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John Glassco - Die verrückten Jahre.
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Glassco, John:
Die verrückten Jahre.

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(Bücher frei Haus)

„Die Literatur ist nicht so wichtig wie das Leben, und ich habe meine Entscheidung getroffen“, schreibt John Glassco süffisant in seiner Autobiographie, die er mit Hilfe eines dramaturgischen Kniffs ein bisschen auffrisiert hat. Aus diesem Grund möchte man den geneigten Leser auch darum bitten, das Vorwort zu dieser Ausgabe erst nach der Lektüre des Haupttextes zu lesen, denn so erhöht sich der ohnehin hohe literarische Genuss nochmals ungemein. Was man allerdings schon vor dem Haupttext konsultieren sollte, ist das reiche Glossar am Ende des Buches. Hier befindet sich nämlich ein „who is who“ der Zwanziger, alles war Rang und Namen hatte im Paris jener Epoche ist hier aufgeführt und mit den jeweiligen Pseudonymen versehen, die dann auch in der Autobiographie eine große Rolle spielen. Mit dabei sind in jedem Fall Man Ray, Kiki, Hemingway, Guggenheim et al. Aber das ist eigentlich gar nicht so wichtig, denn die Geschichte Glasscos käme auch ganz ohne Celebrities aus.
Die eigentliche Handlung dreht sich um den 18-jährigen Protagonisten und Ich-Erzähler, der Schriftsteller werden will und aus diesem Grund von Montreal, seiner kanadischen Geburtsstadt nach Paris auswandert. Anfangs bekommt er noch etwas Studiengeld von seinem Vater nachgeschickt, was zwar nicht viel ist, aber in dem damals für Amerikaner sehr günstigen Paris doch für das Nötigste reicht. Der junge Held wendet sich während seines Paris Aufenthaltes immer mehr von seinen surrealistischen Vorbildern und derselben Lyrik ab und will endlich einen Roman schreiben, doch wie das eingangs erwähnte Zitat schon auf den ersten Seiten ankündigt, will daraus nicht so wirklich etwas werden. Mit seinem Freund Graeme und Bob ziehen sie sogar ein halbes Jahr an die Cote d`Azur, „um besser arbeiten zu können“, aber auch dort spielen die Hormone verrückt und es dreht sich bald alles nur mehr um Frauen und Geld. „Wein, Weib und Schnupftabak“ soll Keats einmal gesagt haben, „ist meine Trinität“ und diese Maxime hat sich auch der junge Simplicissmus zurechtgelegt, wenn sein Vater ihn zwischendurch mal wieder an seine Pflichten erinnert. Die Schecks werden schließlich immer geringer und bald muss sich der Protagonist nach neuen finanziellen Quellen umsehen, was ihn bald auch in die Arme der männlichen Prostitution treibt.
Aber der Roman ist vor allem reich an Ideen und literarischen Ergüssen, die einem die Lektüre wirklich zu einem Vergnügen werden lassen, nach dem man schon nach den ersten Seiten süchtig wird. Etwa wenn der junge Mann die Liebe seiner Angebeteten mit den Worten „In diesem Moment könnten wir uns Erinnerungen schaffen, die ewig halten“ zu entfachen versucht. Sein Plädoyer für eine sündige Jugend hört sich übrigens auch nicht schlecht an: „Das macht die Leute so tyrannisch, verbittert, dumm, gierig und unduldsam, wenn sie später erkennen müssen, dass sie ihre Zeit mit den Streben nach Bildung, Sicherheit, Ansehen oder beruflichem Erfolg unwiderruflich vergeudet haben.“ Letzteres kann sich Glasscos alter Ego sicherlich nicht vorwerfen.
„Irgendwann wird es dazu kommen. Es kann nicht ewig so weitergehen, dafür ist es viel zu schön.“ Die Einsicht ist da, nur kommt sie zu spät. Denn bald muss auch der Protagonist einsehen, dass man für alles einen hohen Preis zahlen muss. Für die Promiskuität die Syphilis zum Beispiel, oder wenn man Glück hat doch nur den Tripper. Der Held erkrankt aber an einer viel schlimmeren Krankheit und dadurch wird alles Geschriebene nur noch viel bedeutungsvoller, gleichzeitig aber auch amüsanter. Seine große Liebe zur hohen Dame bezahlt Glasscos Abenteurer jedenfalls teuer und am Ende steht denn auch ein Appell an die jungen Männer der nachfolgenden Generationen: „Diese lieblichen Geschöpfe sind noch genauso gefährlich, wie sie in den Augen mittelalterlicher Kleriker waren. Mit ihrem Lächeln locken sie einen ins Verderben, nach einem halben Jahr des Genusses ihrer Lenden ist man entkräftet. Trinkt exzessiv, macht die Nächte durch, esst tagelang nichts, schreibt Gedichte, raucht, nehmt Drogen, gebt euch allen Spielarten jugendlicher Verzweiflung hin, aber verschwendet eure Kräfte nicht in den Armen einer Frau.“
John Glassco ist ein Meister der Ironie und Selbstpersiflage, aber auch ein guter Kenner seiner Zeit und ihres Geistes. Ein köstliches und amüsantes Sittenporträt des Paris der Zwanziger Jahre, wie es kein anderer Expatriot außer ihm treffender und witziger machen hätte können.

John Glassco Die verrückten Jahre. Abenteuer eines jungen Mannes in Paris. Hanser Verlag 2010

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2010-11-17)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.


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