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Der Träumler: 2. Roy und das Orakel Guckifix
Autor: Tiras Rapkeve · Rubrik:
Phantastik

Am nächsten Morgen gab sich Roy weniger Mühe, seine Strähne glatt zu kämmen. Er wusste nun, dass es eine Ursache dafür gab, und er wusste nun auch, dass er ein Mitglied einer königlichen Familie war. Nun ja. Aber welcher königlichen Familie eigentlich, und was für ein Königreich sollte das sein? Voller Ungeduld wartete er den ganzen Tag darauf, dass Racket sich bei ihm melden würde, doch dieser ließ sich nicht blicken. Als ob gestern nichts geschehen wäre, verlief der Tag wie alle anderen. Selbst Direktor Finlox erwähnte mit keinem Wort den gestrigen Abend im Pavillon, auch Roys zerzauste Haare kümmerten ihn nicht. Roy wunderte sich sehr darüber, und langsam begann er schon daran zu zweifeln, den gestrigen Tag überhaupt erlebt zu haben.
Doch als es zu dämmern begann und alle Kinder aus dem Garten ins Haus zurückkehrten, hörte er von der Seite ein leises Miauen, und er meinte zu hören, wie jemand seinen Namen rief. Erwartungsvoll blieb er stehen und drehte sich um. Außer ihm schien niemand diese Stimme gehört zu haben, denn alle anderen Kinder liefen weiter und verschwanden bald im Haus. Roy stand ganz alleine im Garten.
»Racket? Bist du das?«, fragte er vorsichtig ins Dunkel.
Wie aus dem Nichts kam der Kater auf Roy zugesprungen. »Roy! Eure königliche Hoheit! Wir müssen uns beeilen.« Dann schaute er den Jungen mit großen Augen an. »Wisst Ihr die Lösung des Rätsels?«
»Ja, ich denke schon.«
»Jaja, bestimmt. Ihr werdet es schon wissen. Schließlich seid Ihr ein Mitglied der königlichen Familie. Ihr seid Roy Rapperpotz«, antwortete Racket, seiner Sache völlig sicher.
»Was ist das für eine Familie?«, fragte Roy wissbegierig. »Sind es meine Eltern? Leben meine Eltern noch?«
»Hm. Naja. Das ist so eine Sache«, antwortete Racket verlegen.
Doch Roy wollte nun endlich mehr wissen. »Was ist das für ein Königreich? Du musst das doch wissen.«
»Naja. Das ist so eine Sache. Ich weiß es nicht.«
»Wie meinst du das, du weißt es nicht? Du weißt doch auch, dass ich ein Mitglied dieser königlichen Familie bin.«
»Ja, das schon. Aber in dieser Welt hier ist alles anders. Ich weiß nur, was ich wissen muss, nicht mehr.«
»Das verstehe ich nicht.«
»Kommt mit durch das Tor und Ihr werdet alles verstehen.«
Racket verschwand wieder hinter der Hecke, und Roy beeilte sich, ihm zu den Haselnuss-Sträuchern zu folgen. Im Pavillon legte der Kater wieder seine Pfote auf den Stein mit dem Kreuz und schaute Roy mit erwartungsvollen Augen an. »Seid Ihr bereit, Königliche Hoheit?«
»Ja«, erwiderte Roy, fest entschlossen, durch das Tor in diese geheimnisvolle Welt zu gehen.
Wie am Tag zuvor ertönte die tiefe Stimme des Wächters. »Wer stört die Ruhe des Wächters des verbotenen Tores?«
»Wir sind es, Racket und Roy Rapperpotz.«
»Ach, ihr seid es schon wieder«, antwortete der Wächter sichtlich verärgert, erneut in seiner Ruhe gestört zu sein. »Habt ihr das Rätsel gelöst?«
»Ich denke schon«, erwiderte Roy, nun doch etwas unsicher.
»Nun gut«, erhob der Wächter seine Stimme:

»Nenn mir den Ort, zu dem die Menschen täglich ziehn.
Nenn mir das Land, in das sie jede Nacht entfliehn,
in dem sich jeder Wunsch erfüllt,
in dem man sich mit Phantasie umhüllt.
Es bringt in alle Kinderaugen Sand.
Sag mir, was ist das für ein Land?«

Mit fester Stimme antwortete Roy dem Wächter des verbotenen Tores: »Ich weiß, welches Land es ist. Es ist das Land der Träume.«
»Potz Blitz!«, ertönte die Stimme des Wächters. »Ja, das ist es! Genau! Das Land der Träume.«
Racket schaute mit großen Augen zum Wächter. »Wie? Ist es so einfach? Das Land der Träume? Das hätte ich auch gewusst.«
»Ich habe nie gesagt, dass es schwierig ist. Doch nun hinweg mit euch. Ich habe noch andere Dinge zu tun. Aber denkt stets daran:
Wer das Land der Träume hier betrat,
wird brauchen einst des Wächters Rat …«
Die Stimme des Wächters wurde immer leiser, Roy konnte ihn kaum noch verstehen. Auch begannen die Fugen der Mauer vor ihnen allmählich zu verschwimmen.
»… denk gut an des Rätsels Lösung hier,
die stets in Not wird Hilfe bringen dir …«
Dann hörte Roy nichts mehr. Die Mauer vor ihm verschwand, und wie durch einen Schleier hindurch sah er die Umrisse eines Weges, auf den Racket bereits gesprungen war. Schnell folgte er dem Kater in diese neue phantastische Welt, die er schon so oft in seinen Träumen gesehen, aber nie zuvor verstanden hatte.
Kaum waren sie durch das Tor gegangen, da verwandelte sich Racket in einen Jungen, etwas kleiner noch als Roy, mit schwarzen Haaren und lustigen runden braunen Augen, die vor Freude strahlten, endlich wieder zu Hause zu sein. Er sprang lauthals singend in die Luft und ruderte mit seinen Armen, als ob er gleich abheben und in die Wolken fliegen wollte.
Neugierig schaute sich Roy um. Sie standen auf einem steinernen Weg mit herrlich blühenden Ebereschen zu beiden Seiten. Die Luft duftete nach Frühling und Sonne. Weite Wiesen mit wunderschönen Blumen, die lustig in einer sanften Brise hin- und herschwankten und miteinander spielten, erstreckten sich bis zum Horizont.
Racket ruderte noch immer mit den Armen, doch sprang er jetzt immer höher in die Luft, so, als ob er die kleinen tanzenden Wolken über ihm einfangen wollte. Roy konnte es kaum glauben – eine der Wolken kam tatsächlich zu ihm herunter, so dass Racket sie sogar berühren konnte. Sobald diese kleine Wolke seine Finger spürte, kam sie ganz zu ihm herab und begann sich zu strecken und zu recken und verformte sich schließlich in eine wunderschöne Kutsche, mit Rädern aus plauschigen Wolken und wohlig weich aussehenden breiten Sitzen. Diese Kutsche – nun ja, diese verwandelte Wolke in Gestalt einer Kutsche – schwebte vor ihnen auf dem Weg und wartete nur darauf, sie durch dieses Meer der Phantasie, durch diese wunderbare Traumwelt zu tragen. Es war ein wunderschöner Tag, und Roy konnte gar nicht genug von dieser neuen Welt sehen.
Nur hinten, weit weg in der Ferne, war eine Wolke, die anders als all die anderen war, die dunkel und finster erschien, jedoch so weit weg war, dass keiner der beiden Jungen sie beachtete.
Racket war noch immer völlig außer sich. »Roy, wir haben es geschafft! Wir sind wieder zu Hause. Jetzt wird alles gut.«
»Wo sind wir hier?«, fragte Roy verwirrt. »Irgendwie kommt es mir bekannt vor. Doch ich kann mich nicht erinnern.«
»Wie? Ihr wisst immer noch nicht, wo wir sind?«, fragte Racket erstaunt.
»Nein.«
»Wie kann das sein? Wir sind doch zu Hause. Roy, das ist unser Land, das ist Traumania. Erkennt Ihr es denn nicht?«
Roy schüttelte traurig den Kopf. »Ich weiß es nicht mehr.«
Racket fasste Roy am Ärmel und zog ihn zu der Kutsche. »Es ist noch schlimmer geworden als zuvor. Selbst jetzt erinnert Ihr Euch nicht. Wir müssen sofort zu Guckifix.«
»Guckifix?«
»Ja, Guckifix, unser Orakel. Den kennt Ihr auch nicht?«
»Nein«, antwortete Roy traurig.
»Aber den kennt doch jeder hier. Er ist unser Orakel. Ihr müsst ihn doch kennen!«
Racket konnte nicht glauben, dass Roy alles vergessen haben sollte.
»Tut mir Leid, Racket. Ich kenne ihn nicht.«
Nachdenklich schüttelte Racket seinen Kopf. »Also gut. Kommt mit!«
Er machte sich nun ernsthaft Sorgen. Roy hatte wirklich alles vergessen. Er konnte sich an nichts mehr erinnern. Schnell stiegen sie in die Kutsche, der Racket befahl, sie zu Guckifix zu bringen. Sie flogen den steinigen Weg entlang, vorbei an den zahlreichen Ebereschen, über riesige wunderschöne Wiesen, mit Blumen, die Roy noch nie zuvor in seinem Leben gesehen hatte. Und die Blumen lächelten ihnen freundlich zu und tanzten in der Sonne, die ihre herrlichen Farben zum Leuchten brachte, und Roy meinte zu hören, wie sie tuschelten, wenn ihre Kutsche ab und zu in ihre Nähe kam.
»Sieh nur, das ist Roy Rapperpotz. Siehst du diese schwarze Strähne?«
»Ja, er ist es.«
»Wirklich?«
»Ja, er ist es wirklich.«
»Ah. Roy Rapperpotz.«
»Er wird den Regen besiegen.«
»Meinst du? Ob er es schaffen wird?«
»Ja, er wird es schaffen, ganz sicher.«
Roy verstand nicht, was die Blumen meinten, noch nicht, und so sah er gebannt nach unten, als die Kutsche nun auf ein riesiges Meer hinausflog und vor ihnen plötzlich eine Insel auftauchte. Auf dieser Insel spie ein einsamer Drachen Feuer, obwohl weit und breit niemand zu sehen war.
»Ah, da ist ja Dragon, unser guter alter Dragon«, rief Racket erfreut, den Drachen zu sehen. »Was ist denn mit ihm?«, fragte er dann mehr sich selbst als Roy. »Er ist ja ganz aufgeregt. Was hat er denn nur? Sonst ist er ganz friedlich, glaubt mir, Eure Königliche Hoheit.«
Roy nickte, und sie flogen weiter über das Wasser, bis sie ein großes Segelschiff, einen Dreimaster, erblickten. Auf dem Bug stand ein Mann, der nachdenklich in die Ferne schaute.
»Wer ist das?«, wollte Roy wissen.
»Das ist Kolumbus«, antwortete ihm Racket bereitwillig.
Obwohl sich Roy ganz genau an die Geschichtsstunden in St. Jones und auch an den Namen Christopher Kolumbus erinnern konnte, fi el ihm doch jetzt einfach nichts weiter dazu ein.
»Wer ist Kolumbus?«, fragte er deshalb Racket.
»Kolumbus ist ein Mann mit großen, wunderbaren Träumen. Er fährt über das weite Meer, um einen neuen Seeweg nach Indien zu finden. Nur die besten Schüler dürfen ihm seine Träume bringen.«
Fasziniert blickte Roy dem Schiff und dem Mann hinterher, bis sie langsam am Horizont verschwanden. »Aber wie kommt er denn hierher, auf dieses Meer? Führt dieser Weg denn nach Indien?«, fragte er dann sehr verwundert.
»Nein«, schmunzelte Racket. »Er träumt es nur. In der richtigen Welt dort draußen schläft er gerade, so dass er in unserer Welt träumen kann.«
»Aha«, sagte Roy beeindruckt. »Dann ist das nur ein Traum.«
Und
schon flogen sie weiter über die Küste dieses riesigen Meeres ins Landesinnere, zu einem weiten Wald mit mächtigen Buchen und Eichen, und Roy konnte zwischen all diesen majestätischen Bäumen sogar einige besonders große Haselnuss-Sträucher erkennen, solche, wie er sie auch hinter der Hecke des Waisenhauses St. Jones gesehen hatte. Die Blätter der alten Buchen und Eichen waren eben noch grün, im nächsten Augenblick erstrahlten sie jedoch in den prächtigsten Farben des Herbstes, bis schließlich die Bäume alle ihre Blätter abwarfen, um wenige Augenblicke später erneut zu grünen.
Roy beobachtete fasziniert, wie Frühling, Sommer, Herbst und Winter sich in atemberaubender Weise binnen Sekunden ablösten, als durch die kahlen Bäume direkt vor ihnen plötzlich ein mächtiger Kopf emporragte und in die Ferne schaute.
»Der Riese Arba!«, rief Racket bestürzt, und Roy konnte sich kaum noch festhalten, als die Kutsche auch schon in die Höhe schoss, um nicht mit dem Riesen zusammenzustoßen. Schnell erholten sich die Jungen aber wieder von dem Schreck und schwebten nun langsam über dem Kopf des Riesen Arba, so dass sie ihn aus sicherer Entfernung beobachten konnten.
»Da haben wir ja noch mal Glück gehabt, Eure Königliche Hoheit«, sagte Racket stöhnend. »Der Riese Arba ist ein ziemlich schrecklicher Geselle, wisst Ihr. Schaut nur diese Narbe auf seiner Wange, wie entsetzlich sie aussieht. Er hat uns Gott sei Dank nicht bemerkt«, fügte er erleichtert hinzu. »Wisst Ihr, er ist der größte Riese aller Anakiter.«
In der Tat sah dieser Riese namens Arba sehr furchteinflößend und kriegerisch aus. Seine starken Arme schienen all die Bäume um ihn herum mit Leichtigkeit ausreißen zu können, und auf seinem kräftigen Hals saß ein riesenhafter Kopf mit zerzausten, tiefschwarzen Haaren und einem Mund, in dem Racket und Roy ganz sicher hineingepasst hätten. Wenn alle Riesen, die Racket Anakiter nannte, so aussahen, dann hatte Roy nicht die geringste Lust, auch nur einen von ihnen näher kennen zu lernen. Doch Arba war jetzt ganz und gar nicht böse. Er stand einfach nur so da, mit müden und traurigen Augen, und beachtete die Wolkenkutsche über sich eigentlich gar nicht.
»Die anderen sind ja auch alle da!«, rief Racket bestürzt, nachdem die Kutsche langsam an dem Riesen Arba vorbeiflog. »Da sind ja auch Arbas Sohn Anak und all die anderen Riesen.«
Nur mühsam konnte Roy seinen Blick von dem gewaltigen Arba losreißen und sah nun vor sich noch weitere riesenhafte Geschöpfe auf dem Waldboden sitzen, die wie Arba irgendwo ins Nichts starrten.
»Normalerweise sitzen die Riesen nicht so ruhig und friedlich da«, grübelte Racket. »Normalerweise darf man ihnen kein Stück zu nahe kommen. Irgendetwas scheint nicht ganz in Ordnung zu sein mit diesen Anakiten. Hm … oh, mein Gott. Ich sehe es. Das gibt’s doch nicht. Jetzt hat es auch schon die Riesen erwischt.«
»Was?«, fragte Roy sofort. »Was hat die Riesen erwischt?«
»Oh mein Gott! Er ist es wirklich.«
»Wer ist es?«, fragte Roy noch einmal ungeduldig.
»Der schwarze Regen!«, rief Racket entsetzt. »Schaut nur. Ihre Kleider sind ganz schwarz, und auch die Haare sind wie mit Pech beschmiert.«
»Der schwarze Regen? Was für ein schwarzer Regen?«, fragte Roy aufgeregt und betrachtete die Riesen noch genauer. Und tatsächlich. All ihre Körperteile waren mit einer eigenartigen schwarzen Masse benetzt. An einigen Stellen hatte dieser schwarze Regen sogar tiefe Löcher eingebrannt, und auch die Haare der Riesen waren völlig durch ihn verklebt.
»Was ist das für ein Regen?«, fragte Roy entsetzt.
Racket blickte ihm nun direkt in die Augen. »Er ist schrecklich, Eure Hoheit. Er kommt blitzschnell und bringt nur Unheil. Und nachdem er ebenso schnell wieder verschwunden ist, bleibt nur noch Chaos, nichts Gutes lässt er übrig.«
Traurig schaute Racket wieder aus der Kutsche zu den Riesen hinunter und schüttelte nachdenklich den Kopf, so dass er Roys nächste Worte gar nicht richtig wahrnahm.
»Was meint Ihr?«, fragte er deshalb nach.
»Woher kommt denn dieser Regen, Racket? Bist du ihm schon einmal begegnet?«, wiederholte Roy seine Frage.
»Ehhh«, begann Racket zu stottern. »Eigentlich nicht so richtig. Ich habe nur meine Eltern davon reden hören. Er war auch nicht so häufig bisher, wisst Ihr. Er ist erst vor ein paar Jahren ganz am Rande unseres Landes erschienen. Aber jetzt scheint er ja überall zu sein. Ich verstehe das nicht.« Wieder schüttelte er seinen Kopf und schaute nach unten.
»Weißt du denn, woher dieser Regen kommt?«, fragte Roy weiter.
»Eh. Nein. Niemand weiß es. Vielleicht weiß es ja unser Orakel Guuu …«
Doch noch bevor Racket zu Ende reden konnte, flog die Kutsche mitten auf einen Berg zu, und Roy und Racket fingen vor Schreck sofort an laut zu schreien. Jeder von ihnen glaubte bereits an der Felsenwand zu zerschellen, als sich im letzten Moment der Fels öffnete und ein langer Tunnel sichtbar wurde. Sobald sie in ihn hineinflogen, wurde es stockfinster, und Roy spürte die Kälte des Felsens um sich herum. Er konnte nichts mehr sehen. Die beiden rasten durch den Felsen und schrien dabei immer noch lauthals ins Dunkle. Genauso plötzlich erschien jedoch ein gleißendes Licht am Ende des Tunnels, und die Kutsche schoss wieder aus dem Berg heraus, mitten auf eine Lichtung. Dort, zwischen all den Gipfeln, war es ruhig und friedlich. Die Kutsche hielt auf einem Weg, der zu einem seltsamen Gebilde führte, und begann sich wieder in lauter kleine Wölkchen aufzulösen. Roy und Racket mussten schnell hinausspringen, um nicht auf den Hosenboden zu fallen.
Racket schien nun genau zu wissen, wo es hinging und lief munter den Weg entlang. »Kommt schon, Roy! Wir müssen dort hinauf.«
Roy folgte ihm schnell, und zusammen gingen sie mit vielen kleinen Wolken zwischen ihren Füßen zu jenem eigenartigen Gebilde, das, je näher sie kamen, einer riesigen Uhr immer ähnlicher wurde. Doch konnte Roy keine Zeit ablesen, denn seltsamerweise war nirgendwo ein Zeiger zu entdecken.
»Was ist das für eine seltsame Uhr, an der man keine Zeit ablesen kann?«, fragte er deshalb Racket.
»Das ist die Uhr des Guckifix«, lautete die Antwort. »Die einzige Uhr im ganzen Land der Träume. Sie zeigt keine Zeit an, weil für jeden in seinen Träumen die Zeit anders verläuft. Für den einen schneller, für den anderen langsamer. Hattet Ihr noch nie dieses Gefühl beim Träumen?«
»Doch, irgendwie schon«, musste Roy zugeben. »Aber wozu nützt eine Uhr, wenn man keine Zeit darauf ablesen kann?«
»Nur Guckifix kann an dieser Uhr die Zeit lesen. Er ist unser Orakel. Nur er kann es«, antwortete Racket ernst.
Sie waren schon fast an der großen Uhr angekommen, als plötzlich eine leise, quiekende Stimme ertönte. »Au! Du Tollpatsch! Pass doch auf, wo du hintrittst!«
Roy sprang erschrocken zur Seite.
»Könnt ihr denn nicht aufpassen, wo ihr langgeht mit euren großen Latschen!«
Es war eine dieser kleinen Wolken, durch die Roy nichts ahnend hindurchgetreten war, so wie vorher auch durch all die anderen, in die sich ihre Kutsche aufgelöst hatte. Aber dieses kleine Wölkchen hier war anders.
»Entschuldige bitte, ich wusste nicht, dass ich dir wehtue«, bat Roy um Verzeihung.
»Papperlapapp, Entschuldigung«, entrüstete sich das Wölkchen. »Ist das vielleicht eine Art, durchs Leben zu gehen? Mach doch deine Augen auf! Was wollt ihr eigentlich hier?«
»Wir suchen Guckifix. Weißt du, wo er ist?«
»Was wollt ihr denn von ihm? Ihr Dreikäsehochs.«
»Das geht dich gar nichts an«, antwortete Racket dem seltsamen Wölkchen nun auch frech.
»Oh, ihr wollt mir nicht sagen, was ihr von ihm wollt? Bitte sehr. Ihr Geheimniskrämer. Dann könnt ihr lange suchen. Von mir jedenfalls werdet ihr nichts erfahren.«
Aus dem Inneren der Uhr ertönte eine freundliche, jedoch auch strenge Stimme.
»Schluss jetzt, Schössel. Lass die Jungen rein.«
Widerwillig öffnete das Wölkchen mit dem Namen Schössel die Tür zur Uhr und babbelte dabei missgelaunt vor sich hin.
»Diese Lümmel wollen mir nicht sagen, was sie wollen. Diese Dreikäsehochs. Denen werde ich’s noch zeigen.«
Als Roy die Uhr betrat, wurde der Innenraum größer und größer, und bald standen sie in einem gemütlichen und geräumigen Zimmer. Von jeder Seite kamen Geräusche tickender Instrumente und sich drehender Zahnräder. Ganz hinten in dem Zimmer stand eine große Waage, an der ein alter schlanker Mann eifrig bemüht war, glitzernde Sterne von einer Schale auf die andere zu schütten. Er stand mit dem Rücken zu den beiden Jungs, und dennoch konnten sie seinen langen weißen Bart sehen, der fast bis zum Boden reichte.
»Komm herein, Roy Rapperpotz«, befahl er, ohne sich dabei umzudrehen. »Ich habe schon auf dich gewartet. Morella sagte mir, dass du bald kommen würdest.«
»Sie kennen Morella?«, fragte Roy erstaunt.
»Oh ja, natürlich kenne ich sie. Und du wirst sie auch bald wieder sehen. Aber setz dich doch. Dein Freund Racket soll sich auch hinsetzen. Ich komme gleich zu euch.«
Racket und Roy setzten sich auf eine Bank, doch Racket blieb nicht ruhig sitzen, sondern rutschte verlegen hin und her. Schließlich konnte er nicht länger an sich halten.
»Meister Guckifix, ich habe Roy Rapperpotz hierher geholt, zurück nach Traumania, so wie Ihr es mir aufgetragen habt. Aber wir haben ein Problem. Er kann sich an nichts erinnern.«
Ohne von seiner Arbeit abzulassen, beruhigte ihn Guckifix wieder.
»Ich weiß, mein junger Freund. Es ist nicht deine Schuld, dass er sich an nichts erinnern kann. Es ist dieser Regen.«
Guckifix hatte nun wohl genug Sterne auf die Waage gelegt, denn sie bewegte sich nicht mehr. Zufrieden drehte er sich zu den beiden Jungen um und kniete vor Roy nieder.
»Weißt du, wer du bist?«, fragte er mit sanfter Stimme.
Roy antwortete traurig. »Nein. Ich wohne im Waisenhaus St. Jones, weil meine Eltern tot sind. Ich
weiß nicht, wer sie waren. Ich weiß nicht, wer ich bin.«
»Weißt du, wo du bist?«, fragte Guckifix weiter.
»Im Land der Träume?«, meinte Roy vorsichtig.
»Ja, im großen Land der Träume, in Traumania«, erwiderte Guckifix. »In unserem Land, das viele Königreiche und unzählige Landteile besitzt. Und eines davon, ein ganz besonderes Königreich, ist dein Zuhause, ist das Königreich der Familie Rapperpotz, deiner Familie.«
»Aber warum weiß ich dann nichts davon? Nichts von meiner Familie, nichts von meinen Eltern«, fragte Roy sehr aufgeregt.
»Es begann vor einiger Zeit, mein Junge. Im Grunde ist es noch gar nicht so lange her, da kam ein fürchterlicher schwarzer Regen über die Grenzen unseres Landes. Seit jener Zeit zerstört er die Träume, die wir den Menschen schicken. Niemand weiß, woher er kommt, und niemand weiß warum.«
Guckifix sah Roy mit ernsten Augen an.
»Auch dein Vater schickte seine besten Männer gegen diesen Regen, doch alle, die ihn erreichten, vergaßen, was sie tun sollten, vergaßen alles um sich herum und vergaßen schließlich sogar sich selbst. Der Regen kommt blitzschnell und geht auch genauso schnell wieder. Eines Tages kam dieser schreckliche Regen auch in dein Königreich, in das Königreich Rapperpotz. Er kam über die Mauern in den königlichen Garten, und du, mein Junge, bist hineingeraten, und alle deine Erinnerungen begannen zu schwinden. Fast wärst du verloren gewesen wie all die anderen. Weißt du Roy …«
Guckifix berührte sanft das Haar des Jungen.
»… diese Strähne in deinem Haar hast du seit jenem Tag. Der Regen hat die Farbe und alle Erinnerungen herausgewaschen. Doch deine Eltern haben dich gefunden, bevor es zu spät war und brachten dich in jene Welt dort draußen. Sie wollten dich vor dem schwarzen Regen verstecken, bis die Zeit gekommen ist, sich ihm entgegenzustellen. Und diese Zeit ist jetzt gekommen, mein Junge.«
»Wo sind meine Eltern jetzt? Leben sie noch?«, fragte Roy, begierig, mehr über seine Familie zu erfahren.
Guckifix nickte mit seinem weißen Haupt. »Ja, sie leben.«
Roys Augen begannen zu strahlen vor Glück. »Wo sind sie?«, fragte er begierig nach.
»Sie sind noch immer in der anderen Welt. Doch je länger sie weg sind aus unserem Land, umso mehr vergessen sie, und umso leichter hat es der Regen, alle verbleibenden Erinnerungen zu verwischen. Du musst dich beeilen, um sie zu retten.«
»Aber wie soll ich das tun?«
»Du musst den heiligen Somnel finden. Nur dann kannst du den Regen besiegen. Nur dann kannst du deine Eltern retten.«
»Was ist denn der heilige Somnel?«
Roy hatte noch nie etwas davon gehört und Racket anscheinend auch nicht, denn er zuckte nur mit den Schultern, als Roy ihn anschaute. Gespannt hörten sie Guckifix weiter zu.
»Der heilige Somnel ist der glitzerndste und schillerndste Traum, den es in unserem Land gibt. Er ist es, wonach sich alle Menschen sehnen. Seine Macht kann alles und jeden besiegen.«
»Aber wo finde ich denn diesen Somnel?«, fragte Roy aufgeregt.
»Ich weiß es nicht, mein Junge. Satolex ist der Hüter des heiligen Somnel. Zu ihm musst du in deinen Träumen finden, ihn wirst du sehen, wenn dein Herz rein ist und dein Geist klar, wenn du den Menschen ihre Träume wieder zurückbringen kannst. Nur so wirst du Satolex und den heiligen Somnel finden.«
»Aber wie soll ich den Menschen ihre Träume zurückbringen? Ich weiß nicht, wie das geht.«
Guckifix schüttelte nachdenklich sein weißes Haupt. »Dann musst du es lernen. Und du musst dich beeilen, Roy.«
»Aber wie soll ich es lernen und wo? Ich verstehe doch nichts davon.«
»Es gibt noch eine einzige Schule. Nur sie wurde verschont. Bis zu ihr konnte der schwarze Regen noch nicht vordringen. Es ist eine ganz besondere Schule. Es ist die Schule Rapperpotz.«
»Aber das ist ja …«, fi el Roy dem Alten ins Wort.
»Ja, Roy. Du trägst den gleichen Namen wie diese Schule. Dort musst du hin und lernen. Du musst dich beeilen. Du hast nicht mehr viel Zeit.«
»Wie soll ich dorthin finden? Ich weiß doch nicht, wo diese Schule ist.«
»Schössel wird euch begleiten. Sie wird euch zeigen, wo sie ist, und sie wird euch helfen, den Somnel zu finden.«
»Was, ich? Wieso ich?«, empörte sich Schössel von der Seite. »Wieso muss ich denn mit, mit diesen zwei halben Portionen?«
»Sie werden deine Hilfe brauchen, Schössel. Also benimm dich.«
»Die werden es doch nie schaffen. Ich will nicht mit. Ich will lieber hier bleiben.«
»Du gehst mit. Keine Widerrede.« Guckifix wandte sich an Roy und Racket. »Jetzt legt euch hin und schlaft. Ihr habt morgen einen weiten Weg vor euch.«
Widerwillig flog Schössel hinter eines der großen Zahnräder und schloss die Augen. »Immer muss ich den Karren aus dem Dreck ziehen. Warum nur immer ich?«
Doch Roy hörte sie schon gar nicht mehr. Zu aufregend war dieser Tag, und zu müde war er jetzt. Doch nun hatte er endlich etwas über seine Eltern und über sich selbst erfahren. Und voller Erwartungen an den nächsten Tag schlief Roy neben Racket in dem großen Himmelbett ein, das Guckifix auf dem Boden der Uhr für sie aufgestellt hatte.

Februar 2004
© 2004 Tiras Rapkeve
Alle Rechte liegen beim Autor
ISBN: 300012487X
tiras-rapkeve@gmx.net
www.traeumeschenken.com


Einstell-Datum: 2004-04-12

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

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