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Der Träumler: 3. Roy und der Traum des Spartakus
Autor: Tiras Rapkeve · Rubrik:
Phantastik

Roy musste plötzlich niesen. Irgendetwas stieg ihm in die Nase.
»Hatschi!«, nieste er. »Hatschi! Hatschi!«
Doch Schössel gab nicht auf. Sie schwebte über seinem Gesicht und kitzelte dabei unaufhörlich seine Nase.
»Los, los! Raus aus den Federn, ihr Schlafmützen. Die Sonne steht schon weit oben am Himmel.«
Racket drehte sich noch einmal um und gab nur undeutliche Wortfetzen von sich.
»Hm? Aufstehen? Mitten in der Nacht? Noch eine halbe Stunde.«
Mit diesen Worten vergrub er sich wieder unter seiner Decke. Doch er hatte nicht mit Schössels Hartnäckigkeit gerechnet. Sie schwebte über den beiden und presste sich so fest zusammen, dass sich eine ordentliche Portion Wasser auf die Jungen entleerte. Völlig durchnässt sprangen die beiden erschrocken aus ihren Betten.
»Was soll das, Schössel? Wir kommen doch schon!«
»Wir müssen uns beeilen«, erwiderte die Wolke missgelaunt. »Wir haben einen weiten Weg vor uns. Also los, ihr Langschläfer. Meister Guckifix ist schon in den Bergen, um neue Sterne einzusammeln, und ihr verschlaft den ganzen Tag.«
Schnell aßen die beiden Jungen etwas Obst, das für sie auf dem Tisch lag, sprangen dann eilig auf und folgten Schössel nach draußen, wo bereits ihre wundersame Kutsche zur Abfahrt bereitstand. Als sie eingestiegen waren, erhob sich die Kutsche und flog dem fernen Ziel entgegen, das eigenartigerweise den selben Namen trug wie Roy.
So viel hatte Roy in den letzten beiden Tagen erlebt, das Tor im Garten des Waisenhauses St. Jones, welches ihm nun schon so weit weg vorkam, diese wunderbare Welt hier mit Riesen in seltsamen Wäldern, mit Drachen und kleinen Wölkchen, die sprechen konnten, einem Orakel namens Guckifix, der die Zeit an einer Uhr ohne Zeiger ablas und der ihm von seinen Eltern erzählte und von einem heiligen Somnel, den er finden sollte, um seine Welt zu retten, von der er bis vor ein paar Tagen noch nicht einmal wusste, dass sie existiert. So viel Neues hatte er erlebt, dass ihn nun gar nichts mehr zu überraschen schien, nicht einmal die Heerscharen von Soldaten in römischen Gewändern, die plötzlich unter ihnen auftauchten. So weit das Auge reichte, standen sie in Haufen zum Kampf bereit. Es waren bestimmt weit über hunderttausend Mann.
Ihnen gegenüber sah Roy viele zerlumpte Gestalten mit zersprengten eisernen Fesseln an ihren Händen und Füßen. Geschunden sahen sie aus mit ihren in Fetzen gehüllten Körpern. Und obwohl einige wenige auch recht gut gekleidet waren, so sah Roy in allen Gesichtern das Leid und den Schmerz der Gefangenschaft. Aber er sah auch Stolz in ihnen und Entschlossenheit, für ihre Freiheit und Würde zu kämpfen und auch für sie zu sterben. Vor dieser zerlumpten Menge stand ein Mann, nicht größer oder kräftiger, aber doch noch stolzer und noch entschlossener als all die anderen. Als sich die Kutsche den zerlumpten Menschen näherte, verstand Roy den Namen, den die Männer ununterbrochen riefen.
»Spartakus, Spartakus!« Es hallte weit über das Land. »Spartakus, Spartakus!«
Die römischen Soldaten schienen bei diesem Namen zu erzittern, denn sie sahen nun klein und erbärmlich aus, und Angst stand ihnen ins Gesicht geschrieben, als sich die Menge vor ihnen in Bewegung setzte.
Roy sah, wie von Spartakus ein Licht ausging. Ein seltsames und wunderbar leuchtendes Licht, so wie das Leuchten der Sterne auf der Waage des Guckifix. Es erstreckte sich weit über das gesamte Feld und tauchte alles um sich herum in ein gleißendes Feuer. Und dann – wie von einem Blitz getroffen – leuchtete Spartakus noch heller und noch intensiver. Er strahlte weit über das Feld. Und – ja, tatsächlich – da kam noch ein Blitz von weit oben auf ihn herabgeschossen. Direkt aus dem Himmel, wie Roy zunächst glaubte. Doch als er hinaufblickte und die Augen fest zusammenkniff, sah er dort einen Jungen durch die Luft schweben, der immer näher kam und unheimlich schnell zwischen all den Menschen umherflog. Dabei schoss eben dieser Junge mit einem seltsamen Gerät diese Blitze ab. Es war eine Art Kugel, die im Licht der Sonne funkelte. Doch so genau konnte Roy es gar nicht sehen, denn der Junge trug einen silbernen Mantel, welcher ihn fast vollständig verhüllte und aus dem Staub wie Sterne auf alle die Menschen herabrieselte.
Aufgeregt schaute Roy diesem Treiben zu. So etwas hatte er noch nie zuvor gesehen. Noch nie in seinem ganzen Leben hatte er so etwas Eigenartiges erlebt. Was tat dieser Junge dort nur, inmitten dieser vielen Menschen? Niemand schien ihn zu bemerken, niemand schien ihn wahrzunehmen. Er flog durch sie hindurch, verstreute seinen Zaubersand und feuerte seine Blitze ab, die jedoch nur Spartakus trafen. Doch irgendwie schien etwas nicht zu stimmen, denn Roy sah, wie die Soldaten und Sklaven noch wütender und zorniger wurden und wild aufeinander losstürmten.
»Was ist dort los?«, rief Roy aufgeregt.
Ohne die Augen von dem Spektakel zu lassen, antwortete Racket: »Das ist Spartakus, der Führer der Sklaven. Er führt sie gegen die römischen Legionen.«
»Jaja, ich kenne Spartakus aus der Schule«, erwiderte Roy schnell. »Er kämpft für die Freiheit, für die Freiheit der Sklaven. Aber wer ist dieser Junge, der zwischen ihnen herumfliegt und diese Blitze abfeuert?«
»Ich weiß nicht, wer das ist, aber es muss jemand aus der Schule sein. So wie der durch die Luft fliegt, das lernt man nur in einer Schule«, sagte Racket und wurde dann sehr nachdenklich. »Hm! Soviel ich weiß, darf normalerweise kein Schüler in diesem Landesteil ohne die Erlaubnis der Lehrer träumeln.«
»Träumeln?«
Roy riss neugierig die Augen auf, da er dieses Wort noch nie gehört hatte.
»Ja, träumeln. Ihr wisst nicht, was träumeln ist?«, fragte Racket verwundert.
»Nein.«
»Oh, entschuldigt bitte. Ich habe vergessen, dass Ihr Euch noch nicht erinnern könnt. So nennen wir es, den Menschen ihre Träume zu bringen.«
»So werden den Menschen ihre Träume gebracht?« Roy war sehr beeindruckt.
»Nun ja. Irgendwie schon«, antwortete Racket unsicher.
Roy merkte, dass sein Begleiter sehr nervös wurde.
»Ich weiß auch nicht genau. Ehrlich gesagt habe ich so etwas auch noch nie gesehen.«
Racket hatte schon oft versucht, in eine der einst so zahlreichen Schulen Traumanias aufgenommen zu werden. Liebend gern würde er das Träumeln lernen. Liebend gern würde er mehr über sein eigenes Land Traumania mit all seinen Geheimnissen und Rätseln erfahren. Doch bisher hatte er nie die Aufnahmeprüfungen bestanden. So sehr er sich auch bemühte, so sehr er sich auch endlich zu träumeln wünschte – in jeder Schule war er durchgefallen. Immer wieder musste er erfolglos nach Hause zurückkehren, ohne seinem großen Ziel auch nur ein kleines Stückchen näher gekommen zu sein. Und da die Aufnahmeprüfung in der Schule Rapperpotz besonders schwierig war und nur die Besten der Besten dort das Träumeln lernen durften, war es ihm nie in den Sinn gekommen, sich in dieser geheimnisvollen Schule zu bewerben. Doch nun, nun war alles ganz anders. Nun hatte er die Gelegenheit bekommen, mit Roy Rapperpotz, dem berühmten Roy Rapperpotz, diese Schule zu besuchen, und er freute sich riesig darauf. Auch wenn er jetzt schon wieder Angst vor dieser ganz besonderen Aufnahmeprüfung in Rapperpotz spürte, so wusste er doch, diesmal hatte er eine gute Chance. Diesmal hatte er den besten Träumler an seiner Seite. Diesmal würde alles ganz anders werden. Und dieses Selbstvertrauen verleitete ihn nun dazu, so zu tun, als ob er bereits ein Experte im Träumeln wäre, was Roy natürlich sofort durchschaute. Doch es störte ihn nicht weiter, und Racket dachte nun auch nicht mehr an die Aufnahmeprüfung, sondern schaute dem Treiben vor ihnen zu.
Spartakus stürmte mit seinen Sklaven auf die Römer zu, und das Licht, welches immer intensiver von ihm ausstrahlte, verwandelte das gesamte Schlachtfeld in ein riesiges Feuermeer. Schössel hatte sich ganz klein gemacht und war hinter Roys Rücken verschwunden. Von dort schaute sie vorsichtig mit einem Auge hervor.
»Irgendetwas stimmt hier nicht«, flüsterte sie leise.
»Wie meinst du das, Schössel?«
»So wird nicht geträumelt.«
Roy sah Racket fragend an, doch der zuckte nur mit den Schultern. Dann fragte Roy wieder Schössel hinter sich.
»Woher weißt du das?«
»Ich weiß es eben.«
Und obwohl Roy noch keine Ahnung vom Träumeln hatte, so fühlte er doch, dass hier tatsächlich irgendetwas nicht stimmte. Er konnte es nicht beschreiben. Etwas in seinem Inneren, etwas, das er noch nicht verstand, gab ihm dieses Gefühl. Roy sah, wie Spartakus mit jedem Blitz, den er erhielt, sein Gesicht seltsam verzog und wütend und voller Hass nach vorn stürmte.
Kurz entschlossen steuerte Roy die Kutsche zwischen den seltsamen Jungen und Spartakus und fi ng mit ihr den nächsten Blitz ab. Nichts passierte. Die Kutsche vibrierte kurz und wurde dann wieder ruhig. Schössel hatte sich nun ganz hinter Roys Rücken versteckt. Noch einmal schoss der Junge einen Blitz von sehr weit oben ab. Doch auch dieser verpuffte in der Wolkenkutsche und erreichte Spartakus nicht mehr.
Der Junge mit dem silbernen Mantel kam nun selber wie ein Blitz vom Himmel geschossen und stoppte scharf vor der Kutsche. Racket fiel vor Schreck nach hinten. Roy stand fest und spürte, wie der Wind ihm scharf ins Gesicht wehte. Er stand fest und hatte keine Angst, auch wenn der Junge ihn mit stechenden und bösen Augen ansah.
»Was fällt dir ein, mein Träumeln zu stören?«, brüllte er dann los.
»Es ist nicht richtig, was du da machst«, antwortete Roy mutig.
»Wer bist du, dass du mir sagst, was richtig ist?«
»Ich weiß zwar nicht, was du da machst, aber ich spüre, dass es falsch ist. Wozu lässt du diese Menschen so wütend gegeneinander kämpfen?«
»Es ist ihre Bestimmung, zu kämpfen«, antwortete der
Junge grimmig und fügte scharf hinzu. »Ich frage dich noch einmal. Wer bist du, dass du unsere Regeln brichst und mich beim Träumeln störst?«
Mit diesen Worten holte er aus und wollte schon einen fürchterlichen Blitz aus seiner Kugel abfeuern. Doch als er Schössel vorsichtig hinter Roys Rücken hervorschauen sah, beherrschte er sich, auch wenn es ihm sehr schwer fiel.
»Du hast Glück, du Wicht, dass Guckifix’ Schoßhündchen bei dir ist, sonst würde ich dir zeigen, was es heißt, mein Träumeln zu stören. Sieh zu, dass sich unsere Wege nicht noch einmal kreuzen.«
Er schwang sich in die Lüfte und verschwand in Richtung Berge.
Racket hatte sich wieder aufgerappelt und stand nun neben Roy. »Was war das denn?«
»Ich weiß nicht. Er ist verschwunden.«
»Was hat er gesagt?«
»Er war sauer, weil ich ihn beim Träumeln gestört habe, und er meinte, ich hätte eine wichtige Regel gebrochen.«
»Ja, ich glaube, das stimmt. Ich habe davon gehört. Man darf sich nie in das Träumeln eines anderen einmischen. Man kann einem Menschen andere Träume schicken, aber man darf sich nie bei einem anderen Träumler einmischen.«
»Aber sein Träumeln war falsch! Hast du nicht gesehen, wie wütend die Menschen waren?«
»Ja, habe ich. Aber aus irgendeinem Grunde darf man es nun mal nicht. Wenn Ihr aber selber träumeln könntet, dann hättet Ihr Spartakus einen anderen Traum bringen können.«
»Wir müssen das Träumeln lernen, Racket. Unbedingt.«
»Ja, wenn wir eines Tages ankommen würden. Aber ich fürchte fast, Schössel kennt den Weg auch nicht.«
Schössel, nun wieder mutig, hörte diese Bemerkung natürlich und empörte sich sofort.
»Ihr werdet noch früh genug ankommen, ihr Dreikäsehochs. Dann werdet ihr zeigen können, was für Kerle ihr seid.«
Sie schwebte beleidigt nach ganz vorn, und die Kutsche setzte sich wieder in Bewegung.
Auf dem Feld unter ihnen war es friedlich und ruhig. Ganz plötzlich waren alle römischen Soldaten und auch Spartakus’ Männer verschwunden. Nur eine saftige grüne Wiese war zu sehen, so als ob soeben nichts geschehen wäre. Roy ahnte: Spartakus war aufgewacht. Racket nickte ihm bedeutungsvoll zu und lächelte ihn freundlich an. Irgendwie kam Roy dieses Lächeln sehr vertraut vor, und so reichte er Racket die Hand.
»Lass von jetzt an dieses ›Euch‹ und ›Ihr‹, wir wollen ›du‹ zueinander sagen.«
Mit strahlenden Augen nahm Racket dieses Angebot an.
Die Kutsche flog nun weiter einem fernen Ziel entgegen, über endlose Wiesen, über Stock und Stein, über Wälder und über schier uferlose Meere. Sie waren so lange unterwegs, dass Roy nun auch zu zweifeln begann, ob Schössel wirklich den richtigen Weg kannte. Aber als sie wieder eine dieser wunderschönen Wiesen überflogen, schrie Schössel plötzlich auf.
»Dort ist er! Dort unten!«
Roy schaute hinunter und sah nichts außergewöhnliches, nun ja zumindest kein besonderes Gebäude oder etwas in der Art, welches die Schule Rapperpotz sein könnte. Auf der saftigen grünen Wiese graste friedlich ein prächtiger Schimmel. Dieser Schimmel war allerdings doch außergewöhnlich. In seinem ganzen Leben hatte Roy noch nie ein so schönes Pferd gesehen. Sein wunderschönes weißes Fell glänzte in der Sonne, und seine Mähne schien majestätisch bis in den Himmel zu wehen. Stolz trabte der Schimmel über das Gras und blieb stehen, als er die Kutsche bemerkte. Roy und Racket sprangen heraus und folgten Schössel, die bereits aufgeregt vor dem Schimmel schwebte und mit ihm redete.
»Ehrwürdiger Tarkan! Endlich haben wir Euch gefunden.«
»Ich grüße auch dich, seltsam anmutendes Wölkchen. Was ist dein Begehren?«
»Meister Guckifix schickt mich, um Euch diese beiden Schüler zu bringen.«
»Sind sie es würdig, die Schule Rapperpotz zu besuchen?«
»Es sind Roy Rapperpotz und sein Freund Racket, die Einlass erbitten.«
Tarkan musterte einen Augenblick die beiden Jungen, dann verschränkte er seine Vorderbeine und öffnete seinen Mund, der seltsamerweise immer größer und größer wurde, bis bequem ein Mensch hindurchgehen konnte. Schössel schwebte sogleich hinein, die beiden Jungs aber standen noch staunend vor Tarkan und konnten sich gar nicht rühren.
»Kommt schon, ihr Schlafmützen. Tarkan kann nicht ewig seinen Mund aufhalten.«
Roy tat ungläubig einen Schritt auf den Schimmel zu. Er sah in seine feurigen Pferdeaugen, die ihm freundlich zuzwinkerten. Dann fasste er all seinen Mut zusammen und sprang hinein. Racket folgte ihm zögernd. Sobald sie in Tarkan verschwunden waren, schloss dieser seinen Mund wieder, und das Tor hinter ihnen verschwand. Sie befanden sich im Inneren eines Pferdes, doch es war nicht dunkel. Ein sanftes, weiches Licht umgab sie. Aber sonst konnte Roy nichts weiter sehen. Schössel war schon in der Ferne verschwunden, so dass Roy sie kaum noch hörte.
»Kommt schon und trödelt nicht so. Wir müssen weiter.«
»Aber wohin?«, schrie Roy in die Leere.
»Was denn? Du weißt immer noch nicht, wohin?«
»Ich kann nichts sehen.«
Schössel kam zurück und hielt direkt vor Roy.
»Oh, ja. Ich weiß schon, warum. Ihr müsst an euch selbst glauben und an die Schule Rapperpotz. Ihr müsst daran glauben, dass sie hier ist, nur dann kann es funktionieren. Öffnet eure Herzen.«
Roy gab sich alle Mühe und versuchte daran zu glauben. Und plötzlich sah er den Schimmer einer Brüstung und hörte ferne Stimmen. Und als er all seinen Zweifel ablegte, erschien die Schule Rapperpotz in ihrer ganzen Pracht vor ihm.
Es war ein Schloss, umgeben von einem See, auf dem lustige Wasserrosen tanzten. Eine Brücke schwebte über der Wasseroberfläche und wies den Weg zur Schule.
»Wohin gehst du?«, fragte Racket, als Roy die Brücke betreten wollte. Er konnte noch immer nichts sehen.
»Schließe deine Augen und höre auf dein Herz, Racket! Glaube an das Unmögliche!«
Und als er dies tat, hörte auch Racket die Stimmen vor ihm, und als er die Augen wieder öffnete, sah auch er, was vor ihnen lag. Ein riesiges Schloss mit großen Türmen und breiten Flügeln. Die Mauern bestanden nicht aus gewöhnlichen Steinen, sondern waren aus einem gläsernen, durchscheinenden Stoff. Man konnte bereits von weitem in den Innenhof schauen.
Roy und Racket liefen voller Staunen hinter Schössel über die Brücke, denn in dem See war kein Wasser, sondern ein glitzernder Zauberstaub, der funkelte und leuchtete. Roy meinte zu hören, wie die Wasserrosen auf der Oberfläche ständig etwas murmelten. »Rapperpotz. Roy Rapperpotz. Sieh nur. Da kommt er endlich. Roy Rapperpotz. Er ist da.«
Jetzt verstand Roy, warum diese Schule vor dem Regen sicher war. Tarkan war ihr Beschützer, ihr wachsames Auge. Er war pfeilschnell, schneller als der Wind und schneller als jeder Regen. Und da sich die Schule Rapperpotz in seinem Inneren befand, war auch sie sicher. Das dachte Roy damals zumindest.
Die beiden Jungen standen nun vor dem Tor, das sich wie von Geisterhand öffnete und hinter ihnen wieder zufiel. Schössel hatte sich klein gemacht und war in Roys rechter Hosentasche verschwunden. Der Hof des Schlosses war mit hektisch umherlaufenden Kindern übersät. Überall wurde laut und aufgeregt gesprochen. Alle schienen sehr beschäftigt zu sein, und keiner nahm wirklich Notiz von den beiden Neuankömmlingen. Roy merkte schnell, dass etwas nicht stimmte. Irgendetwas musste passiert sein. Mitten unter den wild durcheinander redenden Kindern stand eine Frau mit grauem wallendem Haar.
»Da ist sie ja!«, rief Roy überrascht. Er erkannte sie sofort. Es war Morella, welche nun auch auf die beiden Jungs aufmerksam wurde. Freudig winkte sie Roy zu.
»Komm ruhig näher, Roy. Wir haben dich schon erwartet, wenn auch nicht gerade heute.«
Dann wandte sie sich an alle Schüler im Hof. »Ruhe Kinder! Hört zu!«
Allmählich wurde es etwas leiser, und Morella ging langsam auf Roy zu. »Ich freue mich, euch einen ganz besonderen Schüler vorstellen zu dürfen. Komm her, Roy!«
Ein Raunen ging durch die Reihen der Schüler, und Morella hatte alle Mühe, wieder Ruhe herzustellen. »Das ist Roy Rapperpotz. Er und sein Freund werden bei uns das Träumeln lernen.«
Jetzt drehten sich auch die letzten der Schüler nach Roy um, und einige winkten ihm sogar freundlich zu. Undeutlich konnte Roy ihr Getuschel verstehen:
»Ja, er ist es wirklich.«
»Siehst du die Strähne in seinen Haaren?«
»Es ist Roy. Roy Rapperpotz.«
Aber es gab nicht nur freundliche Gesichter. Ein paar der Schüler schauten sehr finster drein, und unter ihnen erkannte Roy auch den Jungen von heute Morgen. Als Morella Roys ernsten Blick bemerkte, schaute sie in die gleiche Richtung und wand sich in scharfem Ton an den Jungen.
»Greg Haport. Wir werden uns morgen weiter unterhalten. Um acht Uhr in meinem Zimmer.«
Dann wandte sie sich wieder an Roy. »Es tut mir Leid, Roy, aber ich muss mich jetzt um andere Dinge kümmern. Irgendjemand hat einen falschen Traum an Spartakus geschickt, einen sehr beunruhigenden Traum. Irgendjemand – ich kann mir schon denken, wer es war – hat falsch geträumelt, obwohl es verboten ist. Ich werde jetzt selber den Schaden beheben müssen.«
Sie winkte einem Mädchen zu, das nicht weit entfernt von ihnen stand und Roy schon die ganze Zeit seltsam anlächelte.
»Romi wird euch zeigen, wo ihr heute Nacht schlafen werdet, und morgen lernt ihr die Schule Rapperpotz kennen.«
Mit diesen Worten warf sich Morella einen goldenen Mantel über, murmelte ein paar unverständliche Worte und verschwand.
Neugierig begann sich Roy umzuschauen. Als er dabei noch einmal zur Seite schaute, sah er zufällig, wie Greg ihn mit grimmigem Blick musterte, sich dann umdrehte und mit zwei anderen Jungen im Haus verschwand. Im selben Augenblick zog ihn jemand am Ärmel.
»Lass dich bloß nicht mit dem ein, Roy!«, sagte das Mädchen Romi.
»Was?«
»Greg Haport. Lass dich ja nicht mit dem ein. Wie ich hörte,
hat er die Schule Rapperpotz schon oft in Schwierigkeiten gebracht.« Sie lächelte und zog Roy noch stärker am Arm. »Ich freue mich so, dass du wieder da bist. Kennst du mich denn noch?«
Roy kannte dieses nette und wunderschöne Mädchen zwar nicht, doch spürte er sofort eine enge Vertrautheit, die ihm sehr gefiel. Deshalb antwortete er ihr freundlich: »Ja, irgendwie schon. Es ist nur …«
Racket half ihm. »Er kann sich an nichts erinnern, Romi. Lass ihm noch ein bisschen Zeit.«
»Hm«, stöhnte Romi enttäuscht, doch fand sie ihre gute Laune gleich wieder. »Dann lass uns zusammen ins Schloss gehen. Du wirst dich sicher bald wieder an mich erinnern.«
Romi führte die beiden ins Schlossinnere und zeigte ihnen ihre Zimmer. »Hier werden wir schlafen. Ich hoffe, für längere Zeit. Wir müssen gut aufpassen in den nächsten drei Tagen. Am vierten Tag ist die Aufnahmeprüfung, und wie ich hörte, ist die ganz besonders schwer hier in Rapperpotz«.
»Erinnere mich bloß nicht daran!«, stöhnte Racket.
Roy war zu müde, um sich genauer in dem Zimmer umzusehen. Sobald er sich die Zähne geputzt und sich gewaschen hatte, fiel er ins Bett, zog sich seine Decke weit über den Kopf und schlief sofort ein.

Februar 2004
© 2004 Tiras Rapkeve
Alle Rechte liegen beim Autor
ISBN: 300012487X
tiras-rapkeve@gmx.net
www.traeumeschenken.com


Einstell-Datum: 2004-04-12

Hinweis: Dieser Artikel spiegelt die Meinung seines Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung der Betreiber von versalia.de übereinstimmen.

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