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Slavoj Zizek - Der zweite Tod der Oper
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Zizek, Slavoj:
Der zweite Tod der Oper

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(Bücher frei Haus)

„Die Welt ist tief, / Und tiefer als der Tag gedacht. (…) Doch alle Lust will Ewigkeit -, / - will tiefe, tiefe Ewigkeit!“ ließ Friedrich Nietzsche seinen Zarathustra sagen und man möchte glauben, dass dies Motto auch über Zizeks Betrachtungen bedeutungsschwanger schwebe.
Der vor kurzem seinen 60. Geburtstag feierende slowenische Philosoph legt mit vorliegenden Betrachtungen nicht nur ein Geständnis seiner Liebe zu Wagner-Opern ab, sondern vielmehr noch eine Hymne an die Liebe und deren Verarbeitung in verschiedensten Themen und musikalischen Variationen. Als Kulturkritiker bringt er nicht nur philosophische, sondern auch psychoanalytische Aspekte in seine Arbeit ein und erweitert sein Repertoire durch zahlreiche Querverweise zur Populärkultur. Zizek beweist auch den Nicht-Opernfans, dass es sich lohnt, auf die inneren Stimmen im Kopf zu hören: „Wie du mich hasst…So wünsche ich Dich mir!“, schreit Scarpia die verzweifelte Tosca an. Aus Liebe zu Maria gibt sie sich Scarpia hin, um sein Leben zu retten, doch Scarpia tötet jenen dennoch. „Das Objekt der Begierde ist das Verlangen des Anderen“, weiß Zizek und bei dem Gedanken an die exzellente Vorführung der Tosca bei den Bregenzer Festspielen im Sommer 2008, mag noch so mancher kalte Schauer über den eignen Rücken fahren, denn die Liebe bedeute in letzter Konsequenz – laut Zizek - auch eine Todessehnsucht: „Die Sehnsucht nach dem Geliebten ist die Todessehnsucht.“, schreibt Zizek und damit befinden wir uns bereits im dritten Akt.

Giacomo Puccini, dessen 150-jähriger Todestag 2008 ausgiebig zelebriert wurde, wird von Slavoj Zizek Richard Wagner konterkarierend gegenübergestellt, aber auch Mozart und Rossini halten gerne als Vergleichsmomente her, wenn Zizek in unnachahmlicher Brillanz, die wesentlichen Handlungsstränge der Opern von Wagner zusammenfasst. Liebe ist für ihn, Zizek, ein „Akt radikaler Überschreitung, der alle gesellschaftlich-symbolischen Verbindungen suspendiert und als solcher in der ekstatischen Selbstauslöschung des Todes kulminieren muss“. Liebe und Heirat seien demzufolge völlig inkompatibel: in der Welt der gesellschaftlich-symbolischen Verpflichtungen könne wahre Liebe sich nur in Gestalt des Ehebruchs ereignen. Unsere sehr erschöpfende Auslieferung an die Geschlechtsliebe bringe dann die erlösende Selbstauslöschung zustande, in jedem Orgasmus liegt bekanntlich ein kleiner Tod, wie nicht nur Zizek schon mehrmals betont hat. Lust wiederum definiert er vor allem als das Gegenteil von Ekel: wenn man einer Person zu nahe gekommen sei, trete dem Objekt des Begehrens gegenüber der Ekel auf, nicht der Schmerz, wie gemeinhin vermutet. Die Möbiussche Schleife sei es dann auch, die Wagner in seiner stets ekstatischen Inszenierung des Liebestods verdunkle: wenn wir „die höchste Lust“ erreichen, in der etwa Isoldes tödliche Trance kulminiert, schlage Lust notwendig in Ekel um, so Zizek. Unter der Voraussetzung dieses Ergebnisses, mag es vielleicht leichter fallen, dem absoluten Anspruch der Liebe in der Alltagswelt zu entsagen. Doch, wozu dann leben?

„In der Weigerung die eigene Sehnsucht zu gefährden, geht man bis zu Ende und nimmt bereitwillig den Tod an“. In Wagners Meistersingern werde dem entsagt, schreibt Zizek, vielmehr solle man die Erlösung in einer Art schöpferischen Sublimierung überwinden und „in einer Stimmung weiser Resignation zum `täglichen´ Leben symbolischer Verpflichtungen zurückkehren“. In Parsifal laute die erfolgsversprechende Gleichung zur Erlösung dann: „Die Wunde schließt der Speer nur, der sie schlug“. In Anlehnung an Hegel reduziert Zizek dieselbe Gleichung dann auf „Verlust=Befreiung“: es gehe nicht darum das Verlorene wiederzugewinnen, sondern den Verlust selbst als befreiend zu akzeptieren und zu empfinden. In jedem Verlust liege demnach die unerwartete Möglichkeit an den Punkt der falschen Entscheidung zurückzukehren und es diesmal richtig zu machen. Der Verlust ist also mehr eine Befreiung, anstelle einer Bestrafung, eher ein Zeichen des Lebens als des Todes und nicht zuletzt ein Freiwerden des eigenen bisher auf den anderen gebündelten Potentials zur Entfaltung einer neuen Sinnlichkeit und Kreativität. „Wenn der Kreis wieder geschlossen ist, wenn wir zum harmonischen Gleichgewicht zurückkehren, kommt das dann nicht der Rückkehr zum sicheren, schützenden Hafen des Weiblichen gleich?“ Dank also auch, an Isolde!

Ein atemberaubendes Buch, das nicht nur Opernfreunde an neue Horizonte und Ufer führen wird, sondern auch all die verirrten, suchenden vor Sehnsucht verzehrten Seelen wieder sicher in einen Hafen (ihrer) Wahl zurückführen wird. Zizeks Begeisterung für die Oper liest sich wie ein Rausch, so, als ob man selbst dabei wäre und mit Tristan blute. Wer noch nie eine Oper gesehen hat, wird nach dem Lesen dieser Reflexionen Zizeks bald sogar auf einen Wagner Lust bekommen. Aber Vorsicht: eine Überdosierung könnte nicht nur ihre Gesundheit, sondern auch ihren bisherigen Lebensstil und Alltag gefährden. Slavoj Zizek unterrichtet an der European Graduate School in seiner Heimatstadt Ljubljana und an zahlreichen anderen Universitäten des Auslands. Zuletzt wurde er International Director des Birkbeck Institute fort he Humanities an der University of London. Seine Filmreihe „The Perverts Guide to Cinema“ ist bereits Kult, aber mehr noch sein philosophisches Werk.

2008
Kulturverlag Kadmos
www.kv-kadmos.com
ISBN 978-3-86599-050-01
€ 10.-

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2009-04-18)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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