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Mike Evans - Woodstock
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Evans, Mike:
Woodstock

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(Bücher frei Haus)

Der „Sommer der Liebe“ wird heuer 40 Jahre alt. Im August 1969 reiste eine halbe Million Menschen in das 75 km von Woodstock entfernte Bethel Woods, und traf dort auf die wohl größten lebenden Musiker jener Epoche: Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jefferson Airplane und mehrere Dutzend andere. Drei Tage (15.-17.8.) sollten Hippies aus der ganzen Welt ihre Musik und ihre Art zu leben der amerikanischen Öffentlichkeit präsentieren und das in Frieden und Harmonie, ganz ohne Gewalt, öffentliche Toiletten oder andere hygienische und kulinarische Einrichtungen. Die sechs Dollar Eintritt hatten auch bei einem so reißenden Absatz nicht für die notwendigen infrastrukturellen Maßnahmen gereicht, zumal das Festival ohnehin bald zum „Free Festival“ mutierte, wie auch der überaus sympathische Organisator, Michael Lang, auf dem bekannten Livemitschnitt großspurig verkündet. Der eigentliche „Sommer der Liebe“ hatte zwar schon 1967 in San Francisco stattgefunden, aber wir wollen hier mal ein bisschen historische Unschärfe zulassen, schließlich sind die, die sich genau daran erinnern können, eigentlich ja gar nicht dabei gewesen, um wieder Mal ein bekanntes, abgedroschenes Zitat zu paraphrasieren…

Ein Jahr der Gewalt und des Aufbegehrens
Dem Woodstock-Festival waren eine ganze Menge anderer wichtiger Ereignisse vorangegangen, die zu einer Radikalisierung der amerikanischen Öffentlichkeit wesentlich beigetragen hatten. Woodstock sollte so auch zu einem letzten Symbol des Friedens und der Hoffnung werden, in einer Welt, die bereits 1968 aus den Fugen geraten war. In jenem Jahr wurde nicht nur Martin Luther King oder Robert Kennedy erschossen, sondern auch die Offensive von My Lai in Vietnam eingeleitet. Die amerikanische Invasion hatte mehrere Verluste einzustecken und endete in einem Fiasko. Sicherlich gilt sie, die Invasion, als eine Geburtsstunde der „Gegenkultur“: die meisten Einberufenen waren um die 19 und hatten keine Lust in einem „Krieg für die Weißen gegen die Gelben, um ein Land das sie den Roten geklaut hatten als Schwarze zu kämpfen“, wie es treffend in einem anderen Film der Sechziger Jahre heißt. Tatsächlich waren bei den kämpfenden Truppen die Afroamerikaner mit 28% leicht überrepräsentiert, im Gesamtdurchschnitt der Bevölkerung waren sie weniger als 10%. 1968 steht auch für die legendäre Demonstration von „Black Power“ auf den olympischen Spielen in Mexico City, als die beiden schwarzen Sportler Tommie Smith und John Carlos mit gereckter Faust auf dem Siegerpodium standen. Eine Geste, die wie keine andere den Geist von 1968 verkörpert. „Say it loud – I am black and proud“ war der Soundtrack von James Brown, den er dafür gleichsam mitlieferte, das andere Amerika machte sich bemerkbar und eroberte sich sein Terrain. 1968 steht so also auch für die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft anhand der traditionellen cleavages einer Nation race-gender-religion, der Beginn der Gewalt durch Black Panther und die Symbionese Liberation Army oder den Weathermen, die Youth International Party und die Five Days of Rage in Chicago sind weniger willkommene Ergebnisse eines ereignisreichen Jahres, das von Gewalt und Zwietracht geprägt war.

Ein friedliches Treffen der Stämme
Umso mehr sollte 1969 mit Woodstock zu einer Wiederholung des legendären „Sommers der Liebe“ von 1967 werden und die Vorzüge der amerikanischen Kultur in den Vordergrund stellen: Solidarität, friedliches Zusammensein in trautem Drogenkonsum und der Wille, alles zu teilen, selbst den eigenen Schlafplatz oder Körpergeruch. Selbstverständlich sollen hier die friedlichen und demokratischen Absichten der Hippiegeneration nicht in Abrede gestellt werden, schließlich muss auch betont werden, dass das Amerika der Sechziger keineswegs als vorbildliche demokratische Gesellschaft gelten kann, man denke nur an die Rassensegregation an den Schulen oder gewalttätige Übergriffe der Polizei gegen Studenten oder schwarze Bürgerrechtler. Tatsächlich hat die Revolte der Jugend der Sechziger eine Gesellschaft hervorgebracht, die so viel mehr menschlicher und lebenswerter ist, als sie je zuvor war und für diese Werte steht nun einmal Woodstock 1969: „All you need is love“. Auch wenn dabei so mancher seine Milliönchen verdiente, die ernsthaften Absichten sollen niemandem abgesprochen werden. Dass die Musiker dabei teilweise Traumgagen erhielten und die sogenannte Gegenkultur ohne Unterstützung von Farmern und Betschwestern kläglich gescheitert wäre, mal beiseite gelassen…

Das organisierte doch schlecht kalkulierte Chaos
Auch die Vorbereitungen für Woodstock lesen sich spannend wie ein Agententhriller, denn es war gar nicht so einfach das Kapital und ein geeignetes Gelände für die geplanten 150.000 Besucher (aus denen dann ein dreifaches werden sollte) zu organisieren. Eigentlich hätte Woodstock in Walkill, N.Y. stattfinden sollen und auch in Bethel, wo es dann tatsächlich stattfand, sah es anfangs nicht so rosig aus, weil der Verpächter bedroht wurde. Der Milchbauer Max Yasgur ließ sich durch die störenden Anrufe jedoch nicht zu einem Vertragsbruch überreden, ganz im Gegenteil. Max Yasgur wurde bald zum Helden der Gegenkultur, obwohl er eigentlich nichts mit ihrer Musik und ihrem Lebensstil am Hut hatte. („Die Kühe würden nicht wiederkäuen, keine Milch geben und keine Kälber bekommen. Aber die Situation hatte sich ohnehin bald jeder Kontrolle entzogen.“) Man sollte aber auch nicht unterschätzen, welcher Aufwand an PR von der Firma „Woodstock Ventures“ in das Ganze gesteckt wurde: „Es war die erste Veranstaltung die landesweit beworben wurde“, sagt Michael Lang, der Ideengeber und Kopf des Ganzen. Es wurde sogar eine Werbeagentur engagiert, die im Radio und auch in Colleges für Diskussionen über das Festival sorgte. Der Erfolg war dann ein Verkehrschaos und Woodstock als ein „einziger großer Parkplatz“, zu wenig Wasser und keine Essensstände, dann noch der Regen am zweiten und dritten Tag und das Chaos war perfekt. Die „Please Force“ bestehend aus Ken Keseys/Hugh Romneys “Pranksters“ übernahm die Sicherheit und Verpflegungscontrol und wurden von ihrer Hog Farm per Jet direkt nach Woodstock eingeflogen. Eine Hippiekommune, die Hog Farm, übernahm damit die Verantwortung für eine halbe Million Festivalgäste. Natürlich wäre ohne Max Yasgurs großzügige Verteilung von Lebensmitteln und Wasser die Versorgung ganz zusammengebrochen. Auch die Nationalgarde warf Marsriegel und Cola ab, zwar nicht ganz das Richtige für hungrige Mäuler, aber Lang hatte ohnehin bald eine Gemüselaster mit dazugehöriger Suppenküche organisiert. Zusätzlich gab es natürlich auch noch eine Reihe von technischen Schwierigkeiten mit der PA und der Rollbühne, die sich plötzlich nicht mehr bewegen ließ und dennoch: „Es“ funktionierte!

Shut up, Politics! Music is the message!
Natürlich rückt die vorliegende Publikation auch die musikalischen Auftritte in den Vordergrund und der Festival-Opener Richie Havens mit seinem „Freedom“ wurde nicht zuletzt aufgrund dieses teilweise improvisierten Songs, der auf dem Traditional „Motherless child“ basiert, zum Inbegriff einer ganzen Generation. Es kommen bei der Musikpräsentation des Festivals auch die Bands zu Wort, die auf der Langspielplatte oder dem Film eher unterrepräsentiert waren, außerdem wird die gesamte Songlist der jeweiligen Künstler und ein kurzer Kommentar wiedergegeben. Auch kritische Erlebnisse, wie etwa das von Ravi Shankar bekommen Raum: „Woodstock war eine riesige Picknickparty, die Musik war Nebensache. Ich wünschte, ich wäre dort nie aufgetreten, aber ich war vertraglich gebunden.“ Besonders die Menge bekiffter Menschen, die ihn an Wasserbüffel erinnerten, hatten Shankar Angst gemacht, es wäre ihm unmöglich gewesen, zu vielen Zuhörern eine spirituelle Verbindung aufzubauen. Ähnliches kam auch von Pete Townshend (The Who). Nachdem der Polit-Macker der Generation, Abbie Hoffman, seinen Auftritt mit einer politischen Rede stören wollte, prügelte er ihn mit seiner Gitarre (man erinnert sich: Townshend zerschlug diese gerne oder erfand das Tontaubenschießen auf Goldene Schallplatten) und mit folgenden Worten von der Bühne: „Hau ab von meiner Bühne, du Arschloch, hier geht`s um Rock `n´ Roll“. Das ach so friedfertige Publikum habe sogar dazu applaudiert, von wegen Flower Power und so. Auch im Nachhinein bewertete der Who-Gitarrist das Festival und sein Publikum sehr zynisch: „Ich hätte sie am liebsten bespuckt, um ihnen klarzumachen, dass sich nichts verändert hatte, sich auch nichts verändern würde. Was sie (die Hippies, JW) für eine alternative Gesellschaft hielten, war im Grunde nur ein Acker, auf dem man kniehoch im Schlamm versank und auf dem überall LSD genommen wurde. Wenn das die Welt war, in der sie leben wollten, dann konnten sie mich mal am Arsch lecken.“ Ganz unrecht hatte Townshend damit nicht, wenn man bedenkt, dass er dafür, Werbung für die neue Langspielplatte der Who vor dem Zielpublikum, seiner „Generation“, zu machen, auch noch eine Menge Geld (im Falle der Who: 11.200.- Dollar) kassierte. Oder überhaupt schreckt auch ab, wie einflussreich die Manager der Musiker eigentlich waren: Jimi Hendrixs Manager bestand darauf ihn, am Schluss spielen zu lassen, der „Star spielt am Schluss“ war seine Argumentation. So kam es, dass ausgerechnet Hendrixs exzellenter, geprobter und professioneller Auftritt um 08:30 morgens (!) vor nur mehr 40.000 Zusehern stattfand. Wenn es nach mir ginge, hätten ohnehin alle Musiker gratis spielen müssen, das wäre der eigentliche „Spirit“ des Festivals gewesen, von wegen „free“ und so… aber bitte.

Bilanz eines „Freien“ Festivals
Zwei Tote (einer davon wurde am letzten Tag beim Zusammenräumen in seinem Schlafsack überfahren), vier Fehlgeburten, vierhundert wegen Drogenmissbrauchs behandelte Personen…eine geradezu mickrige Bilanz für eine mittelgroße amerikanische Stadt von eienr halben Million Einwohner, oder? Nichts anderes war Bethel Woods tatsächlich in diesen Tagen. Lob kam auch von einem Polizisten der Gegend: „Abgesehen von der Einstellung, den Kleidern und Ideen war das die höflichste, rücksichtsvollste und wohlerzogenste Gruppe von Jugendlichen, die ich in 24 Dienstjahren getroffen habe.“ Dank übrigens auch an die Schwestern der Abtei St. Thomas: sie stellten immerhin 30.000 Sandwiches gratis zur Verfügung und verteilten diese sogar persönlich. Auch dank an die Film- und Soundaufzeichner: die 1 Million Dollar Schulden auf denen die Veranstalter saßen wurden von 200 Millionen Dollar verkauften Tonträgern oder Filmeinnahmen kompensiert. Michael Lang erhielt für seine Arbeit immerhin 31.750 Dollar, weit mehr als der bestbezahlte Künstler des Festivals Jimi Hendrix, der bekam „nur“ 18.000 Dollar. Vielleicht hatte Bob Dylan, der nicht auf dem Festival spielte, tatsächlich recht: das Ganze roch irgendwie einfach nach einer riesigen Abzocke.
Woodstock I bis IV?
Vorliegende Publikation der Collection Rolf Heyne glänzt vor allem durch ihren Detailreichtum. Nicht nur, dass auf die politischen Ereignisse, die zu Woodstock geführt haben, extra erwähnt und bebildert werden, auch die Symbole der Bewegung werden bereitwillig und genauso ernsthaft erklärt. Das berühmte „Peace“-Zeichen etwa stammt vom Designer Gerald Holtom, der es für das Direct Action Comittee, eine Gruppe britischer Friedensaktivisten, entworfen hatte. Es besteht eigentlich aus zwei Buchstaben des Winkeralphabets, nämlich dem „N“ und dem „D“, Abkürzungen für „Nuclear Disarmament“, also atomare Abrüstung. Zum ersten Mal war es bereits 1958 (!) bei einer Friedensdemo in London gegen das Atomforschungszentrum Aldermaston aufgetaucht. Ein amerikanischer Student der Student Peace Union brachte es dann 1960 in die USA, wo es bald zum Symbol dieser Organisation und der gesamten Gegenkultur wurde.
Die vorliegende Buchausgabe zum 40-Jahrejubiläum räumt auch den Wiederauflagen Woodstock II und III einigen Platz ein und beschließt seine Buchdeckel mit einem „Who is Who“ der Woodstockgeschichte. „Was ist aus ihnen geworden?“ ist dabei ebenso interessant wie eine bunt gestaltete Diskographie der bei Woodstock I aufgetretenen Bands. Viele andere Details wie etwa eine Kosten- und Gagenaufstellung, ein Interview mit dem berühmten Paar vom Cover, Faksimiles der Original-Eintrittskarten, Zitate aus der Untergrund- und Mainstreampresse machen dieses Buch zu einer willkommenen Lektüre von „Memories of Free Festival“, einem legendären Aufbruch in das Wassermann-Zeitalter, das so hoffnungsvoll begann und nun – wohl weit weniger ruhmreich - endgültig zu Ende zu gehen scheint…oder doch: Yes, we can!?

Mike Evans/Paul Kingsbury/The Museum at Bethel Woods
WOODSTOCK
Vorwort von Martin Scorsese

2009
Collection Rolf Heyne
288 Seiten viele farbige Abbildungen
ISBN: 978-3-89910-419-6
39,90.-€

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2009-07-23)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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