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Pierre Le Fou (Nathan)



Letzter Forenbeitrag: 06.03.2005
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Pierre Le Fou


Als ob ich jemals so etwas, wie ein Leben gehabt hätte.
Nun, warum nicht so tun, als ob - , man tut ja ständig nur so, als ob man etwas tun würde und stellt sich dann vor die vermeintliche Tat und bewundert, was man da getan hat, als ob man etwas getan hätte, als ob man selbst irgendetwas tun könnte.
Also werde ich einmal so tun, als hätte ich ein Leben hinter mir, und nicht nur irgendeines, sondern ein ach-so-tiefes Leben, ein ach-so-gedankenvolles, kontemplatives Leben, in dem ich über das Leben kontempliert und über meine Kontemplation kontempliert und also über nichts kontempliert habe, weil ich eben nie gelebt, sondern ständig nur nachgedacht habe.
Mein Leben hat keine Substanz, es sei denn es wäre erlaubt, zu sagen, Nachdenken sei substanziell, aber Nachdenken ist leider gar nichts wert, in dieser Welt, und auch für mich ist es nichts wert, nicht für mein Leben, nicht für mich als Selbst, schon gar nicht für mich als Nachdenkenden, der sich gedanklich für seine Gedanken tief, und also gedankenvoll verachtet. Lieber hundertmal zu wenig nachgedacht, als einmal eine Tat versäumt. Ich habe zu viel versäumt durch das Nachdenken, ich habe mein Leben versäumt, durch das Nachdenken. Und irgendwann, als es nichts mehr gab, worüber ich hätte nachdenken können, weil sozusagen alles schon durchdacht und dadurch langweilig und nur müßig war, da dachte ich nur noch darüber nach, wie ich es loswerden könnte, das Nachdenken, und wurde es also nicht los, weil ich nie dahinterkam.


Die Literatur? - Bis auf die Tatsache, dass sie eine Krankheit ist, und eine Sucht, und ein Laster, ist die Literatur etwas recht Angenehmes. Ich interessiere mich sehr für die Literatur, d.h. eigentlich ist das untertrieben, eigentlich bin ich ich die Literatur (la literature, c'est moi), durch und durch, nur Wort und Satz und Buchstabe, und also nicht etwa Mensch, sondern nur ein beschriebenes Blatt, das sich laufend selbst beschreibt, und das Geschriebene wieder durchstreicht, ohne dass es dieses Durchgestrichene vergessen könnte, und also ständig belastet durch das Durchgestrichene, das sich nie ganz entfernen lässt, und also ein völlig unbrauchbares Blatt, weil alles durchgestrichen und nichts lesbar ist, was sich darauf befindet, bis es wieder beginnt, Neues auf sich zu schreiben. Dann bin ich wieder stolz, ein beschriebenes Blatt zu sein und finde mich schön und lese mich immer und immer wieder, bis ich mich in- und auswendig kann und von mir genug habe. Dann streiche ich wieder alles durch und ärgere mich darüber, ein beschriebenes Blatt gewesen zu sein, und ärgere mich darüber, nun ein durchgestrichenes Blatt sein zu müssen, und ärgere mich darüber, dass ich nur mir das Schreiben erlaubt habe, mir, der eigentlich nichts zu sagen oder zu schreiben hat, und dass ich nicht etwa der Welt den Vorzug gelassen habe, oder den anderen Menschen, die ja alle wenigstens so tun können, als ob sie etwas zu sagen hätten. Dann zerknittere ich mich in innerer Verzweiflung und würde mich am liebsten in den Ofen werfen, ein für alle mal in den Ofen werfen, weil ich es satt habe, ein beschriebenes, durchgestrichenes Blatt zu sein, weil ich viel lieber ein leeres, weißes Blatt wäre, das noch alle Möglichkeiten hat, sich zu beschreiben und also alle Möglichkeiten, etwas aus sich zu machen.
Aber es muss weitergehen, il faut continuer, die Tragödie muss ihren tragischen Lauf nehmen, der Schreiberling muss die Geschichte weiter schreiben, das Blatt muss das Schreiben weiter über sich ergehen lassen, das Leben, jenes sogenannte, das sich selbst erdenkt, beschreibt, erschafft, muss bei seiner Schöpfung bleiben und darf sich nicht verleugnen. Eine neue Szene, sogar ein neuer Akt kann beginnen, das ist wahr, aber keine neue Geschichte. Das ist das Tragische an dieser Tragödie, dass man geboren wurde, ohne gefragt zu werden, dass man beschrieben wurde, ohne angehört zu werden, dass man belehrt, erzogen, gelenkt wurde, ohne dass man sich zuvor über uns belehren ließ, und dass man plötzlich, die Feder selber in der Hand, das strenge Ruder zwischen beiden Fäusten, auf sich alleine gestellt, sein Leben in den Griff kriegen muss, das andere einem schon im Vorhinein versaut haben.


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