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Der Hotelpage
Autor: Stefan Schürrer · Rubrik:
Kurzgeschichten

Man kommt an vielen Zimmern vorbei. Vorbei an dicken schweren Türen. Hinter jeder Tür verbirgt sich eine neue gruselige Geschichte.

Eine Drogenfantasie. Eine von der üblen Sorte. Ich erzähle nicht, wie es gewesen ist, sondern wie ich es mir vorstelle, dass es wäre, wenn ich es nochmal erleben würde. Wie ich diese Geschichten erleben würde, wenn ich sie nochmal erleben müsste.

Man muss sich heranschleichen, um alles zu verstehen. Vorsichtig sein wie ein Ninja. Bedacht und immer auf der Hut. Jederzeit könnte die schwere Tür aufgerissen werden und dich vermutlich hinab ziehen in diese grausamen Geschichten. Ich weiß nicht mal, was genau dann passiert. Was würde wohl mit uns geschehen, wenn wir in die Geschichten anderer gezogen werden, auch nur, wenn ich selbst sie erzähle? Bestimmt etwas Furchtbares. Davor muss man sich in Acht nehmen, wenn man sich den einzelnen Türen, den einzelnen Geschichten nähert.

Ich bewege mich auf die erste Tür an der linken Seite des Flures zu. Viele Türen warten noch auf mich, aber erst mal diese hier ausprobieren und auf den Geschmack kommen. Was erwartet mich hier hinter? Trauer höre ich. Aber zuerst klingelt das Telefon. Eine Ente läuft im Hotelzimmer auf und ab. Und das Herrchen hinterher im Entengalopp. „Halt bleib stehen!“ quickt der spießige Besitzer dem Tier hinterher. Dann das Telefon, die völlige Nichtbeachtung der Ente, die nun genüsslich am Vorhang des Hotelzimmers lutscht. „Ja, hallo? – Ja das bin ich.“

Ich höre nur das Herrchen der Ente sprechen, nicht die andere Seite der Leitung. „Ja, das ist mein Sohn, was ist denn passiert? Was wollen sie von mir? – Was hat er nun schon wieder angestellt? – Was ist er? – Ja, da arbeitet er. Ein Unfall ist passiert? – Ja ich weiß Bescheid. Hat keine Eile. Morgen werde ich abgeholt. – Ja, ich bin dann bereit. Ja. Ja. Ich habe verstanden. Ja, danke für den Anruf. Ja, ich werde auf dem Laufenden gehalten, danke. Ja, ist in Ordnung.“

Er hatte verzweifelt die Ente versucht einzufangen. Sie war aus ihrem Käfig ausgebrochen und umher gewatschelt. Frei und nicht eingesperrt. Das ging natürlich nicht. Der Besitzer der Ente wollte sie morgen auf einer Ausstellung präsentieren, dafür musste sie natürlich sicher verwahrt bleiben. Sie war sein Glanzstück und sollte ihm den Respekt unter den anderen Entenzüchtern sichern. Deswegen durfte sie nicht dem Risiko ausgesetzt werden, frei und nicht eingesperrt zu bleiben. Die Ente kommt nun von alleine auf ihn zu, umgarnt sein Bein und will, nachdem sie nun einige Meter Freiheit genossen hat, auf den Arm genommen werden. Will gedrückt werden und liebkost, danach wieder in ihren Käfig wie sie es eben kennt. Sie bekommt aber nur einen unsanften, automatisiert abwehrenden Tritt zu spüren. Nun, sie spürt ihn nicht lange. Der Tritt tötet die Ente. Vielleicht ungewollt, aber endgültig. So wie der Sohn in der Nacht noch an seinen Verletzungen im stundenlangen Kampf erliegt, so stirbt die Ente an dem spontanen Fußtritt. Er realisiert nicht die Folgen, die diese Tat hat. Die Konsequenzen wird er erst in wenigen Momenten begreifen, wenn er das Telefonat verdaut hat, wenn er aufgelegt hat. Der Vater wurde soeben telefonisch informiert, dass sein eigen Fleisch und Blut im Krankenhaus liegt. Ein Unfall auf der Arbeit. So wie es ein Unfall war, die Ente, seine heißgeliebte Ente zu töten.

Oh Gott, seine Ente! Aber, – wie soll er denn jetzt? Und was ist mit – ? Ihm fehlen die Worte. Nun trauert er um die Ente, und macht sich Gedanken über seinen Sohn.

Das Innere des Zimmers hinter der Tür wandelt sich um zu einer Stahlfabrik. Stahlträger, Lastenwinden, Maschinen zum Verarbeiten, Kessel kochendes Eisen, Gussformen und Männer in Arbeitsanzügen.

In diesem großen Gewirr, in diesem bienenartigen Rhythmus verkommen die Menschen, und sein Sohn mittendrin zu einem großen arbeitenden Organismus. Als Praktikant, Auszubildender mit wenig Wissen und wenig Gefühl für die Gefahr dieser schweren Arbeit. Der Duft von verwesenden Hunden liegt in der Luft und kommt gelegentlich hineingeweht durch die schweren Tore, die Funken sprühen innendrin und ergeben ein Lichtermeer. Letzte Woche erst hat ein Tollpatsch versucht, eine aufgerollte Stahlmatte, tonnenschwer, vor dem Herunterfallen zu bewahren indem er das Bein zwischen Boden und Matte hält, intuitiv wie man es bei einem fallenden Glas tut. Da war das Bein kaputt. Nun sollte sein Sohn unvorsichtig genug sein, um zu sterben. Nein, es ist nicht mal seine Schuld, ihm kann es nicht zum Vorwurf gemacht werden aufgrund seiner jugendhaften Naivität zu sterben.

Über den Köpfen der Männer werden die schweren Eisenträger, fertig zum Transport durch die Halle auf die andere Seite an Lastkränen getragen, um abtransportiert zu werden. Schließlich warten auf dieser Seite die Lastwagen, um die Eisenträger abzutransportieren. Bei der Schwebekonstruktion kommt es auch mal vor, dass einige dieser Eisenträger hinunter krachen und Menschen unter ihrer tonnenschweren Last begraben. Es war ein großes Gemetzel, die Einzelteile des Jungen lebten aber noch für eine Weile und wurden mit dem Krankenwagen zum Krankenhaus gebracht. Die Stahlfirma informierte den Vater per Telefon. Was für mich bleibt ist der Träger, der auf meinem Rücken liegt wie eine steife Leiche. Er kam einfach so durch die schwere Tür aus der fahlen Geschichte dahinter gerauscht, überraschte mich und blieb auf meinem Rücken liegen wie ein Parasit. Er trachtet nach meinem Leben, saugt sich fest und mir das Leben heraus. Das spüre ich.

Ich schleppe den schweren Eisenträger, der auf mir lastet wie das Kreuz des Jesus, zur nächsten Tür. Der Gang zur nächsten Tür ist nicht mehr grazil. Ich stöhne und ächze unter der Last des Eisenträgers, seine gewaltige Tonnenlast bricht mir das Rückgrat. Ein Hotelpage im schicken Zwirn steht bereit, fragt liebevoll: „Kann ich ihnen das vielleicht abnehmen?“ Ich sage ja und übergebe den Eisenträger, an ihm klebt noch das Blut des kleinen Jungen. Ich wische mir noch den Schweiß aus dem Gesicht, ziehe mir die Haut dabei ab und sehe den armen Pagen wie er unter dem Eisenträger einige Meter entfernt von mir unter lautem Krach zusammenbricht und stirbt. Nun, jetzt weiß die nächste Tür, die nächste Geschichte schon Bescheid. Die schwere Tür wird aufgestoßen und ein älterer Mann kommt heraus gestürmt, erwartet wohl einen Angriff auf sein Zimmer.

Er steht kampfbereit, mit erigiertem Penis, im Flur, dreht sich mehrere Male beschwipst um seine eigene Achse und muss enttäuscht feststellen, nur ein verrückter Schriftsteller auf Drogen steht ihm gegenüber, kein Kampf ist auszutragen. Ich schaue hinein in das höllische Zimmer, in dem eine asiatische Schönheit mit zusammengebundenen Hufen auf die alten, fettigen Fettschwarten wartet. Und das Licht brennt. „Das geht so nicht! Das ist kostbarer Strom! Verschwendung!“, schreie ich den wackelnden Penis an und stürme zugleich ins Zimmer, vorbei an den Ausscheidungen der Asiatin und mache Fernseher, Lampe und Deckenlampe zugleich mit nur einem gekonnten Knipser aus. Wenn es um Strom geht, bin ich schnell wie eine Gazelle.

Dann höre ich nur noch wie der Alte durch den nun dunklen Raum torkelt und gegen die teure Einrichtung stößt, mit seinem gewaltigen Geschlechtsorgan alles umwirft, was ihm zu nahe kommt und mich packen will, mich bestrafen will für die Einsparungen am Strom. „Oder kannst du deine schlitzäugige Muschi nur im Hellen ficken?“, dabei war ich schon wieder draußen, vorbei an der vor Unterwürfigkeit und Erregung stöhnenden Asiatin, die mir doch so gerne an die Wäsche gehen wollte und zog die schwere Tür zu, ließ diesen nun in Dunkelheit gehüllten Raum mit seinen Abarten hinter mir. Ich habe noch so viele Räume vor mir.


Einstell-Datum: 2011-06-25

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

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