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Georges Rodenbach - Das tote Brügge
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Rodenbach, Georges:
Das tote Brügge

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(Bücher frei Haus)

Nicht uninteressant, wie manche Stoffe durch die Weltgeschichte irrlichtern. Alfred Hitchcocks Film „Vertigo“ von 1954 erzählt von einem Mann, der sich in eine Frau verliebt, die die Doppelgängerin einer vor seinen Augen Gestorbenen zu sein scheint. In Wahrheit ist es einfach dieselbe Frau. Sie hatte eine andere Frau imitiert und diese andere Frau ist von ihrem Ehemann ermordet worden. Hitchcocks Film war eine freie Adaption von „D’entre les morts“, eines im Paris der Besatzungszeit angesiedelten Kriminalromans von Pierre Boileau und Thomas Narcejac. Während bei Hitchcock das Double am Ende doch noch zu Tode kommt, als sie, oben auf einem Turm stehend, vor einer Gestalt zurückschreckt, ist es im Roman der beiden Franzosen der getäuschte Mann, der sie in rasender Wut erschlägt.

Was das mit Brügge zu tun hat, werden wir gleich sehen. Es gibt bisweilen Menschen, die das Image einer Stadt in einsamer Geschmacksautorität für kommende Zeiten festzulegen scheinen. Georges Rodenbach spielte für Brügge diese Rolle. Der Jurist Rodenbach lebte in Paris, dort war der Belgier ein sehr produktiver Journalist geworden. Von der melancholischen Schönheit der flandrischen Stadt Brügge schwärmte er immer wieder einmal in seinen Texten. Lange schon war diese mittelalterliche Kaufmannsmetropole aus der Zeit gefallen. Sie, die nie unmittelbar an der See gelegen hatte, besaß für den Hafen eine Wasserverbindung, die aber schon lange versandet war.

Im Sommer 1906 reiste Rainer Maria Rilke nach Brügge. Unter dem Eindruck der einmaligen Stimmung entstanden Strophen über Vergangenes, Verlorenes, Abende, stilles Schreiten durch menschenleere Gassen, die „Neuen Gedichte“. Aber wäre er hingereist, wenn nicht in den achtziger und neunziger Jahren der Symbolist Rodenbach diese Kulisse als weihevollen Ort herbstlicher Todesverfallenheit literarisch etabliert hätte?

Die symbolistische Strömung am Ende des 19. Jahrhunderts liebte morbide Ehepaar-Geschichten. Man denke an „Pelléas et Mélisande“ vom Nobelpreisträgers Maurice Maeterlinck, ebenfalls Belgier. Georges Rodenbach, ließ sich einen düsteren kleinen Roman einfallen, bei dem es weniger um die Glaubwürdigkeit des Melodrams geht, als eher um die Beschwörung der Stimmung an einem singulären Ort.

Ein reicher Franzose hat sich nach dem Tod der über alles geliebten Gattin ins stille Brügge geflüchtet, um dort ganz seinem Verlassenheitsschmerz zu leben. Da erblickt er eine fremde Frau, eine englische Schauspielerin, wie sich noch zeigen wird, die seiner Toten auffällig ähnlich sieht. Selbst ihre Stimme klingt, als sei die schmerzlich Entbehrte zurückgekehrt. Hugues Viane, dieser Trauernde, beginnt ein Verhältnis mit Jane Scott. Er verwöhnt sie mit Geschenken, bittet sie darum, sich wie die Verstorbene zu kleiden. Jane dankt ihm seine Verehrung schlecht. Sie führt ihr lästerliches Leben weiter - mit allerhand Herrenbesuchen.

Zitat:

Mit der Zeit schöpfte er Verdacht; er beobachtete sie, streifte abends um ihr Haus als Nachtgespenst in diesem schlafenden Brügge. Er kannte nun das heimliche Belauern, das Stehenbleiben außer Atem, die kurzen Klingelzeichen, deren leises Schnarren in stillen Fluren erstirbt, das Wachen im Freien bis spät in die Nacht vor einem hellerleuchteten Fenster, hinter dessen Vorhängen wie in einem Schattenspiel eine Silhouette vorüberhuscht, von der man jeden Augenblick glaubt, dass sie sich verdoppelt.

Nun quittiert die streng katholische Hauswirtschafterin Vianes den Dienst, so eine Person will sie nicht an der Stelle der toten Herrin erleben. Hugues versucht, Jane ins Gebet zu nahmen, er erntet spöttisches Gelächter. In einen Anfall von Raserei schlägt er sie tot.

Nicht genug, dass diese Geschichte Parallelen zu Boileaus / Narcejacs Krimi (und folglich zu einem Hitchcock-Film) aufweist, auch den österreichischen Komponisten Erich Wolfgang Korngold (dessen Filmmusik ihm nachmals eine glänzende Hollywoodkarriere einbringen sollte) regte sie zur Brügge-Oper an: „Die tote Stadt“ aus dem Jahr 1920, ein europaweiter Großerfolg. Eine melodiöse Arie daraus ist fast jedem, auch dem Nicht-E-Musik-Hörer, im Ohr, „Mariettas Lied“. Es wird alle paar Jahre wieder für einen Werbespot oder Kinosoundtrack zitiert.

Georges Rodenbachs „Das tote Brügge“ ist kein ex-beliebiges, vergilbtes Stück Fin-de-siècle-Romantizismus. Zu seiner Zeit ein mit überaus vielen Schwarz-Weiß-Aufnahmen kostspielig vertriebenes Sammlerstück, ist es trotz seines hohen Preises damals ein großer Verkaufserfolg gewesen. Mehr als die Hälfte der Fotos sind in der Taschenbuchausgabe enthalten. Allerdings sind darauf weder Hugues noch Jane zu erblicken und auch sonst keine Menschenseele. Wir haben es mit steriler Museumstücke-Inventarisierung in fotografischen Belegstücken zu tun. Selten sollte mit so viel Kälte so viel Erschütterung ausgedrückt werden.

Auch Rodenbachs Sprache hat dem Wandel der Zeiten schlecht getrotzt. Zwar ist das sehr zielgerichtet und effektvoll komponiert, im Detail dann aber ständig arg aufgebauscht und überzuckert. Das Buch erinnert einen an diese Schlösserführer, die selbst ja zum tausendsten Mal etwas auswendig Gelerntes abspulen, es mit einer Zuhörerschaft zu tun haben, deren Rastlosigkeit und Langeweile unverkennbar sind, dennoch darauf bestehen, jeder sei gerade von der alten Mär vom Erlöschen des Geschlechts zu Tränen gerührt.

Man kann so ein Buch nicht mehr ungebrochen ernst nehmen. Sein Mache-Charakter lässt sich nicht mehr ignorieren. Zauberhaft angefertigte, aber dabei doch schlechte Literatur. Man wird es als Fundstück, als Kuriosität, als schillernde Grille betrachten: die Erschaffung des Popmythos von der traurigen Staat Brügge (mit dem Gespenst einer toten Frau darin, die ihren Mann nicht loslässt).

[*] Diese Rezension schrieb: Klaus Mattes (2015-11-08)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.


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