
|
Rezensionen


| |
Ulli Lust - Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens
Buchinformation Lust , Ulli: Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens
Bei amazon bestellen
(Bücher frei Haus)
„Von nun an war ich Guidos Freundin. Mein Leben erleichterte
sich enorm. Ich wurde wieder vom Objekt zum Subjekt.“, so
fasst die Autorin Ulli Lust ihre Erfahrungen mit den Männern
in Italien oder den Männern insgesamt an einer wichtigen
Stelle ihres Buches treffend zusammen. Die Männer wollen
nämlich alle nur das eine von den beiden Wiener Punk-Mädchen
Edita und Ulli: ihnen an die Wäsche. Während erstere sich
darauf einlässt und sich damit arrangiert und auch einen Weg
darin sieht, an die „große Kohle“ zu kommen, lehnt sich
letztere gegen ihren Objektstatus auf und wählt doch immer
wieder die falschen Männer, um ihr dabei zu helfen, wieder
zum Subjekt zu werden. „Ich bin ein schwarzes Loch, das eure
Regeln nicht akzeptiert. Ihr kennt keine Frauen wie mich?
Ihr werdet sie kennen lernen!“
Die Frage, ob sie Masochistin sei, beantwortet sich Ulli
denn auch im Selbstversuch, am Ende einer weiteren
erniedrigenden Erfahrung sieht sie dann ein, dass es wohl
nicht so ist. Auf ihrer Reise durch Italien erleben die
beiden Wienerinnen die italienische Einstellung zu Frauen
aus nächster Nähe: sie sind heilig, man darf sie nicht
schlagen. Aber das gilt natürlich nur für Italienerinnen.
Ausländerinnen sind Freiwild und sie werden bei jeder
Gelegenheit begrapscht oder mit so lächerlichen Komplimenten
über die schönen Augen und das Meer bedacht. Dieses Spiel
ist wohl so alt wie die Menschheit und immer wieder fallen
Touristinnen aus dem Norden darauf herein. Ulli durchschaut
das bald, während Edi, die quasi als Nymphomanin dargestellt
wird, die Komplimente genießt und dafür auch bereit ist mit
ihrem Körper zu bezahlen. Sie will den Sex ja auch. Als es
deswegen zu Komplikationen kommt, weil ihr Mafiafreund Paolo
auch Ulli an seine Freunde „vermitteln“ will, entscheidet
sich Edi ohne zu zögern für Paolo. Aber nicht aus Feigheit
oder Verrat, sondern ganz einfach aus Dummheit. Ulli Lust
schildert schonungslos die Gier der Männer, ihren sexuellen
Appetit auch auf zwei verwahrloste Minderjährige, die immer
die gleichen Klamotten tragen und auf der Straße schlafen
und wahrscheinlich auch dementsprechend riechen. Den Männern
ist das egal, Hauptsache ein Loch, wie Ulli Lust es oben
beschrieben hat. Aber Ulli Lust zeigt auch, dass man es auch
anders machen kann, dass man sich nicht den Männern und
ihren Wünschen unterordnen muss, sondern dass es auch
möglich ist, sich Respekt zu verschaffen.
Der Comic vermittelt eine authentische Atmosphäre der
Achtziger Jahre. Die beiden Mädchen, die sich 1984 im Umfeld
der Wiener Gassergasse bewegten, hauen von zu Hause ab, weil
sie neugierig sind auf das Leben „da draußen“, dass es
dermaßen triste und grausam sein kann und Ulli sogar
vergewaltigt wird, Edi an der Nadel hängt und beide
schließlich sogar von der Polizei gesucht werden, das hätten
sich die beiden bei ihrem Aufbruch aus Wien wohl nicht
erwartet. Am Ende wird doch noch alles gut. Aber die
schrecklichen Erfahrungen lassen sich wohl nicht mehr so
einfach auslöschen. Ulli Lust hat einen realistischen Comic
geschrieben, ihn mit sicheren Strichen gezeichnet und eine
klare Botschaft vermittelt. Nach über vierjähriger Arbeit
erscheint dieses autobiographische Comic-Epos von Ulli Lust
beim Avantgarde Verlag. Die in Berlin lebende,
österreichische Zeichnerin Ulli Lust, bisher vor allem
bekannt für ihre Comic-Reportagen ("Fashionvictims,
Trendverächter", avant-verlag) und
erotisch-mythologischen Comics ("Airpussy",
L'employé du moi), legt damit die bislang umfangreichste
deutschsprachige Comic-Erzählung vor (462 Seiten), die auch
mit ein paar Zeitdokumenten ausgestattet wurde. Die
anscheinend nur zwei Monate dauernde Reise wird packend
geschildert und führt die beiden ohne Geld und Reisepass von
Wien über die Alpen nach Verona, Rom und Neapel bis nach
Sizilien. Die beiden Mädchen verlieren einander, treffen
sich in Palermo wieder, treffen auf Junkies, Straßenmaler,
Esoteriker, Nachwuchs-Mafiosi wie ausgewachsene Capos, die
trotz der in Palermo schwelenden Mafiakriege ein
beunruhigendes Interesse an den Mädchen zeigen. Der Comic
spielt vor dem Hintergrund der „Buscetta“-Geständnisse, der
erste Capo dei Capi, der mit der Polizei zusammenarbeitete
und mehrere seiner Landsleute verpfiff. Seine Aussagen
klärten 121 Mordfälle der letzten 15 Jahre auf und führten
zu 366 Haftbefehlen.
Ulli Lust
Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens
http://www.avant-verlag.de/index.php?b=avant&kat=t&ID=98
[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2010-12-23)
Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.
-> weitere Bücher von Ulli Lust ansehen
-> Möchten Sie eine eigene Rezension veröffentlichen?
[ weitere Rezensionen : Übersicht ] · Mehr über Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens
|
|
Aus unseren Buchrezensionen


Sternthal, Barbara: Wie man Venezianer wird Venedig ist zwar nur mehr eine kleine Stadt was die
Einwohnerzahl betrifft, in der Geschichte hingegen kann die
Serenissima, die „Erlauchteste“, aber wohl kaum eine andere
Stadt überbieten. Jede Stadt ist gleich, nur Venedig ist „a
bissele anders“ (Tante Jolesch) und das nicht nur wegen dem
Umstand, dass diese Stadt von Wasser umgeben ist …[...]
-> Rezension lesen
|
| Semrau, Eugen: Österreichs Spuren in Venedig „Völker der Lombardei, der Staaten von Mantua, Brescia und
Venedig; ein glückliches Los erwartete Euch; Eure Staaten
sind nun definitiv mit dem österreichischen Kaiserstaat
verbunden“, hieß es in einer Proklamation vom 12. Juni 1814.
Als Kaiser Franz im darauf folgenden Jahr die Lagunenstadt
besuchte, hatte Metternichs Geheimpolizei alles …[...]
-> Rezension lesen
|
Piglia, Ricardo: Brennender Zaster Der Verlag Klaus Wagenbach nennt Ricardo Piglia den
wichtigsten Repräsentanten der argentinischen
Gegenwartsliteratur. Der Autor selbst beginnt 1997 sein
Nachwort zu „Plata Quemada“ so: „Dieser Roman erzählt eine
wahre Geschichte. Es handelt sich um einen nicht sehr
bedeutenden und längst vergessenen Fall aus der
Polizeichronik …“ Das …[...]
-> Rezension lesen
|
| Manara, Milo: El Gaucho Eine weitere Koproduktion der beiden Comicinventors Hugo
Pratt und Milo Manara wird in dieser Manara Werkausgabe Nr.
5 vorgelegt. Pratt hatte das Storyboard zu diesem
„argentinischen Bildungsroman“ sogar in Spanisch
geschrieben, da er zwischen 1949 und 1962 in Argentinien
lebte und hatte gegenüber Dominique Petitfoux in einem
Interview, …[...]
-> Rezension lesen
|
|
|