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Literaturforum: Jurij Trifonow - Das Haus an der Moskwa


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Forum > Rezensionen > Jurij Trifonow - Das Haus an der Moskwa
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 Thema: Jurij Trifonow - Das Haus an der Moskwa
LX.C
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Eröffnungsbeitrag Abgeschickt am: 12.08.2006 um 15:13 Uhr

"Wer aus diesem Haus wegzieht, hört auf zu existieren." Auszugsgründe finden sich viele, doch selten freiwillige. "Das Haus an der Moskwa" ist eine schonungslose Skizze der gesellschaftlichen Verhältnisse im "klassenlos kommunistischen" Russland. Die Handlung beginnt in den 30er und endet in den 70er Jahren. Mit überraschender Offenheit lässt Jurij Trifonow (1925-1981) den weichspülenden Sozialistischen Realismus hinter sich. Mutig spricht er Strukturen und Machenschaften an, die sich tief in das Unterbewusstsein der russischen Seele eingegraben haben.

Im Mittelpunkt steht die Geschichte Glebows, ein Junge aus armen Arbeiterverhältnissen, der nicht im Haus an der Moskwa wohnt, jedoch in der Nachbarschaft, in einer aufgrund des städtischen Wohnungsmangels üblichen Wohnkommune. Fast täglich geht er im Haus an der Moskwa, dem luxuriösen Bonzenbollwerk, ein und aus, da dort viele seiner Schulfreunde leben. Hier lernt er auch, was der Ausruf "Klassenlose Gesellschaft" tatsächlich zu bedeuten hat, nämlich absolut nichts. In Prunk und auf großzügigstem Raum residieren die Elitefamilien seiner Spielkameraden, kennen keinen Hunger und keine materiellen Nöte. Offenbar ein Ansporn für Glebow, der die passenden Eigenschaften dazu mitbringt, sich in einer Gesellschaft voller Misstrauen, Hinterhältigkeit und Denunziantentum zu behaupten. Denn Glebow besitzt die "seltene Gabe: überhaupt keiner zu sein" und "Leute die die Kunst, überhaupt keiner zu sein, bis zur Vollkommenheit ausbilden, bringen es weit."
So geht er nach dem Krieg eine Liebschaft mit der Tochter seines Universitätsprofessors ein, wohnhaft im Haus an der Moskwa, bei der er in Kindheitstagen schon regelmäßig zu besuch war. Doch hier gerät Glebow erstmals existenziell bedrohlich in die Zwickmühle des Staatsapparates. Seine Aussagen und Auskünfte wollen sich die Parteischergen zunutze machen, um sich dem in der Welt hoch angesehenen, aber der Universität längst lästig gewordenen Professor Gantschuk, seinem Förderer und Schwiegervater in spe, zu entledigen.

Parallel dazu erfahren wir von Ljowka, Glebows bestem Schulfreund, um dessen Gunst alle buhlen, da er, aus einer Adels- und Funktionärsfamilie stammend, mit einer Schreckschusspistole und einer gehörigen Portion Selbstsicherheit aufwartet. Während sich die Freunde nach dem Krieg noch als Studenten wiedersehen, geht der Weg des Arbeiterjungen steil bergauf und der des Politikersohnes steil bergab. Der Kontakt verliert sich. Erst nach über einem Jahrzehnt treffen beide, der ehemals Reiche besoffen und zerlumpt, der ehemals Arme geschniegelt und beleibt, in einer Gasse am Schwarzmarkt erneut aufeinander, in der auch der Roman seinen Ausgangspunkt nimmt.

Jurij Trifonow versteht es, den Leser zu unterhalten. In keiner einzigen Zeile kommt so etwas wie Langeweile auf. Prägnant auf den Punkt gebracht, ohne sich zu verlieren, verdichtet er eine Zeitspanne von circa 40 Jahren. Dazu kommt ein Schuss Ironie, so dass man trotz des ernsthaften Themas häufig schmunzeln muss. Das Leben ist eben selbst in der ernsthaftesten Gesellschaft nicht immer nur ernsthaft. Wunderbar. Die Seiten vergehen also im Fluge. Einzig ein Ich-Erzähler, der von Kapitel zu Kapitel im Wechsel mit der distanzierten Erzählweise regelmäßig auftaucht, sorgt zunächst für Verwirrung, denn man kann ihn nicht identifizieren. Ein gekonntes Stilmittel? Man wird dadurch zumindest immer wieder angehalten, die Konzentration auch nach Stunden nicht zu verlieren. Und Stunden sind es wirklich, die man problemlos am Stück mit diesem Buch zubringen kann.


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Kenon
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1. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 18.11.2006 um 15:19 Uhr

Zitat:

Mit überraschender Offenheit lässt Jurij Trifonow (1925-1981) den weichspülenden Sozialistischen Realismus hinter sich.

Selbst bei Malyschkins Dreizehntem Winter, der 1937/38 erschien, also direkt in der Zeit des Großen Terrors, bin ich überrascht von der Offenheit, mit der von gesellschaftlichen Problemen berichtet wird - allerdings wird niemals das System als Ganzes in Frage gestellt, im Gegenteil. Malyschkin starb dann 1938 - leider kann ich seit Monaten nicht herausfinden, woran.

Zitat:

Peredelkino-Bewohner wie Boris Pilnjak, Kornej Tschukowskij oder Stepan Schtschipatschow sind auch heute noch beliebt in Russland. Andere, von sowjetischen Ideologen zu „offiziellen Genies“ erklärt, gerieten mit der Zeit in Vergessenheit. Nur Fachleute kennen noch den Namen des Schriftstellers Malyschkin, dem einst das Haus in der Pawlenko-Straße 3 gehörte, in dem Boris Pasternak seit 1939 lebte. Heute befindet sich dort ein Museum über den verhinderten Literatur-Nobelpreisträger.

Quelle: Moskauer Deutsche Zeitung

Was macht diese angestaubte Sowjetliteratur eigentlich heute noch interessant? Vielleicht auch ihr pädagogischer Wert?

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LX.C
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2. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 18.11.2006 um 15:51 Uhr

Diese Nachricht wurde von LX.C um 16:04:59 am 18.11.2006 editiert

Sie ist ja vermutlich für die wenigsten interessant. Die meisten rümpfen doch eher die Nase. Für mich persönlich ist es ihr pädagogischer Wert, ja ganz richtig, insbesondere die Charakterbildung unter Vernachlässigung egoistisch materieller Schwerpunkte ist immer wieder interessant. Sei es nun der Kampf für eine bessere Welt oder das Zurechfinden, das sich finden, das sich selbst treu bleiben in einer schwierigen Umwelt, was ja nur mit großem Spagat möglich war. Die persönliche Vergangenheit spielt natürlich auch mit rein. Ein art Sehnsucht sich orientieren zu wollen, in einer Welt, die mit der Pubertät abrupt ihr Ende fand, ohne die Richtigkeit dieses Endes infrage stellen zu wollen.


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Kenon
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3. Antwort   - Permalink - Abgeschickt am: 18.11.2006 um 16:09 Uhr

Ja, so ähnlich sehe ich das auch. In diesen Büchern steckt für mich viel von meiner untergegangenen Heimat. Und: Wer betrachtet Heimat schon moralisch?

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