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Jean Claude Gautrand - Paris - Porträt einer Stadt
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Gautrand, Jean Claude:
Paris - Porträt einer
Stadt

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(Bücher frei Haus)

„Paris montre toujours les dents. Quond il ne gronde pas, il rit.“ (Paris zeigt immer die Zähne, wenn es nicht fletscht, lacht es)“, sagt Victor Hugo in „Les Misérables“ 1862 und tatsächlich zeigt dieser phänomenale Prachtband aus dem Taschenverlag nicht nur die Sonnen-, sondern auch die Schattenseiten der Welthauptstadt des 19. Jahrhunderts. Mal lehnt auf einem Foto ein Chiffonier (Lumpensammler) nahe der Seine an einem Pfosten, mal spielen die Musikanten, die auch im Französischen den italienischen Ausdruck Pifferari tragen, im Rinnstein. Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in den Straßen von Paris auch noch die „marchand de coco“, die auf ihrem Rücken Limonade geladen hatten und diese hausierend verkauften. Darüber freuten sich natürlich besonders die Kinder, die gerne Reime darauf sangen: „Voici le marchand de coco musical/chargé des ses robinets d’or/ses robinets sont des serpents/ d`où gicle son coco sonore/dans la timbal des enfants“ : aus den schlangengleichen Hähnen zischt das süße Gebräu in die Becher der Kinder.

Das Paris der Kommune
Fotografie hatte zu Beginn des 19. Jahrhunderts vor allem auch die Aufgabe zu dokumentieren und im ersten Teil der vorliegenden Publikation „Von der Julimonarchie zur Kommune“ 1830-1871 wird dies ausführlich und man bekommt sehr gute Einblicke in das Alltagsleben der Pariser. Das zerstörte Rathaus von Paris, „Hotel de Ville“, wird in diesem Teil genauso gezeigt, wie die toten Kommunarden in Särgen, die in der Blutwoche zu Tausenden fielen. Frauen, Kinder, Bürger, Arbeiter und Nationalgardisten wollten die erste Selbstverwaltung gründen, deren Niederschlagung 20.000 Opfer forderte. Ein anderes Foto in diesem Kapitel zeigt das versammelte revolutionäre Volk vor der Säule auf der Place Vendome. Die Commune de Paris hatte am 13. April 1871 beschlossen, das Symbol roher Gewalt und falschen Ruhms niederzureißen. Arthur Rimbaud hatte diesen in seinem „Seher-Brief verarbeitet mit „un seul rond de bronze“. Im zweiten Teil, von der Dritten Republik zum Ersten Weltkrieg, werden die Arbeiten von Haussmann fortgesetzt und die Opera Garnier wird 1875 als Symbol des wiedererstarkten Bürgertums fertiggestellt. Die Weltausstellung von 1889, zum 100-jährigen Jahrestag der Revolution, hinterlässt Paris aber auch eine Konstruktion mit der es seither immer wieder assoziiert wird: den Eiffelturm, ein Symbol für die nationale Wiedererstarkung und vielleicht auch das Revolutionäre schlechthin. Denn die Schmähungen, die dieser Turm im Laufe seiner 22-monatigen Errichtung erdulden musste, beweisen auch seinen revolutionären Charakter. Von einem „Turmgerippe“ sprach etwa der sonst so moderne Verlaine, als „Rohrwerk einer im Bau befindlichen Fabrik“ wird er von Huysmans verunglimpft. Heute steht er für die Lebenskultur von Paris schlechthin und man kann ihn in dieser Publikation übrigens auch ausklappen und so seiner Entstehung quasi zusehen.

Das Paris der „quirligen Partys und gesellschaftlichen Aufruhrs“
„Von einem Krieg zum andern“ heißt das nächste Kapitel, das Fotografien aus den Jahren zwischen den Kriegen zeigt. Die Schönheit der Pariserinnen sei bestimmt dem Umstand entsprungen, dass sich in Paris so viele Spiegel und Scheiben befänden, schreibt Walter Benjamin 1935, der in diesem Kapitel einleitend zitiert wird. Die Zwanziger seien „eine enthemmte Zeit“ gewesen, schreibt der Herausgeber im Geleitwort zu diesem Abschnitt der Pariser Geschichte in Bildern: „quirlige Partys und gesellschaftlicher Aufruhr“, „ungezügelter Appetit auf Vergnügungen“ und der Kulturbetrieb insgesamt sei im Zeichen der Provokation gestanden. Die Zeit zwischen den Kriegen war auch die Zeit der Surrealisten, die sich in den Pariser Kaffees trafen und den Aufstand gegen das Establishment, das sie in einen sinnlosen Krieg gejagt hatte, probten. „Über das Kulturleben in Paris und andernorts in Europa bricht unübersehbar eine Welle von Amerikanismus herein“, schreibt Gautrand und meint damit nicht nur die Revue nègre von Josephine Baker, sondern vor allem auch die Musik und den Film. Auch wenn das Elend immer noch groß sein mag, wird in den Zwanzigern und Dreißigern in Paris vor allem eines: nämlich gefeiert.

Ein Paris für alle: die Stadt, die nicht lügt
„Von einer Republik zur andern“ heißt das dritte Kapitel persiflierend dann das vierte Kapitel dieser außergewöhnlichen Publikation über Paris. Die Alliierten patrouillieren durch die Seine-Metropole im Jeep, salutieren dem Eiffelturm oder pfeifen den Pariserinnen nach. „Nirgends kann man die Unbekümmertheit des Daseins beglückter Empfinden als in Paris“, schrieb Stefan Zweig einmal über die schönste Stadt der Welt. Kapitel #5, „Paris heute“, kann einen nur weiter in seinen bisherigen Vorurteilen über Paris bestätigen, auch wenn es mit knapp 60 Seiten das kürzeste aller Kapitel ist, zeigt es doch die schönsten Aspekte einer Stadt im Aufbruch. „Nicht die Soziologen durchschauen die Dinge, sondern die Fotografen, die Beobachter inmitten unserer Zeit sind“, so Brassai. Auch wenn die Fotografen Anfang des 19. Jahrhunderts vielleicht noch weniger logen, möchte man Brassai hinzufügen, denn heute weiß man, dass auch Bilder lügen können, während dies vor bald 200 Jahren wohl technisch noch nicht möglich war. Paris ist aber ohnehin eine Stadt, die ihr Versprechen hält, ganz so wie diese Publikation aus dem Taschen-Verlag, an der einzig das Cover lügt, da es verführt.

Paris
Jean Claude Gautrand

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2012-02-06)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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