avoir remords que regrets“, spricht das Herz zu seinem Besitzer: es sei besser, Gewissensbisse zu haben, als sich Vorwürfe zu machen, etwas versäumt zu haben. Der Dramatiker Jakob Stein aka Max David Villanders hat sein Leben in vollen Zügen genossen, auch wenn ihm sein Herz dabei öfter übel mitgespielt hat. In der Mitte seines Lebens verliebt er sich in Farah, die von ihm verlangt, alle seine „Weibergeschichten“ aufzuzeichnen, nur dann würde sie sich – vielleicht – auf ihn einlassen. Jakob umwirbt Farah und bemüht sich bald so sehr um seine Aufzeichnungen, dass er darob sogar sie vergisst. Jakob befindet sich nämlich ohnehin in einem steten Dialog mit seinem Herzen, das sich immer dann in die Geschichte einmischt, wenn Jakob wieder einmal übertreibt.

Der Roman, der als innerer Monolog zwischen Jakob und seinen Herzen konzipiert ist, verwendet die zweite Person in der Ansprache, was den Leser anfangs ziemlich anstrengt und den Fluss der Geschichte eher behindert als befördert. Erst als der Erzähler ungehindert von seinem Herzen aus dem Vollen schöpft, gewinnt die Erzählung an Schwung und kulminiert in einer grandiosen Szene im Hotel in Jerusalem, als der Herzensbrecher Jakob allen seinen 50 Ex-Geliebten begegnet, und das ausgerechnet an seinem Geburtstag. Da Jakob tatsächlich – im physischen Sinne – herzkrank ist muss er sich auch mehreren Operationen unterziehen, doch keine kann ihn wohl von der Liebe heilen. Sein Herz hat ein Lochen in der Wand zwischen den Vorhöfen, aber noch weiß man nicht, wofür diese Metapher steht. „Ich bin ein Palast. Ein Palast mit vielen Räumen, Prunksäulen…Enfilade neben Enfilade. Stockwerk über Stockwerk. Kemenaten. Dachböden. (…) Ich bin dein Paradies auf Erden. Ich bin dein Einundalles. Ich schenke dir in jeder Sekunde Leben, manchmal zwei- und dreimal in der Sekunde: Leben. Ich bin dein Leben“, sagt sein tyrannisches Herz und verlang weitere Nahrung: Farah!

Sie habe so etwas Stilles, Neugieriges, zugleich wohltuend Zurückhaltendes an sich, ganz anders als seine Frau, denn Jakob ist immer noch verheiratet, sogar glücklich. Doch sein Herz treibt ihn immer wieder in neue Abenteuer, die er eigentlich gar nicht will. „Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt“, heißt es wohl nicht umsonst und sein „coeur d`artichaut“, wird auch von Farah belächelt. Ein „Artischockenherz“ habe er, Jakob, weil er sich in jede Frau, die ihm über den Weg laufe verliebe. Und sein Herz antwortet: „Alles was Männer und Frauen bewegt, spielt sich in unseren elektrischen Kammern ab.“ Dabei hatte ihm der Rabbi doch geraten, keine außerehelichen Beziehungen einzugehen, denn jede Frau, mit der man sich jemals einlasse, hänge, ja, klebe an einem bis in alle Ewigkeit. Auch Jakob beklagt sich über die Frauen: „Wie viel Zeit die Frauen einem rauben! Sie sind die perfidesten Diebe, die tyrannischsten Freibeuterinnen, sie stehlen Tage, Wochen, Monate, Jahre. Und beschweren sich dann: Es sei nicht genug, noch längst nicht genug.“ Jakob beziffert die Anzahl seiner Frauen mit 50, aber wie viel Zeit hatte er dann eigentlich für sein Leben?

„Alles, was mein Herz begehrt, richtet sich gegen meine Familie.“ Jakob weiß, dass sein Herz für all die Verwirrungen verantwortlich ist, daran wird wohl keine Operation etwas ändern, auch wenn sie vornehmlich zur Lebenserhaltung dienen und nicht zur Bewältigung seines Liebeshungers. Als er schließlich wieder zum „Tailleur du Coeur“ (Herzschneider, sic!) geht, kann es am Ende doch nur eine Antwort auf seine Fragen geben: Farah, seine Postbotin, in die er sich gerade verliebt hat, weil sein Herz es fordert. Obwohl auch sie verheiratet ist und Kinder hat. „Das elektrische Herz“ ist eine Geschichte über Verführung, eine Erzählung über die Liebe, die Verzauberung eines Abenteuers, des Augenblicks. „Warum wollen sie jetzt schon über das nächste Mal sprechen“, fragt Farah Jakob, „wenn wir jetzt doch noch zusammen sind?“

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2011-02-09)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.


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