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Literaturforum: Das Internet schreit zurück


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 Thema: Das Internet schreit zurück
Kenon
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seit dem 02.07.2001

Das ist Kenon

     
Eröffnungsbeitrag Abgeschickt am: 26.01.2020 um 17:38 Uhr

Früher war die Welt gewiss nicht besser, aber sicherlich einfacher™:

Ein jeder stand schließlich für eine Zeit auf dem Platz, den er sich in einer sich stetig entwickelnden Gesellschaft erobern konnte – natürlich unter vollem Einsatz seiner Beziehungen, beiden scharf angespitzten Ellenbogen und vielleicht auch ein bißchen mit Hilfe der göttlichen Vorsehung –; der Journalist zum Beispiel an einem mehr oder minder großem Sprachrohr, durch das er seine Botschaften einer mehr oder minder großen Menge kundtat. Diese Menge setzte sich größtenteils aus für das Medium, das die Botschaft transportierte, zahlenden Menschen zusammen. Sie vergüteten die Leistung des Journalisten. Wenn sie mit dieser nicht zufrieden waren, konnten sie sich mit ihren Mitmenschen – ohne selber ein großes Sprachrohr zu haben – darüber austauschen, Leserbriefe schreiben und Anrufe tätigen, damit drohen, ihre treue Kundschaft zu beenden, ihr Abonnement zu kündigen und es im Ernstfall auch wirklich tun. Das war der Rückkanal des gemeinen Rezipienten.

Heute sieht es vielfältiger aus, weil das Internet vieles verändert hat. Die meisten Publikationsorgane haben in weiten Teilen frei zugängliche Internetpräsenzen, ihre Journalisten sind ohne nennenswerte finanzielle Aufwände (es reicht, ein Gerät mit Internetzugang, entsprechenden Programmen und einer Eingabemöglichkeit zu bedienen) in den sozialen Medien auffind-, oft kontaktier- und damit auch angreifbar, unter fast jedem Beitrag gibt es eine Kommentarfunktion: Nicht so sehr, weil sie ein rein inhaltlicher Zugewinn wäre und die Meinungsfreiheit gefördert werden soll, sondern weil sie einen beträchtlichen wirtschaftlichen Nutzen verspricht.

Die Leserschaft engagiert sich auf der eigenen Webseite, produziert kostenlos Botschaften, die sie selbst wieder konsumiert, kommt öfter wieder, wodurch letztlich mehr Werbung eingeblendet und Geld verdient werden kann. Vieles scheint erlaubt, so lange das Engagement steigt. Es ist seit etlichen Jahren bekannt und beobachtbar, dass uns und unserer Gesellschaftsordnung feindlich gesinnte Staaten wie Russland viel investieren, um über die Kommentarfunktionen Einfluss auf die öffentliche Meinung in Deutschland zu nehmen. Wer hat sie noch nicht gesehen, die pro-russischen Kundgebungen der Troll-Herden, die unter jedem frischen Artikel auf den obersten Positionen erscheinen, wenn es irgendwie um Russland geht? Es gibt nur wenige Themen wie Gewalttaten durch Migranten, bei denen Redaktionen offenbar entschieden haben, dass die zu erwartenden Kommentare schädlicher als der wirtschaftliche Nutzen sind, weil sie die Zensoren zu sehr beschäftigen und strafrechtliche Konsequenzen haben können, was im Endeffekt alles nur Aufwände und damit Kosten sind.

Ich möchte nicht missverstanden werden: Es ist verabscheuenswert, wenn Journalisten Hassbekundungen und Drohungen gegen Leib und Leben ausgesetzt sind und selbstredend auch, wenn es direkte physische Angriffe gegen sie gibt, aber mit dem Internet ist ein riesiger Resonanzraum geschaffen worden, der die Macht der Journalisten über uns Nicht-Journalisten einschränkt, weil sie durch viele andere Meinungen, die vorher nicht privilegiert genug waren, in der Öffentlichkeit zu erscheinen, relativiert wird.
Wenn man die Massen (und das größtenteils auch noch anonym) reden lässt:
Ist es überraschend, dass dabei vor allem Dreck zu Tage kommt? Wollen sich nicht viele Menschen in ihrer Unzufriedenheit abreagieren, da sie sich nicht von den Medien (und anderen Machthabern wie den Politikern) repräsentiert sehen und ihre eigene Lebensrealität radikal davon divergiert, was ihnen von außen als deren wahrhaftes Abbild vorgesetzt wird? Es ist nicht nur Entfremdung kanalisiert in abgründiges, boshaftes Zurückschlagen sondern auch viel Neid auf das größere Sprachrohr des Journalisten, das einen selbst überdröhnen möchte und kann. Also schreit das Internet zurück. Selbstverständlich nur sprichwörtlich, weil es selbst kein Subjekt ist, und dieser Ausdruck lediglich im plakativ-vereinfachenden Sprachstil einer Großbuchstaben-Zeitung gesagt ist, um Deine Aufmerksamkeit zu erregen.
Viele von diesen eben erwähnten Menschen sind nicht in der Lage, ihre negative Emotionalität anders zu artikulieren als mittels stumpfer, verbaler Gewalt. Sie haben die Feinheiten des Ausdrucks an keiner Schule gelernt, aber sie wissen noch genau, wie man die Spiele auf dem Pausenhof spielt.

Hier jedoch ist das Gute an dieser Entwicklung:

Journalist zu sein ist immer weniger ein Privileg. Natürlich gibt es sie noch, die musterhafte und hier in absichtlicher Überzeichnung dargestellte Korrespondentin, die es in die Hauptstadt des Bärenreiches geschafft hat, und die hin und wieder mal halbseidene Kritik am dort bestehenden Regime übt und genauso gelegentlich für einen kurzen Fernseh-Kommentar ihr immer älteres und immer aufwändiger geschminktes Gesicht im Freien bei offensichtlichen Minusgraden vor allbekannter Kulisse in die Kamera hält, sich aber sonst sehr in der Besonderheit ihrer Rolle gefällt und davon auch gern in den sozialen Medien berichtet (“Schau, der erste Schnee”); und nach neueren Berichten ist es wohl auch so, dass meist nur noch Menschen aus wohlhabenderen Elternhäusern den journalistischen Beruf auf herkömmliche Weise erlernen und dann ausüben, weil es sich schlicht niemand anders mehr leisten kann. Das mag zwei Gründe haben: Zum einen ist der klassische Journalismus ein Schrumpfgeschäft, zum anderen sitzen die Damen und Herren aus der sogenannten Baby-Boomer-Generation an den fetten Fleischtöpfen und lassen die Jungen vor sich im Staube kriechen, buckeln und oft auch hungern – ein deutschlandweites Phänomen, das leider nicht nur auf diese Branche beschränkt und das in seiner sozialen Brisanz ein Vulkan ist, der atmet und schon noch Lava eruptieren wird.

Zum eigentlichen Thema zurück: Es war noch nie so einfach, selber publizistisch tätig zu werden, Artikel zu veröffentlichen, ohne einen Verlag zu haben die Welt mit eigenen Büchern zu beglücken, sich vor eine Video-Kamera zu setzen und zu vloggen und so weiter und so fort. Freilich, man muss sich seine Reichweite, wenn man sie sich nicht gleich kaufen kann, selber erarbeiten, und das in einem System, das von Großkonzernen geschaffen wurde, für die Profit und Wachstum alles ist, also nach fremden Spielregeln, die aber nicht gänzlich losgelöst sind von den echten menschlichen Bedürfnissen, Wertschätzungen, Beziehungen und Interaktionen, die wir im Alltag vorfinden.

Es gibt eine Freiheit des Ausdrucks, aber seine Reichweite wird von den Algorithmen dieser Konzerne bestimmt. Die wenigsten Menschen hält es davon ab, selber zu einem Sender zu werden. Wenn zwar kein perfekter, so ist das doch aber auch kein miserabler Zustand.

Wer selber Bühnen hat, auf denen er auftreten und reden kann, muss sich nicht bevormundet fühlen. Dass die Darbietungen auf diesen Bühnen gewaltfrei sind – vor allem, wenn man auch noch seine Adressaten in das Publikum zwingt –, sollte der Mindeststandard sein. Dass die Darbietungen einem als Zuschauer gefallen, darauf braucht niemand hoffen.

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