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Hans Magnus Enzensberger - Hammerstein oder Der Eigensinn
Buchinformation
Enzensberger, Hans Magnus  - Hammerstein oder Der Eigensinn bestellen
Enzensberger, Hans Magnus :
Hammerstein oder Der
Eigensinn

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(Bücher frei Haus)

Die Deutschen würden aus ihren Fehlern nur lernen, wenn sie die Suppe, die sie sich eingebrockt haben, bis zum bitteren Ende auslöffeln müssten, ein Attentat auf Hitler wäre dem nicht dienlich. Davon war General Kurt von Hammerstein (1878-1943) überzeugt. Ein Mann, der die Fähigkeit besaß, sich höchst unbeeinflusst sein eigenes Urteil zu bilden und stets nach seinen Prinzipien handelte. Und das war in jener rasanten Zeit, von Anbeginn des Ersten Weltkrieges über die Weimarer Republik bis zum Nationalsozialismus, auch dringend erforderlich. Eins geht aus dem vom Autor zusammengetragenen Material klar hervor, Kurt von Hammerstein war kein Nazi. Er erkannte von Anfang an die Gefahr, die von den Nationalsozialisten ausging, und bekannte sich auch offen gegen das Regime.

Um den General, der im Mittelpunkt dieser Familienbiographie steht, erweitert sich der Personenkreis permanent und weckt zunehmend das Interesse. Seine Töchter Marie Luise und Helga ließen sich während der Weimarer Republik für die Kommunismus begeistern und arbeiteten, insbesondere Helga von Hammerstein, sogar dem Spionageapparat der KPD zu. Sohn Ludwig dagegen spielte eine Rolle im Widerstand, der in den 20. Juli 1944 gipfelte. Dies schafft inhaltliche Verbindungsstränge bis zur kommunistischen Untergrund- und zur Widerstandsbewegung des Militärs. Dabei nimmt sich Hans Magnus Enzensberger Zeit, und das zeichnet das Buch aus, ganz bewusst von der Familienbiographie im engeren Sinne abzuschweifen und näher auf damals relevante Vorgänge und Persönlichkeiten einzugehen.

Leider wird man trotz der vielfältigen und interessanten Dokumenten- und Faktensammlung den Eindruck nicht los, dass Enzensberger simpelste Zusammenhänge nicht sorgfältig genug, sogar unkorrekt darzustellen scheint. Die Betonung, dass seine Arbeit keinen wissenschaftlichen Anspruch erhebt, kann dies nicht entschuldigen. Ein Beispiel: Leo Roth, Agent der KPD und Helga von Hammersteins Freund, hielt schriftlich fest, Zitat: „Am 6. Juni bekam ich einen Brief [von Helga]: Die Prospekte für die Reise habe ich nun doch bekommen! Ich glaube, dass ich deine Gründe verstehe und werde sie vorläufig also liegen lassen. (Dies bezieht sich auf meinen ablehnenden Brief aufgrund der Aussprache hier.) Aber schreibe mir doch bitte umgehend ob Du es wirklich für richtig hältst. Ich weiß nämlich nicht ob ich das verantworten kann.“ (S. 198)
Wie wäre das zu verstehen? Bei den Prospekten handelte es sich um Spionageunterlagen. Roth, der in Russland festsaß, hatte Helga darum gebeten, diese vorerst zurückzuhalten. Helga bat ihn darauf, ihr noch einmal ausdrücklich zu bestätigen, ob dies wirklich richtig sei. Sie hatte, wenn man dem Zitat folgt, aufgrund der Wichtigkeit der Informationen für die Russen ganz offensichtlich Zweifel daran.
Enzensberger schlussfolgert aber ganz anders, Zitat: „Sie hatte jedoch offenbar Skrupel, ob es richtig wäre, sie weiterzugeben.“ (S. 198)

Auch Belehrungen, die Enzensberger den „Nachgeborenen“ (wie er es nennt) auftischt, haben einen unangenehmen Beigeschmack. Mahnungen vor Besserwisserei erscheinen dabei selbst wie Besserwisserei. Man fragt sich während der Lektüre tatsächlich, was der Autor von seinen Lesern hält? Ob es nun den Umgang mit Nazis betrifft, die sich später distanzierten und in den Widerstand gingen. Oder ob es die „Goldenen Zwanziger Jahre“ sind, die Enzensberger als Hirngespinst entlarven möchte: „Daß die Lüge von den ‚Goldenen Zwanziger Jahren’ von den Nachgeborenen jemals geglaubt werden konnte, ist rätselhaft und weder durch Ignoranz zu entschuldigen, noch durch Mangel an historischer Vorstellungskraft zu erklären. Dieser fragile Mythos nährt sich viel eher aus einer Mischung von Neid, Bewunderung und Kitsch [...] Ein wenig Dekadenz, eine Prise Risiko und eine starke Dosis Avantgarde lassen den Bewohner des Wohlfahrtsstaates angenehme Schauer über den Rücken rieseln.“ (S. 34-35)
Selbstverständlich sind die „Goldenen Zwanziger Jahre“ nicht mit den Wirtschaftswunderjahren der BRD zu vergleichen und dürfen auch nicht übermäßig glorifiziert werden. Dennoch entwickelte sich eine vielfältige kulturelle Szene, in einem Zeitraum und Ausmaß, wie es niemals zuvor derart stattgefunden hatte. Bis heute profitieren wir von den Früchten. Es bestanden trotz kurzweiliger Stabilisierung der Weimarer Republik und der Wirtschaft weiterhin Arbeitslosigkeit, große Armut und starke politische Differenzen, wer will das bitteschön bestreiten. Deswegen kann das eine durch das andere nicht einfach weggewischt und den „Nachgeborenen“ diese Periode als Mythos verkauft werden.
Weiterhin hätte der Autor sich Verallgemeinerungen schenken können, die vielleicht für einen oder wenige Einzelfälle zutreffen mögen, mehr aber auch nicht: „Mitten im Krieg hatten sich die Briten die Grundsätze eines deutschen Genaralstäblers zu eigen gemacht“ (S. 78), schreibt Enzensberger aufgrund eines britischen Offiziers, der an seiner Wand ein Zitat von Generaloberst von Hammerstein zu stehen hatte.

Es gibt also einige Schwachpunkte, um die man nicht herum kommt und die auch nicht unbenannt bleiben dürfen, denn sie können den historisch interessierten und mündigen Leser nerven. Dennoch bleibt festzuhalten, „Hammerstein oder Der Eigensinn“ ist eine sehr interessante, spannende und somit auch lesenswerte Faktensammlung, die mit der Familie des Generals einen Ausgangspunkt nimmt, um vielseitig über die historische Situation zu informieren. Der Inhalt regt zudem an, einzelne Themen durch weitere Lektüre zu vertiefen. Es lohnt sich also doch. Man muss ja nicht alles so hinnehmen, wie Enzensberger es schreibt.

[*] Diese Rezension schrieb: Alexander Czajka (2008-05-05)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.


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