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Literaturforum: Johannes Robert Becher


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Forum > Literaturgeschichte & -theorie > Johannes Robert Becher
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 Thema: Johannes Robert Becher
Kenon
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Eröffnungsbeitrag Abgeschickt am: 26.02.2005 um 17:39 Uhr

Johannes Robert Becher, geboren am 22. Mai 1891 in München, studiert von 1911 bis 1918 Philologie, Philosophie und Medizin in München, Berlin und Jena. 1911 macht er seine ersten literarischen Veröffentlichungen, von 1913 bis 1915 arbeitet er an der expressionistischen Zeitschrift "Verfall und Triumph" mit. Er bricht sein Studium ab und ist als freier Schriftsteller überwiegend in Berlin tätig. Von der Teilnahme am Ersten Weltkrieg bleibt er aufgrund einer Schussverletzung von 1910, die er sich bei einem Selbstmordversuch zugefügt hat, verschont. Als Morphiumabhängiger hält er sich zwischen 1914 und 1918 immer wieder in psychiatrischen Kliniken auf. 1917 tritt er in die USPD ein, 1919 in die KPD und bricht gleichzeitig für immer mit seinem Elternhaus. Von 1920-22 ruht seine KPD-Mitgliedschaft, da plötzlich die Religion für ihn in den Vordergrund tritt, 1923 ist er jedoch wieder in der KPD tätig. 1925 wird sein Buch "Levisite oder Der einzig gerechte Krieg" veröffentlicht, weswegen er in der Zeit von 1925-28 des "literarischen Hochverrats" angeklagt ist. Das Verfahren wird nach nationalen als auch internationalen Protesten eingestellt. 1932 tätigt Becher mehrere Besuche in der Sowjetunion und ist Reichtstagskandidat der KPD. 1933 emigriert er zuerst nach Prag, dann Paris und schließlich Moskau. 1935 werden ihm dort trotzkistische Neigungen unterstellt, 1936 wird er als politisch nicht zuverlässig eingestuft und darf die UdSSR nicht mehr verlassen. Er wird 1941 nach Taschkent evakuiert, unternimmt dort mehrere Suizidversuche und veröffentlicht "Die Winterschlacht". 1945 kehrt er nach Deutschland zurück und ist ab 1946 Mitglied des Parteivorstandes und Zentralkomitees der SED. Becher ist der Textautor der DDR-Nationalhymne (1949) und von 1954-58 erster Minister für Kultur. 1956 tritt er für politische Reformen ein und verliert ein Jahr später jeglichen politischen Einfluss. Becher stirbt am 11.Oktober 1958.

Werke
Verfall und Triumph, 1914
Verbrüderung, 1916
An Europa, 1916
Die heilige Schar, 1918
Gedichte um Lotte, 1919
Gedichte für ein Volk, 1919
An Alle!, 1919
Ewig in Aufruhr, 1920
Um Gott, 1921
Arbeiter Bauern Soldaten / der Aufbruch eines Volkes zu Gott, 1921
Drei Hymnen, 1923
Am Grabe Lenins, 1924
Vorwärts, du Rote Front, 1924
Levisite oder der einzig gerechte Krieg, 1925
Maschinenrythmen, 1926
Die hungrige Stadt 1927/28
Der große Plan. Epos des sozialistischen Aufbaus, 1931
Deutscher Toitentanz 1933, 1933
Deutschland, ein Lied vom Köpferollen und von den Nützlichen Gliedern, 1934
Gewißheit des Siegs und Sicht auf große Tage. Gesammelte Sonette 1935/1938, 1939
Wiedergeburt, 1940
Abschied, 1940
Deutschland ruft, 1942
Schlacht um Moskau, 1942
Dank an Stalingrad, 1943
Heimkehr, 1947
Neue deutsche Volkslieder, 1950
Auf andere Art so große Hoffnung (Tagebuch), 1950
Schöne deutsche Heimat, 1952
Poetische Konfession (I), 1953
Macht der Poesie, 1955
Schritt der Jahrhundertmitte, 1958

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1. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 27.02.2005 um 02:06 Uhr

Skurril fand ich auch, daß er, glaube es war in der Morphiumzeit zwischen 1914 und 1918, mit seiner Freundin einen gemeinschaftlichen Selbstmordversuch durchführte. Seine Freundin starb und er überlebte. Danach kam er übrigens in die Klapse (Dann wars vielleicht doch 1914). Da dacht ich so, es war damals nicht anders als heute. Die verrücktesten sitzen irgendwann in der Politik.

Na ja. Und man darf nicht vergessen, daß er zwischen 1933 und 1935 nicht dumm in Moskau rum saß, sondern sich sehr stark antifaschistisch engagierte.



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Kenon
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2. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 27.02.2005 um 02:56 Uhr

Der Doppelselbstmordversuch, der nur für Bechers damalige Freundin tödlich ausging, datiert auf den April 1910. Ein nächster Versuch folgte 1918 - auf den Selbstmord seines jüngeren, an epileptischen Anfällen leidenden Bruders. Dieses Mal setzte er auf das Aufschneiden der Pulsadern und Überdosen, nicht mehr die Pistole.

Ich lese gerade Bechers mehr oder weniger autobiographischen Roman "Abschied", der mich dazu veranlasste, ein wenig nach seiner Biographie zu schauen und einen Bruchteil davon hier zusammenzutragen. Vielleicht kaufe ich mir auch noch die Biographie aus seinem Aufbau-Verlag, da er doch ein höchst interessantes Leben geführt zu haben scheint. Sie soll aber den Roman "Abschied" als zu autobiographisch auffassen.

Politisch lag Becher wie viele seiner Zeitgenossen, so ja auch Pablo Neruda, oft ein wenig neben der Spur, wenn man allein nur an die Stalinoden der beiden denkt. Natürlich lag er aber auch oft richtig, so mit seinem Kampf gegen den Faschismus oder der von ihm 1952 durchaus nicht vollkommen selbstlos angeführten Demonstration zur Streichung des §175.

Wer sie virtuell besuchen mag:
Die Grabstätte von Johannes R. Becher

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3. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 27.02.2005 um 23:08 Uhr

Denke, im Kommunismus hat Becher endlich einen Lebenssinn gefunden, der seine Persönlichkeit festigte. Vielleicht war er deswegen so neben der Spur, obwohl ich ehrlich gesagt nich ganz verstehe, was Du meinst damit. Er galt ja noch nicht mal als orthodox. Zumindest noch nicht auf dem I. Allunionskongreß in Moskau 1934, wo er zwischen den ideologisch orthodoxen deutschen Schriftstellern und den ideologisch unzuverlässigen vermittelte.

Interessant ist auch die beziehung zwischen Brecht und Becher. Die konnten sich ja auch nicht riechen *g*

Wo steht das Grab?
Und was beinhaltete der §175?


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4. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 28.02.2005 um 00:58 Uhr

Zitat:

Denke, im Kommunismus hat Becher endlich einen Lebenssinn gefunden, der seine Persönlichkeit festigte.

Ich finde Ideologien genauso zweifelhaft wie Religionen. Ihre Angehörigen handeln zu oft wider besseren Wissens, um ihrem Glauben gerecht werden zu können. Da fängt viel Unheil an.

Allerdings darf man einen Menschen wie Becher auch nicht aus seiner Zeit reissen, um ihn zu beurteilen. Damals war man eben, überspitzt gesagt, entweder Nazi oder Kommunist. Der Nachwelt erschwert das natürlich den Zugang zu diesen Schriftstellern, obwohl sie uns auch heute noch, wenn man die ideologischen Färbungen aus ihren Werken subtrahiert, viel zu sagen haben.

Zitat:

Interessant ist auch die beziehung zwischen Brecht und Becher. Die konnten sich ja auch nicht riechen

Mit Brecht habe ich mich noch gar nicht befasst, weil er mir irgendwie unsympathisch ist. Dieses Vorurteil lässt sich vielleicht beizeiten revidieren. Generell glaube ich, dass es selten (länger dauernde) Freundschaften zwischen Künstlern, die auf dem selben Gebiet tätig sind, geben kann. Zu oft ständen sie der totalen Hingabe zur eigenen Sache im Wege - und Kunst kennt eben keine Kompromisse.

Zitat:

Wo steht das Grab?

Das Grab steht in der Chausseestraße 126 in 10115 Berlin auf dem Friedhof der Dorotheenstädtischen und Friedrich-Werderschen Gemeinde.

Zitat:

Und was beinhaltete der §175?
§175 - widernatürliche Unzucht

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5. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 28.02.2005 um 14:40 Uhr

Diese Nachricht wurde von LX.C um 14:42:15 am 28.02.2005 editiert

Dorotheenstädtischen, ach so jaaa. Da müssen viele Künstler und Berühmtheiten liegen. Habe ein altes Buch mit dem Titel: Dorotheenstädtische Monologe Gedichte, von Jens Gerlach (Aufbau-Verlag), lauter Gedichte von Menschen die dort ihre letzte Ruhe gefunden haben.

"...überspitzt gesagt, entweder Nazi oder Kommunist"

Nun ja, so kann man das aber auch nicht sagen. Klaus Mann, der ja auch großartiges damals geleistet hat, war z.B. weder Kommunist noch Nazi. Aber ich verstehe schon wie Du das meinst.
Besonders für die östlichen Exilländer, insbesondere Rußland war das wohl zutreffend.

"Ich finde Ideologien genauso zweifelhaft wie Religionen"

Mit meiner Aussage wollte ich persönlich keine Wertung abgeben.
Es war nur eine Feststellung, daß der labile Becher durch die Verfolgung dieser Ideologie wohl zu Stabilität gefunden hat. So zweifelhaft ein gewisser Fanatismus sein mag, ihm persönlich scheint es geholfen zu haben.
Wir sehen ja auch an Klaus Mann, während des Widerstandes war er relativ stabil
durch diese für ihn wichtige Aufgabe. Als alles vorbei war, fiel er sozusagen wieder in ein Loch, was letztlich (natürlich neben vielen anderen Faktoren) zum endgültigen Selbstmord führte.



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6. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 28.02.2005 um 17:15 Uhr

Zitat:

Wir sehen ja auch an Klaus Mann, während des Widerstandes war er relativ stabil durch diese für ihn wichtige Aufgabe. Als alles vorbei war, fiel er sozusagen wieder in ein Loch, was letztlich (natürlich neben vielen anderen Faktoren) zum endgültigen Selbstmord führte.

Ja, der Mensch braucht seine Aufgaben - um in ihnen aufgehen und sich selbst vergessen zu können.

Traurig ist übrigens, dass von Becher nur noch die Biographie und "Abschied" im Druck zu sein scheinen, aber mit etwas Glück wird man ja in Antiquariaten usw. fündig.

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7. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 03.03.2005 um 10:19 Uhr

Zusätzliche Anmerkung

1956, kurz vor seinem Tod, schrieb Becher:

"Der Grundirrtum meines Lebens bestand in der Annahme, daß der Sozialismus die menschlichen Tragödien beende (...) In diesem Grundirrtum zeigt sich einerseits eine gleichsam kleinbürgerliche, spießerhafte, idyllische Auffassung des Sozialismus und andererseits das nur allzu beflissene Bestreben, das sozialistische Experiment, wie es sich in seiner aktuellen Wirklichkeit darbietet, mit einer Apologetik zu umgeben. Das Gegenteil aber, wie sich gezeigt hat, ist der Fall (...) Der Sozialismus hat erst die menschliche Tragik in Freiheit gesetzt."

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8. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 21.06.2005 um 11:44 Uhr

Zitat:

Er war siebzehn, als ich ihn kennenlernte.
Kurz zuvor war er, infolge der strengen Zucht seines Vaters, von zu Hause durchgebrannt und wohnte in München in einem Zimmer, in dem nur ein Stuhl, ein Tisch und darauf eine gepumpte Schreibmaschine standen.
Auf was er schlief, blieb ungeklärt.
Sooft ich ihn damals besuchte, hämmerte er, glühenden Gesichts, ein Gedicht in die alte Schreibmaschine. Viele Wochen lang immer dasselbe Gedicht, bis er endlich mit der Fassung zufrieden war. Er war von Jugend an ein gewissenhafter Schwerarbeiter.

Leonhard Frank über JRB

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9. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 03.11.2005 um 13:54 Uhr

Ich lese gerade Bechers Gedichtsammlung "An Europa" von 1916. Zu dieser Zeit ist der Dichter jung, wagt etwas sehr eigenständiges, ist genial. In der Sammlung findet sich auch das Gedicht "Adonis", das hier fragmentarisch zitiert sei:

Zitat:

Stößt er schräg die Luft ein weißer Glänzer,
Dessen Stimme deucht uns Gloria. . .
Reißen Arme, springen Tor und Fenster:
Trug das Schiff ihn her aus Ithaka!
Schwanensegel blasen Griechenwinde.
Atmet er, es rührt den Siechen linde.
Lenkt ihn ab, dem Sternen Vieleck nah.

Mädchen blaue von den Sphinxen reitend
- Traubenfülle preßt die rundere Brust -
Lieder-Rufe ihm entgegenbreiten,
Der - ein Plätschern tackt - durcheilt den Fluß.
Trabt herauf, es brüllt, im schwarzen Stiere,
Stampft der Gärten Zaun, durch Fruchtspaliere.
Stäubend platzt aus triefendem Maul der Kuß.

[...]

Die Gewässer nähren doch dess Bildnis,
Orgeln schwellen heiße Melodie.
Nieder vom Azur sein Blick der milde
Strahl voll Lenz. . . Dem Toten wirbeln sie!
Stellen vor sich Scheusalmänner Spiegel,
Fäuste krallend beizende Häute striegeln.
Aufgepeitscht, zerhackt - : "Adoni! !"


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