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Rezensionen


 
Albert Camus - Der Fremde
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Camus, Albert:
Der Fremde

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(Bücher frei Haus)

Das Tor des Unheils
Anmerkungen eines Detektivs

Meine sehr verehrten Damen und Herren, Sie haben mich eingeladen, damit ich Ihnen aus der Perspektive meines Metiers etwas über ein literarisches Werk erzähle, das einen Detektiv nicht nur der Bildung wegen, sondern auch beruflich zu interessieren hat. Ich spreche von
Albert Camus’ Erzählung Der Fremde und dem Fall Meursault.
Seit seiner Veröffentlichung in Jahre 1942 ist das Werk um die Tötung eines Arabers im kolonialen Algerien durch einen jungen Franzosen rätselhaft. Meursault, so heißt der Held – oder Antiheld - ist mittelbar in einen Eifersuchtsstreit seines Wohnungsnachbarn, des Zuhälters Raymond, mit dessen maurischer Freundin verwickelt und erschießt, mehr oder weniger grundlos, ihren Bruder. Die Auseinandersetzung ist zum Tatzeitpunkt bereits entschärft, und zwar nicht unwesentlich durch die Mitwirkung des späteren Schützen.
Im Hintergrund der juristischen Aufarbeitung des Falles im zweiten Teil der Erzählung steht die Frage Totschlag oder Mord. Kommt Meursault mit einer Gefängnisstrafe davon oder droht ihm die Guillotine? Erstaunlicherweise wird in dem Prozess seitens der Anklage eine Begebenheit in den Vordergrund gespielt, mit der auch der Ich-Erzähler seine Geschichte beginnt: Die Beerdigung seiner Mutter, bzw. Mamas, wie er sie nennt. Kernpunkt im Plädoyer des Staatsanwaltes ist die Behauptung, dass zwischen der Beerdigung der Mutter und den Schüssen auf den Araber „eine tiefe wesentliche Beziehung bestehe“. Meursault kann seine fehlende Betroffenheit nicht erklären, die die Gesellschaft sich berechtigt dünkt, moralisch einzufordern. Seinem Anwalt gesteht er: „Natürlich mochte ich Mama sehr gern, aber das besagte ja nichts. Alle gesunden Menschen wünschen mehr oder weniger den Tod derer, die sie liebten.“ Infolgedessen ergeht gegen Meursault das Todesurteil.
Bis auf den heutigen Tag liegt das Motiv für die Tötung des Arabers im Dunkeln. Man tendiert dazu, die Tat als Mord zu betrachten, Mord ausgelöst durch einen lächerlichen Zufall. Für die Meisten ist Der Fremde ein Buch über den Sinn oder Unsinn des Lebens, dessen Hauptfigur Meursault praktiziert, was Camus in seinem im selben Jahr veröffentlichten Essay Der Mythos des Sisyphos philosophisch thematisiert hat. Diese beiden Werke bezeichnet man gemeinsam mit dem Drama „Caligula“ als die ’drei Absurden’ und geht davon aus, dass das Absurde und die Gleichgültigkeit Camus’ Hauptthemen sind, die sich in seinem Werk stets wieder finden.
Ich schlage vor, meine Damen und Herren, dass wir uns Meursaults Bericht etwas genauer ansehen und den Fall neu aufrollen. Zu hinterfragen ist neben dem Tatmotiv und der etwas dubiosen Anklage ein Angeklagter, der die scheinbar absurde Verknüpfung einer höchst persönlichen Angelegenheit, der Mutterbeziehung, mit dem Verbrechen, das er wie ein traumatisches Erleiden darstellt, zur unterschwelligen Suggestion seiner Unschuld benutzt. Der amerikanische Literaturwissenschaftler Roger Shattuk berichtet von einer dreißigjährigen Praxis der Lektüre des Fremden mit seinen Studenten und deren „moralischer Orientierungslosigkeit, bei der in den meisten Fällen der Tatbestand des Mordes unerwähnt bleibt und regelrecht übersehen wird“. Der Professor verurteilt die Parteinahme des Publikums für den Ich-Erzähler, nicht ohne sich selbst einzubeziehen. Daraus entwickelt er ein umfassendes Plädoyer für eine Rückbesinnung auf ethische Grundwerte: „Allzu leicht übersieht man nämlich die Botschaft – dass keine Lebensform als menschlich bezeichnet werden kann, die nicht ein Mindestmaß an Verantwortung für sich, das eigene Handeln und für die Mitmenschen kennt. Ob das wirklich die Botschaft des Fremden ist, sei hier einmal dahingestellt. Aber ein Literaturwissenschaftler sollte den bereits von Schiller thematisierten Gegensatz zwischen moralischer und ästhetischer Beurteilung kennen. Die Feststellung des Weimarers: „Daher wird ein Objekt zu einem ästhetischen Gebrauch gerade um so viel weniger taugen, als es sich zu einem moralischen qualifiziert“ gilt unter Umständen auch in der Umkehrung.
Nun ist die Rigidität des ethischen Über-Ich nicht unbedingt das vordringliche Problem unseres gegenwärtigen ästhetischen Konsums bzw. unserer Kulturkritik, meine sehr verehrten Damen und Herren. Umso mehr steht die Frage nach der tieferen Ursache der Empathie für den Verbrecher Meursault auf der Tagesordnung. Shattuk muss sie letzten Endes unbeantwortet lassen, ihm fehlt eine entscheidende Information, denn er resümiert: „Wir werden jedoch nie genau wissen, weshalb Meursault die Gewalttat begangen hat.
Mit dem kleinen Wörtchen „nie“ sollte man etwas vorsichtiger umgehen. Wenigstens einer muss es wissen bzw. gewusst haben: Der Autor. Nun könnten Sie mir entgegenhalten: „Herr Camus hat sich des Öfteren zu seiner Geschichte und dem Fall Meursault geäußert. Wenn es ein eindeutiges Motiv für den, nennen wir es einmal Mord, geben sollte, wieso hat er dann nicht das Kind beim Namen genannt?“
Er hat es nicht, soviel ist gewiss. Dafür sind durchaus verschiedene Gründe denkbar. Aber Camus hat einen indirekten Anhaltspunkt hinterlassen, einen unfreiwilligen Hinweis, vielleicht war es auch eine versteckte Andeutung. 1955 schreibt der Autor in dem Vorwort für eine amerikanische Lehrbuchausgabe: „Vor einiger Zeit fasste ich Der Fremde in einem Satz zusammen, der zugegebenermaßen sehr paradox klingt: >In unserer Gesellschaft läuft jeder Mensch, der bei der Beerdigung seiner Mutter nicht weint, Gefahr, zum Tode verurteilt zu werden.< Ich meine einfach, dass der Held des Buches verurteilt wird, weil er das Spiel nicht mitspielt. … Er weigert sich zu lügen. … Für mich ist Meursault kein menschliches Wrack, sondern ein armer nackter Mensch, der eine Sonne liebt, die keinen Schatten wirft. Er ist alles andere als gefühllos; ihn treibt eine tiefe Leidenschaft – tief, weil sie stumm bleibt.“
Der Verweis auf die Sprachlosigkeit sollte uns hellhörig machen, meine Damen und Herren. Wäre die Leidenschaft wirklich stumm geblieben, gäbe es keinen Fremden, keinen Literaturnobelpreis, keine Kommentare und kein Vorwort. Ein literarisches Werk ist keineswegs eine stumme Angelegenheit.
Wenn jemand gleichzeitig redet und schweigt kommuniziert er gewissermaßen auf zwei verschiedenen Ebenen. Die offen zugängliche ist verschlüsselt und somit eine kryptische, die eigentlichen Informationen des Klartextes müssen infolgedessen durch Decodierung erschlossen werden. In der klassischen Rhetorik nannte man dieses Versteckspiel Allegorie, die Entschlüsselung Allegorese.
Ich persönlich spreche lieber von einem Code. Camus’ Kommentar verwendet einen Code und zwar den gleichen wie seine Erzählung.
Wo Codes auftauchen, wird etwas verheimlicht.
Meursault ist infolgedessen erneut ins Kreuzverhör zu nehmen, wenn Sie mir diesen Ausdruck gestatten wollen. Die seitens des Autors postulierte Wahrheitsliebe des Helden ist bereits kritisch hinterfragt worden. Der Literaturwissenschaftler Shattuk stellt sehr richtig fest, dass Meursault mindestens zweimal lügt. „Einmal, als er den Brief an die maurische Frau schreibt, von der Raymond angeblich betrogen wurde und einmal gegenüber der Polizei.“
Ich will ohne weitere Umschweife zum springenden Punkt kommen, meine sehr verehrten Damen und Herren. Die entscheidende Phase des Falles stellt sich wie folgt dar: Meursault kehrt aus noch zu klärenden Gründen an den Ort der vorausgegangenen Auseinandersetzung zurück. Er trifft dort den Bruder der Maurin an. Meursault führt immer noch Raymonds Waffe mit sich und gibt fünf Schüsse ab. Nach dem ersten Schuss ist sein Gegenüber tot. Nun zögert Meursault einen Augenblick. Es folgen vier weitere Schüsse auf den leblosen Körper. Später wird der Untersuchungsrichter den Angeklagten fragen: „Warum, warum haben Sie auf die Leiche am Boden geschossen?“ Etwas lauter wird er insistieren: „Warum? Das müssen Sie mir sagen! Warum?“
Dem Angeklagten dämmert jetzt, wo er das Problem hat. Er stellt fest: „Allmählich wurde mir klar, dass seiner Meinung nach mein Geständnis nur einen dunklen Punkt enthielt: die Tatsache, dass ich mit dem zweiten Schuss etwas gezögert hatte. Alles andere war in Ordnung, nur das konnte er nicht verstehen.“
Warum der Fokus auf dem Zögern? Und warum betrachtet der Untersuchungsrichter den tödlichen Schuss fast als nebensächlich? Weil die Anklage die Chance für einen Mordprozess sieht. Eine Verurteilung wegen Totschlags unter mehr oder weniger zufälligen Umständen interessiert keinen, nicht das Gericht, nicht die Verteidigung, nicht den Autor und schon gar nicht den Leser. Alle wollen das Drama. Das liefert die Salve auf den Toten. Denn sie ist Absicht.
Der Untersuchungsrichter wird nun immer erregter. Er spürt Teuflisches, er fuchtelt mit dem Kruzifix herum, aber er kommt nicht dahinter, was Sache ist. „An ihnen ist etwas“, sagt er zu dem Angeklagten, „das ich nicht zu fassen bekomme. Sie werden mir sicherlich helfen, es zu begreifen.“
Hier hat sich der Mann allerdings geirrt.
Wir werde ihm etwas unter die Arme greifen müssen, meine sehr verehrten Damen und Herren.
Die vier Schüsse sind, wie Meursault es ausdrückt, „gleichsam vier kurze Schläge an das Tor des Unheils.“ Beachten Sie bitte, meine Damen und Herren, es sind vier Schläge, nicht fünf. Grob gesagt sorgt der erste Schuss nur für die Leiche auf der Bildfläche. Die vier Schüsse nach dem Zögern gelten der Leiche, nicht dem Araber. Sie sind für jemand anderen bestimmt.
Für wen?
Der Angeklagte versucht abzulenken und das Zögern herunterzuspielen.
Das Gericht wird das Geheimnis nicht erfahren. Instinktiv und ohne über konkrete Daten zu verfügen, beharrt es allerdings auf dem Vorwurf des Mordes.
Die Verteidigung bezieht sich ausschließlich auf die anscheinend vordergründige Totschlagsgeschichte.
Der Angeklagte weiß mehr, aber er schweigt.
Was spricht ist der Code. Der Leser kann an den Gedanken des Angeklagten teilhaben, den Code entschlüsseln und gegebenenfalls ein neues Urteil fällen.
Die entscheidende Information betrifft Meursaults - dem Gericht vorenthaltene - Assoziation unmittelbar vor den vier Schüssen auf die Leiche:
„Wieder sah ich den roten Strand, und ich spürte das Brennen der Sonne auf meiner Stirn.“
Dieser Schlüssel öffnet das Tor des Unheils…Treten wir also ein.
Wir stellen fest, dass wir alleine sind. Sie und ich, meine sehr verehrten Damen und Herren, sind die ersten, die den schauerlichen Ort betreten dürfen. Was wir sehen ist indes nichts Neues. Die Erzählung bleibt die gleiche. Wir entdecken einzig und allein Zusammenhänge. Die Ereignisse stellen sich in einem anderen Licht dar, einem Licht, in dem plötzlich alles zusammenpasst.
Alles.
Nach dem tödlichen ersten Schuss sieht der Angeklagte eine Leiche vor sich. Dazu fallen ihm „roter Sand“ und „das Brennen der Sonne“ ein. Der Schlüssel ist keineswegs besonders schwer aufzufinden. Trotzdem entgeht dem Publikum wie auch dem amerikanischen Professor der Literatur jahrzehntelang, dass es … eine weitere Leiche gibt.
Der Araber ist die zweite.
Der „rote Sand“ und das „Brennen der Sonne“ beziehen sich auf die erste. Die Leiche der Mutter. Die Schüsse nach dem Zögern gelten Mama.
Der Angeklagte entlarvt den Zusammenhang durch die kleine aufschlussreiche Metapher hinsichtlich der Farbe rot. Von blutroter Erde und brennender Sonne spricht Meursault anlässlich von Mamas Beerdigung.
Es kommt noch schlimmer. Das verborgene Motiv setzt nicht erst mit dem Zögern nach dem tödlichen Schuss ein. Der Erzähler denkt bereits an Mama, während er auf den Araber zugeht:
„Es war dieselbe Sonne wie an dem Tag, an dem ich Mama beerdigte.“
Tatsächlich gibt es fünf Schläge an das Tor des Unheils. Das Zögern besagt das Einschalten des Bewusstseins. Beide Aspekte der Tat, der unwillkürliche und der willkürliche gehören zusammen. Jetzt wird ersichtlich, warum die Anklage sich nicht für den Totschlag interessiert sondern auf dem Vorwurf des Mordes beharrt. Sie ahnt den richtigen Zusammenhang.
Fällt ihnen der eigenartige Gebrauch des Aktivs „ich beerdigte Mama“ auf, meine Damen und Herren? Er hört sich an, als ob der Sohn selbst zur Tat geschritten sei. Wir werden uns später eingehender mit der Beisetzung der Mutter beschäftigen müssen. Zunächst gilt es, zwei Schlussfolgerungen zu sichern: Wenn man, wie die gängigen Lesarten des Fremden, den Begriff „lächerlicher Zufall“ auf den Fall Meursault anwenden möchte, dann ist das allenfalls im Hinblick auf die Erschießung des Arabers zulässig. Er ist in der Tat mehr oder weniger nebensächlich. Was den Angeklagten zum Mörder macht ist alles andere als zufällig.
Zweitens enthalten die beiden zitierten Gedanken das Codewort.
Meursault benutzt es ein drittes Mal in einer höchst exponierten Situation. Er bringt seine gesamte Verteidigung auf die Formel: „Die Schuld an allem hätte die Sonne“.
Wenn der Täter vor Gericht die Schuld auf die Sonne schiebt, heißt das nichts anderes, als das Meursault unter der Hand seine Mutter beschuldigt.
Sonne ist der Code für Mama.
Wir wissen jetzt, meine sehr verehrten Damen und Herren, wem die Gewalttat gilt und sind damit einen guten Schritt weiter. Weshalb Meursault sie begangen hat ist damit noch nicht gesagt. Über das Verhältnis des Sohnes zur Mutter verrät der Text so gut wie nichts.
„Als Mama noch zu Hause war, verbrachte sie ihre Zeit damit, mich schweigend zu beobachten“, mehr lässt der Angeklagte, der das Schweigen in mancher Beziehung von seiner Mutter geerbt hat, nicht verlauten. Meine Untersuchung wäre mit dem genannten Zwischenergebnis an ihr unerfreuliches Ende gelangt, meine Damen und Herren, wenn der Angeklagte uns nicht mit einem Indiz aus der Klemme helfen würde. Analog dem Botenbericht in der antiken Tragödie, der zu einem gegebenem Moment den Ereignissen auf die Sprünge hilft, bedient sich Camus eines einfachen dramaturgischen Kniffs, um den unterschwelligen roten Faden fortzuspinnen. Er lässt den Gefangenen in seiner Zelle zwischen Strohsack und Pritsche ein altes Stück Zeitung entdecken. Die Notiz wird folgendermaßen wiedergegeben:
„Ein Mann hatte sein tschechisches Dorf verlassen, um sein Glück zu machen. Nach fünfundzwanzig Jahren war er als reicher Mann mit Frau und Kind zurückgekommen. Seine Mutter betrieb mit seiner Schwester in seinem Heimatdorf einen Gasthof. Um sie zu überraschen, hatte er Frau und Kind in einem anderen Gasthaus untergebracht und war zu seiner Mutter gegangen, die ihn nicht erkannte. Aus Jux verfiel er auf den Gedanken, in dem Gasthaus ein Zimmer zu mieten. Er hatte sein Geld gezeigt. In der Nacht hatten Mutter und Schwester ihn mit Hammerschlägen ermordet, um ihn auszurauben, und hatten die Leiche in den Fluss geworfen. Am Morgen war die Frau gekommen und hatte ganz ohne Absicht verraten, wer der Reisende war. Die Mutter hatte sich erhängt. Die Schwester hatte sich in einen Brunnen gestürzt.“
Meursault sagt dazu: „Ich las die Geschichte wohl tausendmal. Einerseits war sie unwahrscheinlich, andererseits aber ganz natürlich. Jedenfalls war ich der Meinung, daß der Reisende sein Los in gewisser Weise verdient hatte; denn solche Scherze macht man nicht.“
Der Kommentar des Angeklagten enthält drei wichtige Punkte. Als erstes stellt das Eingeständnis der geradezu zwanghaften Lektüre der kleinen Geschichte die Bedeutsamkeit der darin enthaltenen Information heraus. Sie kann gar nicht hoch genug veranschlagt werden. Zweitens: Die Kennzeichnung „unwahrscheinlich“ offenbart ihren codierten Charakter, es handelt sich um eine Parabel. Deren entschlüsselter Kern wird drittens als zutreffend erkannt, deswegen ist sie „ganz natürlich“. All diese Feststellungen werden durch die Tatsache bestätigt, dass Camus die Geschichte des Tschechen noch einmal aufgegriffen und unter dem Titel Das Missverständnis im Jahre 1944 auf die Bühne gebracht hat. Der sarkastische Titel erscheint in Anbetracht, dass die matriarchalisch geführte Herberge in der Bühnenversion ausschließlich durch Raub und Mord wirtschaftet, noch eigenartiger. Der Sohn hätte seine Mutter und Schwester kennen müssen. In dem Missverständnis sorgt ein böses, dämonisches Schicksal dafür, dass alle Versuche des Sohnes, seine Identität zu enthüllen, scheitern.
Was ist davon zu halten? Wollte Camus auf politische Strukturen, Machtverhältnisse von Staaten untereinander oder zu Kolonien anspielen? Roger Shattuk glaubt, „jenseits der höchst komplexen wörtlichen Bedeutung in dem Roman Der Fremde eine doppelte Parabel über zeitgenössische Ereignisse [sehen zu können], wie sich damals in der Sowjetunion und in Nazideutschland zutrugen. Meursault steht für den Bürger, der aufgrund seiner Passivität und abgestumpften Vorstellung dem Druck von außen nachgibt und unmenschliche Handlungen auszuführen bereit ist. Und Leser, die gedankenlos mit Meursault sympathisieren, stehen für Kollaborateure, Mitläufer und potentielle Komplizen bei solchen Handlungen. Die politische Bedeutung des Buches ist deswegen so eindringlich, weil sie vollkommen unterschwellig bleibt.“
Shattuk mag damit nicht ganz falsch liegen, meine Damen und Herren. Der eigentlich interessante Punkt ist nur, warum der genannte Mechanismus, in welchem Maßstab auch immer, mitunter so gut funktioniert. Wir dürfen davon ausgehen, dass Camus dazu etwas zu sagen hat und das „Unterschwellige“ damit zusammenhängt. Nicht weil es politisch ist, sondern weil das Politische nicht vom Anthropologischen zu trennen ist.
Sich intensiver mit dem Drama Das Missverständnis auseinander zusetzten lohnt sich indes nicht. Weit entfernt von einem Meisterwerk, kann es der Erzählung Der Fremde nicht das Wasser reichen. Auf der anderen Seite kam Camus, wie Meursault, offenbar nicht von der kleinen Geschichte, in der die Mutter ihren Sohn umbringt los. Letzterer, hat in den Worten des Erzählers, sein Los „in gewisser Weise verdient“.
Fragt sich, in welcher.
Was die Binnengeschichte weiter mitteilt ist, dass auch die Mutter ihr Los verdient hat.
Meursaults Mutter allerdings hat ihren Sohn keineswegs aus Habgier ermordet. Und sie stirbt im Altersheim.
Inwiefern hat also die Mutter Schuld an allem? Warum wird der Araber geopfert?
Beide Fragen laufen auf eine hinaus: Warum kehrt Meursault an den Ort der Auseinandersetzung zurück?
Der Konflikt zwischen dem Zuhälter und dem Bruder des Mädchens ist ausgestandenen. Die Gedanken haben sich wieder dem Alltäglichen zugewandt. Am Strandhaus angekommen trennen sich die Wege von Raymond und Meursault: Während der eine die Holztreppe hinauf- und in das Haus hineingeht, bleibt der andere draußen vor der ersten Stufe stehen.
Bitte vergegenwärtigen Sie sich, die Mittagshitze, meine sehr verehrten Damen und Herren, die unerbittliche Sonne, diese in direktem Wortsinne genommen. Meursault leidet: „Die Sonne fiel senkrecht auf den Sand, und ihr Flimmern auf dem Meer war fast unerträglich“. In der trockenen Hitze, die vom Boden aufsteigt, kann er kaum atmen.
Grund genug für ihn, sollte man meinen, Raymond zu folgen und unverzüglich den Schutz des Hauses aufzusuchen. Er entscheidet sich dagegen:
„Der Kopf dröhnte mir von der Sonne, und mir graute vor der Anstrengung, die Treppe hinaufgehen und wieder mit den Frauen reden zu müssen. Aber die Hitze war derart, dass es ebenso qualvoll war, in dem blendenden Regen dazustehen, der vom Himmel fiel. Bleiben oder gehen – es kam auf dasselbe hinaus. Kurz darauf ging ich zum Strand zurück und nahm die Wanderung wieder auf.“
Die Gleichung: brutale Sonne draußen, Frauen drinnen, ist vielsagend. Das Ergebnis leuchtet nicht ganz ein: Wenn bleiben oder gehen auf dasselbe hinauskommen, hätte Meursault auch hineingehen können.
Hält er die Tür in das Holzhaus für das Tor des Unheils? Irrtümlicherweise, wie im Hinblick auf die kommenden tragischen Geschehnisse konstatiert werden muss?
Es fragt sich, ob man es in der genannten Passage tatsächlich mit Meursault zu tun hat oder nicht viel mehr mit dem Tschechen. Der wäre in der Tat besser geflohen.
Meursault gebraucht übrigens genau diesen Ausdruck. „Ich wollte der Sonne entfliehen, aller Anstrengung und allen Frauentränen.“ Vor dem Hintergrund, dass der Angeklagte sich geradewegs in die Hitze hineinbegibt, scheint die Sonne in dem genannten Satz nur als Code plausibel.
Anstrengung, Frauentränen und Fluchtgrund wären demzufolge mit der Markierung „Mutter“ zu versehen.
Interessanterweise bekommt der Leser einen zweiten, positiven Grund für die Rückkehr zum späteren Tatort angeboten. Dort gibt es Schatten und eine kühle Quelle. Letztere stellt ein universales Symbol für das Mütterliche, Lebensspendende dar. Ihr angenehmes Geräusch, sie „murmelt“, korrespondiert mit den „redenden Frauen“ wie der Schatten mit der Sonne.
Schauen wir uns nun die Sonne in ihrer Doppelfunktion: wörtlich und als Code genommen an, meine sehr verehrten Damen und Herren:
„Die Hitze legte sich mit ihrem ganzen Gewicht auf mich und stemmte sich mir entgegen. Und jedes Mal, wenn ich ihren heißen Atem auf dem Gesicht fühlte, biß ich die Zähne aufeinander, ballte die Fäuste in den Hosentaschen und spannte mich, um über die Sonne und den dunklen Rausch, den sie über mich ergoß, zu triumphieren. Bei jedem Lichtspeer, der aus dem Sand, aus einer gebleichten Muschel oder aus einer Glassscherbe aufschoß, verkrampfte sich mein Kiefer. Es war ein langer Weg.“
Meursault fühlt sich durch die Hitze vergewaltigt.
Ich werde Ihnen jetzt den gleichen Abschnitt noch einmal vorlesen, etwas verkürzt und mit einer einzigen Veränderung. Ich werde „Hitze“ und „Sonne“ durch die Mutter bzw. das originale Mama ersetzen. Hören Sie bitte zu:
„Mama legte sich mit ihrem ganzen Gewicht auf mich und stemmte sich mir entgegen. Und jedes Mal, wenn ich ihren heißen Atem auf dem Gesicht fühlte, biß ich die Zähne aufeinander, ballte die Fäuste … und spannte mich, um über Mama und den dunklen Rausch, den sie über mich ergoss, zu triumphieren.“
Zeichen können täuschen. Enthält ein Text jedoch auffällige Diskrepanzen, offensichtliche Signale, Aufforderungen nachzufragen, hinzusehen, dann hat der Leser es möglicherweise mit einer kryptischen Oberfläche zu tun. Was nicht heißt, dass diese für sich genommen nicht bereits eine ästhetische Ganzheit darstellt. Erweisen sich Codierung und Klartext als konsistent, sind sie dem wörtlichen Textverständnis überlegen. In diesem Fall ist von einer absichtlichen oder unabsichtlichen, mit anderen Worten bewussten oder unbewussten Verschlüsselung auszugehen.
Der Text des Fremden in der Originalsprache enthält in seiner akustischen Darbietungsform eine besondere Raffinesse: Die Worte „Mutter“ und „Meer“ lauten im Französischen als „la mère“ und „la mer“ identisch. Das intimere, kindlichere Mama vermeidet allerdings die Polysemie, was nicht dagegen spricht, dort wo vom „Meer“ die Rede ist im Französischen gegebenenfalls die „Mutter“ zu hören. Umso mehr, als auch Mama mit melancholischen Stimmungen elementarer Natur, konkret des Abends, identifiziert wird.
Meine Damen und Herren, bitte hören Sie – gleichsam als Französin oder Franzose - in der folgenden Passage einmal gleichzeitig „Meer“ und „Mutter“:
„Vom Meer kam ein starker, glühender Hauch. Mir war, als öffnete sich der Himmel in seiner ganzen Weite, um Feuer regnen zu lassen. Ich war ganz und gar angespannt, und meine Hand umkrallte den Revolver. Der Hahn löste sich, ich berührte den Kolben, und mit hartem, betäubendem Krachen nahm alles seinen Anfang. Ich schüttelte Schweiß und Sonne ab. Ich begriff, dass ich das Gleichgewicht des Tages, das ungewöhnliche Schweigen eines Strandes zerstört hatte, an dem ich glücklich gewesen war. Dann schoss ich noch viermal auf einen leblosen Körper, in den die Kugeln eindrangen, ohne dass man es sah. Und es waren gleichsam vier kurze Schläge an das Tor des Unheils.“
Rekapitulieren wir, meine sehr verehrten Damen und Herren. Wir haben zwei Tote, wir haben zwei Leichen. Für Nummer zwei ist Meursault verantwortlich, sowohl vor als auch während der Tat denkt er aber an Nummer eins. Wenn er über Nummer eins Auskunft geben soll spricht er - etwas kaschiert durch die Verallgemeinerung „alle“ – davon, ihren Tod zu wünschen, einen Wunsch, den er sich sozusagen stellvertretend durch die Schüsse auf Nummer zwei erfüllt.
In dem einzigen, aber zentralen Indiz des Falls, der Zeitungsnotiz, bringen Mutter und Schwester den Sohn um, anschließend sich selbst. Hitze und Sonne vergewaltigen Meursault, dieser wiederum unterliegt dem dunklen Rausch und klopft mehrmals an das Tor des Unheils.
Die Tötung des Arabers, des Toten Nummer zwei, ist ein demonstrativer Mord. Die Tat verrät etwas über die Tote Nummer eins, Meursaults Mutter – etwas, das der Sohn nicht anders artikulieren kann.
Das ist sein Motiv: etwas Unaussprechliches und Tödliches mitzuteilen.
Die scheinbar unbegründeten Schüsse auf Nummer zwei tragen alle Anzeichen der willkürlichen Übertretung eines Tabus, das sich ganz zweifellos auf Person Nummer eins bezieht.
Sonne + Mutter + Schüsse = Rache + symbolische Wiederholung des Inzests.
Die Aufregung des Untersuchungsrichters und des Staatsanwaltes, ihre moralische Empörung erscheinen plötzlich nicht mehr ganz so absurd. Übrigens liefert der Text selbst den hermeneutischen Algorithmus der Verbindung von Eros und Gewalt.
Meursaults Flurnachbar Raymond ist ein Zuhälter, der sich an der vermeintlichen Untreue seiner Freundin rächen will. Ihr Bruder wird das spätere Opfer der impliziten Schüsse auf die Mutter. Meursault soll bei der Rache mitwirken, indem er das Mädchen durch einen von ihm selbst aufgesetzten Brief in eine Falle lockt. Raymond versucht seine Gefühle, eine brisante Mischung aus sexuellem Begehren und Aggression, abzureagieren. Die üblichen Artikulationsweisen seiner Zunft, das „Zeichnen“ oder die heimtückische, fälschliche Denunziation sind ihm nicht hinreichend, also kommt ihm die Idee, mit dem Mädchen ins Bett zu gehen und auf dem sexuellen Höhepunkt einen Bruch herbeizuführen:
„Und >wenn es soweit ist< - genau dann würde er ihr ins Gesicht spucken und sie rausschmeißen.“
Bleiben wir hier für einen Moment stehen, meine Damen und Herren. Meursault ist der Meinung, dass diese Aktion eine gute Strafe für die Freundin wäre. Warum lehnt er sich so weit aus dem Fenster? Nun, es geht in der Erzählung schließlich nicht um den Zuhälter. „Was mich interessiert sind Sie“, gibt der Untersuchungsrichter Meursault zu verstehen. Die Rache des Zuhälters ist der Ausgangspunkt für die tragische Verwicklung im Ganzen. Meursault gibt mit seinem Einverständnis zu verstehen, dass er in diese Ausgangssituation nicht zufällig involviert ist. Camus inszeniert hier im Hinblick auf Meursault eine signifikant modifizierte „Urszene. Die ambivalenten Gefühle der aktiven männlichen Seite artikulieren sich durch eine dezente Perversion einer sexuellen Peripetie mit infantilem Einschlag. Die Ejakulation mündet ins Spucken. Das alles lesen wir bemerkenswerterweise im Klartext, meine sehr verehrten Damen und Herren. Meursault wird durch seine Zustimmung und seine schreiberische Beteiligung damit verwoben. Wie eine Linse konzentriert die Erzählung die auseinander gefächerten Motive von Gewalt, Hitze, Sinnlichkeit, Anziehung und Abstoßung in diesem einem Punkt: prototypisches Tor des Unheils und zugleich Urpunkt biologischer Zeugung. Umgekehrt projiziert dieses Kernmotiv seine Bestandteile in die Erzählung wie eine Laserkanone Figuren in den nächtlichen Himmel.
Die zu Beginn zitierte Selbstinterpretation des Autors wird unter diesem kalten Licht prekär vielsagend.
„Für mich ist Meursault kein menschliches Wrack, sondern ein armer nackter Mensch, der eine Sonne liebt, die keinen Schatten wirft. Er ist alles andere als gefühllos; ihn treibt eine tiefe Leidenschaft – tief, weil sie stumm bleibt.
Wenn wir, entsprechend dem gefundenen Algorithmus, Sonne durch Mutter ersetzen und das „Lieben“ körperlich-sinnlich auffassen haben wir den Text hermeneutisch entschlüsselt. Dass die tiefe Leidenschaft einer inzestuösen Mutterbeziehung auf der abgründigen Vermischung von Liebe und Hass beruht - und sich nicht gut darüber plaudern lässt - versteht sich.
Andererseits lässt sich die Thematik auch schlecht völlig unterdrücken. Sie ist schließlich energetisch enorm aufgeladen. Wie bei einem Behälter, der unter starkem Druck steht, besteht andauernd die Gefahr, dass an der ersten besten undichten Stelle etwas durchbricht.
Beispielsweise in dem Szenario Altersheim und Beerdigung.
Meursault hat den „lächerlichen - Eindruck, sie säßen da über mich zu Gericht“. Das ist ein offenes Eingeständnis von Schuldgefühlen. Zu diesem frühen Zeitpunkt, im ersten Kapitel der Erzählung kann das Publikum allerdings noch nichts damit anfangen. Der Klartext ist unter anderem durch semantische Versetzung codiert. Metaphorisch codiert ist die unterschwellige Erotik auf dem Höhepunkt der Beisetzungszeremonie. Der Leichenzug bewegt sich quasi inmitten einer Kopulation von Himmel und Erde. Der Himmel „lastet auf der Erde“, die „pralle Sonne bringt die Landschaft zum Flimmern, die „Landschaft ist prall mit Sonne gefüllt“, die Teerdecke der Straße „ist von der Sonne aufgeweicht“, so dass die Füße in ihr „versinken“ und „tiefe Wunden in ihr glänzendes Fleisch“ reißen. Im Grab ist die Erde „blutrot“, durchzogen von dem „weißen Fleisch der Wurzeln“.
„Metaphern“, könnten Sie mit einer leicht abfälligen Intonation sagen, meine sehr verehrten Damen und Herren, „poetischer Überschwang“, dichterischer Farbauftrag, so wie ein Moderner die Ölfarbe auf die Leinwand klatscht. Ich will Ihnen da nicht widersprechen, auch wenn die gegenwärtige Linguistik der Metaphorik eine wesentliche konzeptionelle Funktion in der Strukturierung von Wahrnehmung und Erfahrung zubilligt. Das Publikum hat in diesem Stadium der Erzählung keine Chance die Konzeption des Autors zu durchschauen. Dieser belässt es aber nicht bei kraftvoller Rhetorik sondern auch die dramatische Strukturierung des ersten Kapitels folgt erotischen Vorgaben. Es ist erstaunlich, welche Dynamik ein normalerweise gemessen und ernst ablaufender Beerdigungsvorgang erzählerisch annehmen und zu welchem Crescendo er sich steigern kann.
Als Dreh und Angelpunkt von Meursaults Interesse stellt sich einer alter Herr und Freund der verstorbenen Mutter heraus. Er heißt Thomas Pérez. Der Bericht erwähnt, dass die Bewohner des Altersheims die Mutter scherzhaft seine „Braut“ nannten. Ist Meursaults geheime Identifikation mit Pérez der Grund dafür, meine Damen und Herren, dass sich der Erzähler geradezu zwanghaft auf den Alten fixiert? Lassen wir den Sohn selbst den „Bräutigam“, wie er ihn später nennt, vorstellen:
„Er trug einen weichen Filzhut mit rundem Kopf und breitem Rand (er nahm ihn ab, als der Sarg das Tor passierte), einen Anzug, dessen Hose in Korkenzieherfalten auf die Schuhe fiel, und einen schwarzen Schlips, dessen Knoten für sein Hemd mit dem großen weißen Kragen zu klein war. Seine Lippen zitterten unter einer schwarz gesprenkelten Nase. Sein weißes, ziemlich schütteres Haar ließ seltsam hängende, gesäumte Ohren sehen, deren blutrote Farbe mit in diesem bleichen Gesicht ganz besonders auffiel.“
Eine abschließende Erinnerung Meursaults an den Alten entstammt dem Ende der Beerdingungszeremonie:
„Dicke Tränen der Erschöpfung und des Kummers rollten ihm über die Backen. Aber infolge der Runzeln flossen sie nicht ab. Sie breiteten sich aus und bildeten einen wässerigen Lack auf dem zerstörten Gesicht.
Ist Ihnen etwas aufgefallen, meine Damen und Herren? Die blutrote Farbe erinnert an die blutrote Erde, das bleiche Gesicht an das weiße Fleisch der Wurzeln in der Erde und das Seltsame der Ohren an die seltsam melodisch bebende Stimme einer Krankenschwester. Diese Analogien finden sich auf engstem Raum. Ich will aber auf etwas anderes hinaus, auf etwas, das ich in der genannten Beschreibung vermisse. Ich meine die Augen. Alles an Pérez’ Gesicht ist auf mehr oder weniger auffällige Weise präsent, aber mit Augen wird er nicht ausgestattet. Kein Blick zwischen Sohn und Freund der Mutter, kein Wechsel von Höflichkeiten. Der Alte nimmt den Status eines Phantoms ein, einer wandelnden Metapher, wobei das Wandeln genau genommen aus einem symbolträchtigen Hinken besteht. Letzteres sorgt dafür, dass der „Bräutigam“ immer wieder den Anschluss an den Leichenzug verliert und versucht, den entstandenen Abstand durch abkürzendes Querfeldeinlaufen wettzumachen. Das alles wäre ganz unerheblich, meine Damen und Herren, wenn es nicht eine bedenklich schockierende Wirkung auf den Sohn ausüben würde:
„Wieder lief er querfeldein, und immer wieder. Ich fühlte, wie mir das Blut in den Schläfen pochte. Dann lief alles derart überstürzt, sicher und natürlich ab, dass ich mich an nichts mehr erinnere.“
Meursault und Perez scheinen trotz oder wegen der absoluten persönlichen Distanz unterschwellig liiert, denn auch der Alte fällt am Ende in Ohmacht „als wäre ein Hampelmann zusammengeklappt“. Warum assoziiert der Sohn den hinkenden Alten mit dem pochenden Blut in seinen eigenen Schläfen, frage ich Sie, so, dass beide in der Bewusstlosigkeit landen? Und, nicht zu vergessen, auch die vier Schüsse auf die Leiche erzeugen eine narrative Amnesie: Der zweite Teil der Erzählung beginnt mit der Vernehmung. Dazwischen herrscht Blackout.
Werfen wir einen Blick auf die antike Mythologie. Der Autor hat sich mit seinem, parallel zu dem Fremden erschienenen und mit diesem korrespondierenden, Mythos von Sisyphos selbst auf dieses Terrain begeben. Wir finden in den alten Mythen zwei einschlägige Protagonisten des Hinkens, den Gott des Feuers und der Schmiedekunst, Hephaistos und den Prototyp des erotischen Tabubruchs, Ödipus. Ersterer war klein und hässlich und ausgerechnet mit Aphrodite vermählt, die ihn spektakulär hinterging. Der zweite heiratete die Mutter und erschlug den Vater. Der Name Ödipus steht sowohl für den „Schwellfuß“ mit der das Hinken verursachenden Verkrüppelung der durchstochenen und geschwollenen Füße, als auch einer damit verbunden sexualsymbolischen Anspielung, denn Ödipus ist eine verharmlosende Verkürzung von Oidyphallus. Meursaults Schilderung der Beerdigung liest sich wie die Metaphorisierung und Dramatisierung eines Aktes körperlicher Zeugung. Seine Bemerkung, dass er gegen Ende deswegen in die Erinnerungslosigkeit abdriftete, weil alles „überstürzt, sicher und natürlich“ ablief fügt sich, wenn überhaupt zu irgend etwas, dann zu dem hier angesprochenen bildgebenden Bereich – zu einer Beerdigung mit Sicherheit nicht.
Dass ich mit der Einordnung des Hinkens in die erotische Symbolik von Bein, Fuß und Schuh keine weit hergeholten Unterstellungen konstruiere, meine sehr verehrten Damen und Herren, ergibt sich darüber hinaus aus den eigenen Assoziationen des Erzählers in Bezug auf das Bein der Freundin und ihrer „sehr scharfmachenden“ Ledersandalen. Auch das Bild der im glänzenden Fleisch versunkenen Füße gehört in diesen Zusammenhang. Und später, inmitten einer äußerst spannungsgeladenen Situation, Raymond greift nach der Revolvertasche, fallen dem Erzähler die weit auseinander stehenden Zehen des Flötenspielers auf. Im Kontext einer gängigen metaphorischen Analogie von vegetativer und kreatürlicher Fruchtbarkeit und der ebenso alltäglichen erotischen Symbolik von Bein, Fuß und Schuh erhält das Querfeldeinlaufen des „Bräutigams“ seine spezielle Note und es wird ansatzweise nachvollziehbar, wieso dieser an sich so unbedeutende Umstand Meursault das Blut in den Schläfen pochen lässt und ihm die Besinnung raubt. Noch heute kann man mitunter den Ausspruch: „Mach dich vom Acker“ als Entgegnung auf einen unerwünschten Annäherungsversuch vernehmen.
Enthält der erste Teil des Fremden die rhetorische Aufbereitung des Verstoßes gegen das Inzesttabu, so beschäftigt sich der zweite entsprechend mit der Verarbeitung besagten Bruchs. Dem Angeklagten wird die Todeszelle zur Mönchsklause. Der aufgezwungene, mit der Strafe notgedrungen verbundene Verzicht wird bereitwillig, ohne Auflehnung akzeptiert. Gleichzeitig und damit verbunden setzt – quasi als Gegenbewegung zu dem Gedächtnisverlust am Grabe der Mutter – eine, allerdings noch dem Äußerlichen verhaftete, Erinnerung in einer Form von mentalem Training ein:
„Sobald ich lernte, mich zu erinnern, kannte ich keine Langeweile mehr. Manchmal dachte ich an mein Zimmer, und in der Phantasie ging ich von einer Ecke in die andere und wieder zurück und zählte im Geiste alles auf, dem ich auf diesem Weg begegnete. Anfangs war ich schnell damit fertig. Aber immer, wenn ich damit anfing, dauerte es etwas länger. Denn ich erinnerte mich jedes Möbelstücks und jedes Gegenstandes, der sich darauf befand, und bei jedem Gegenstand aller Einzelheiten und bei den Einzelheiten wieder einer Einlegarbeit, eines Risses oder eines ausgebrochenen Randes, ihrer Farbe und ihrer Struktur. Gleichzeitig versuchte ich, den Faden meiner Inventur nicht zu verlieren und eine vollständige Aufstellung zu machen. So konnte ich nach ein paar Wochen ganze Stunden damit verbringen, das aufzuzählen, was sich in meinem Zimmer befand. Je mehr ich nachdachte, umso mehr verkannte und vergessene Dinge kramte ich aus meiner Erinnerung hervor. So erfuhr ich, dass ein Mensch, der nur einen einzigen Tag gelebt hat, mühelos hundert Jahre in einem Gefängnis leben könnte. Er hätte genug Erinnerungen, um sich nicht zu langweilen.“
Keineswegs zufällig taucht die Geschichte des Tschechen in unmittelbarer Umgebung des Stichwortes „Erinnerung“ auf.
Mit dem „moralischen Muttermord“ und den impliziten Schüssen auf die Leiche, die wie gesagt, in gewisser Weise auch den Inzest mit Mama symbolisch letztmalig nachvollziehen, korrespondiert am Ende der Erzählung - als Vollendung eines Entwicklungsprozesses in Richtung auf Selbstständigkeit und Befreiung von Mutter und Vater bzw. den entsprechenden gesellschaftlichen Instanzen - der symbolische Vatermord. Das Wort fällt übrigens explizit durch die Journalisten im Kontext der Meursault-Verhandlung sowie aus dem Mund des Staatsanwaltes, der Mutter- und Vatermord nebeneinander stellt. Der Geistliche will mit „Vater“ angeredet werden und nennt den Verurteilten „mein Sohn“. Der aggressive Ausbruch Meursaults, das erstmalige Herausschreien aller aufgestauten Gefühle ist Zielpunkt der unterschwelligen psychischen Dynamik und des inneren Spannungsbogens und bewirkt die eigentliche entlastende und befreiende Katharsis. Den religiösen Überzeugungsversuchen des Geistlichen wird das Streben nach eigener Erkenntnis in Verbindung mit der Rehabilitation der Sinnlichkeit in allen ihren positiven - wie tragisch-negativen - Aspekten übergeordnet.
Es gehört zu dem Geheimnissen der Erzählung, dass die nun folgende Versöhnung mit Welt und Tod, mit Mutter und „Bräutigam“ in den Bildern der Geburt und des Anfangs dargestellt wird. In den vom Erzähler antizipierten Schreien des Hasses der Zuschauer am Tage der Hinrichtung hinein vermeint man – analog zu den Metaphern der Zeugung beim Begräbnis der Mutter - das Schreien des Neugeborenen und die Begrüßung eines unabänderlichen Ablaufs zu vernehmen, in dem „sich alles erfüllt“.
Meine Damen und Herren, das Schlusswort meiner Ausführungen gebührt dem Autor Albert Camus und seinem deutschen Kollegen Peter Hacks. Camus fasst seinen Kommentar in eigener Sache in dem Satz zusammen: „Ich bin auch so weit gegangen zu sagen – und auch dies klingt paradox -, dass ich in Meursault den einzigen Christus darzustellen versuchte, den wir verdienen.“
Was meint er damit?
Der Fremde ist der fremde Gott - Osiris oder ein anderer aus der alten Garde der Sohnesgeliebten der großen Mutter, sie mögen auch Attis, Adonis oder sonst wie heißen.
Was der Dramatiker Peter Hacks über das Monodrama sagt, gilt auch für Camus’ monologartige Erzählung: „Das Monodrama leitet sich ab vom kultischen Tanzgesang der Priester. Die Priester stellten die Begebenheiten eines Gottes dar. Ein Kult hat immer nur einen Gott, so hat der rituelle Tanz nur eine Person. Dieser Gott muss einen Abend füllen und folglich eine Dramaturgie entwickeln.
Nun werden Götter überaus gerne geschlachtet. Sie führen ein Leben, das auf Zusammenbrüche hinausläuft. Das, für das sie ja stehen – Jahreszeiten, Gestirne, Ackerfrüchte oder die Könige im Matriarchat – ist zum Untergang bestimmt. Freilich auch zum Wiedergeborenwerden. Tod, so lehren die Geschichten der heiligen Könige, schlägt um in Leben. Das ist eine sehr befriedigende Nachricht: keine weinerliche, wie die heutigen Einpersonenstücke, sondern eine tragische. Diese Götterkatastrophen sind der Ursprung der kathartischen Wirkung und der Gattung Drama.
Von daher also handelt das Monodrama von (stolzen) Zusammenbrüchen, befindet sich in extravaganten (göttlichen) Situationen und hat einen Grund, überhaupt stattzufinden: die Selbstdarstellung eines Gottes, der ja im Mysterium leibhaft zugegen ist und sich nicht dafür entschuldigen muss, dass er sich offenbart.“
Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Albert Camus
Der Fremde (L`Étranger)

[*] Diese Rezension schrieb: Christian Milz (2009-02-10)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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