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Rezensionen


 
Josef Hermann Engelke - Das Pferd im See
Buchinformation
Engelke, Josef Hermann - Das Pferd im See bestellen
Engelke, Josef Hermann:
Das Pferd im See

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(Bücher frei Haus)

Der Leda Verlag hat das literarische Werk des Journalisten und Schriftstellers (28.2.1918 – 3.12.1962) posthum heraus gebracht und stellt es in vorliegender Komplexität erstmals der Öffentlichkeit vor. Zusammengestellt und nach Themenbereichen aufbereitet wurde es von seinem Sohn, Kai Engelke, dem Maler, Sprachsteller und Musiker aus dem Emsland.

„Biographische Daten“ hat der Sohn dem Vater als Nachklang beigefügt sowie eine „editorische Nachbemerkung“. Sehr aufschlussreich für den Leser dürfte das Nachwort aus der Feder Kai Engelkes sein, das eigentlich ein „Vorwort“ ist.

Der Sohn begegnet dem Vater, dessen Eigenarten und Besonderheiten, seinem Wesenhaften, eigentlich aus dessen literarischem Nachlass; hat er doch zu dessen Lebzeiten nicht viel über ihn erfahren. Aus familiären Gründen, vor allem aber bedingt durch berufliche Notwendigkeiten, die der Vater zu erfüllen hatte, kann sich der Sohn nicht an eine normale Vater-Sohn – Beziehung erinnern.

Zitiere ich den Sohn:

„Sepp Engelke“ schrieb zwischen 1940 und 1962. Das waren die Jahre der Weltkatastrophe und der kleinen Hoffnungen danach. Nun verstummen nach und nach die Stimmen dieser Zeit. Sepp Engelkes Stimme bleibt bestehen, wir haben seine Geschichten, Gedichte und Lieder.“

Das Cover von Rainer Schorm zeigt eine Fotocollage auf Hochglanzkarton:

die in grau gehaltene Handschrift des Autors zerfließt in einem See. Unterlegt ist ein Seitprofil-Porträtfoto J.H. Engelkes, das sich ebenfalls im Wasser aufzulösen scheint;. Aus dem Wasser ragt der Kopf eines geflügelten braunen Holzsteckenpferdes als Sinnbild des Pegasus, dem Schutzpatron der Poeten; rechts daneben in roter Typografie: „Das Pferd im See“. Grau und rot – die Farben der „Neuen deutschen Jungenschaft“.

Die Rückseite zeigt ebenfalls eine handschriftliche Aufzeichnung des Autors, darüber eingeblendet ein Presseausweis und zwei Fotos des Autors sowie ein „Klappentext“ von Kai Engelke in roter Schreibmaschinenschrift und ein „Patch“ der „Neuen Deutschen Jungenschaft“ – hervorgegangen aus der „Bündischen Jugend“ – ein stilisierter Falke über drei Wellen“. Damit wird auf das Wirken des Autors als ehemaliger Bundesführer dieser Nachkriegs - Jugendorganisation Bezug genommen.

Dies steht u.a. deshalb so ausführlich hier, weil der Covergestaltung viel zu wenig Bedeutung beigemessen wird. Beim vorliegenden Buch stimmen Symbolcharakter des Covers mit dem Wesentlichen des Inhaltes überein. Darüber hinaus ist das Handwerk gut. Bei weniger bekannten Autoren wird der Käufer durch die äußere Gestaltung und den Buchtitel dazu angeregt, überhaupt den Klappentext zu lesen es sei denn er sucht gezielt nach einem bestimmten Buch.

Den Texten des Autors voran gestellt ist der Liedtext in englischer Sprache: „Scraps of Paper“ (Papierschnitzel) von Eric Bogle, dessen copyrights von Larrikin Music, Sydney, vertreten werden und eine Widmung:

„Mein Vater hätte dieses Buch meiner Mutter Robin Mück-Engelke gewidmet“.

Bevor Teil 1 – Gedichte und Lieder unter „Frühlingswinde wehen“ beginnt, kommt noch Hein Kröher zu Wort:

„Wie frischer Salat im Winter“, und Kröher erinnert sich an den Liedtexter Sepp Engelke, dem er nie persönlich begegnete, aus der Zeit der „Zundelbrüder der deutschen Jungenschaft“. Er beschreibt u.a. das „Faszinosum“ an „Jooschen Engelke“, nämlich die aus „dem Montenegrinischen ins Deutsche übertragenen Lieder“, die „in ihrer Poesie die überkommene Reimkunst unserer Liedertexte sprengen und zu jenen Kleinodien gehören, die einer Generation das Weitermachen nach dem Zweiten Weltkrieg ermöglichten..“

Und nun, da sich allerlei literarische Prominenz zusammengefunden hat, über den Dichter und Schriftsteller und Liedertexter , Journalisten, Starreporter und Romantiker Zeugnis abzulegen, ist dem in die Jahre gekommenen Kunstmeister – also mir – die Ehre zuteil geworden, die Rezension zu dem Gesamtwerk Josef Hermann Engelkes zu schreiben. Leider bin ich in diesem konkreten „Fall“ nicht unvoreingenommen, fand doch die Uraufführung des „erlesenen Konzertes“ - „Ein Pferd im See“ mit Kai Engelke (Text)und Günter Gall (Gitarre und Gesang) ausgerechnet im Labyrinth-Forum des Ostrhauderfehner Joseph-Beuys- Gedächtnis-Gartens statt, zu dem auch das Verleger – Ehepaar Heike und Peter Gerdes (Leda-Verlag) als Gäste erschienen waren:

Ob ein Projekt etwas Großes wird oder sich als Irrlicht in den epochialen Erscheinungen des Zeitgeistes totläuft, hängt doch sehr vom zufälligen oder gewollten Aufeinandertreffen verschiedener kreativer Kräfte ab...letztlich vom Leser selbst.

Jedenfalls war nicht ein Besucher vor Ort, der sich der Wirkung der Texte, der Rezitationskunst Kai Engelkes, dem musikalischen Vortrag und der mystischen Umgebung samt brennenden Ölfunzeln und qualmenden Baumstumpffeuern entziehen konnte. Sepp Engelke hätte das Arrangement sicher sehr gefreut.

Beginne ich also mit dem Teil „Frühlingswinde wehen“ und zitiere Auszüge aus

„Mein kleines Feuer, sieh, ich breche Zweige“

„Mein kleines Feuer, sieh, ich breche Zweige
und lege Reis um Reis zu deiner Glut“

und an anderer Stelle:

„Und einmal wird die Stunde nahn,
ob auch die Linden hoch in Blüte stehn,
dann haben wir die Augen zugetan
und unsre lodernden Gebärden
und alles Licht und Glut und Glanz vergehn.“

Dieses in Auszügen wiedergegebene Gedicht schrieb J. H. Engelke mit 24 Jahren!

Ein Jahr später (1942) schrieb er „Manche Tage“, einen Reim- Vierzeiler in dreifüßigen Jamben (Auszug):

„...Wie der Mann im Winde
baumelt hin und her,
spürt er gar der Linde
süßen Duft nicht mehr...“

Aus dem Jahr 1944, der Krieg neigte sich mehr und mehr den Verlusten zu, stammt der reimlose Vierfüßer (Auszug):

„...Und es trommelt nicht die Trommel
und es weht nicht mehr die Fahne
und wir ziehn die weiße Straße
all die Tage, all die Nächte ...

Engelke beherrschte alle „Versfüße dieser Welt“,

das Reimgedicht und das nicht reimende Gedicht, das wir landläufig mit „lyrische Dichtung“ bezeichnen.

Unter „Ohne Dach und Zelt“ ist zu lesen:

Auszug:

„Und einmal schien die Sonne schon
am frühen Morgen schön wie Gold.
Da gingen wir mit unserem schweren Schritt,
wie Bären brummend, lustig durch den Wald“

an anderer Stelle im selben Gedicht:

„Da traf es uns wie Blitz und Krach!
Jawohl, mein lieber Kerl!
Wie Blitz und Krach! Da lagen wir!
Wie nur ein Schatten fallen mag!

Der Romantiker Engelke hat sehr genau beobachtet und seine Wahrnehmungen vorsichtig kritisch während der Kriegsjahre niedergeschrieben wie etwa in dem Gedicht:

„Auf der Brücke bei Nowgorod“

„Hüpfe, kleiner Frosch,
hurtig vom Stege.
Es geht seiner Wege
doch manch grober Schuh“

Verlasse das Gehege
der Menschen. Bewege
dich wieder dem Schilf,
der Mutter zu.“

Fast sarkastisch muten die Todesahnungen Engelkes an, die er während des Kriegsjahres 1940 niederschrieb:

Auszug:

„Toten Neger sah ich liegen,
der war zu christlichem Tun bekehrt,
da hatten seiner Nase die Fliegen
ein trauriges Ende beschert“

etwas weiter heißt es:

„Eine Ameise kam den Weg herunter
o Tag der kleinen Sorgen!-
tauchte sie heute im Neger unter,
blieb ihr das Pferd noch für morgen.

Seht, solch kleine Kreatur
Wird nicht bald verderben!
Es nagt der Wurm, es tickt die Uhr-
Der Neger, das Pferd und ich und du,
wir müssen alle sterben!“

Aus den romantischen Gedichten werden Texte, die vom Grauen des Krieges berichten und von Todesahnungen:

1942 schrieb Engelke folgende Zeilen:

„Still im Grase liegen
darf ich nun
und nach vielen Siegen
endlich ruhn -
in den Himmel schwingen
hoch hinein
und den fernsten Dingen
nahe sein“

Das ist auch die Inschrift auf seinem Grabstein...

Hin und wieder eingeschoben in die Buchseiten: handschriftliche Originale, Bänkellieder und Balladen, aber auch Kurzweiliges, an Ringelnatz erinnernd :

„Mysterium“

„Maus geht aus.
Wohin geht Maus
Mal um Ecke
In ander Haus.

Licht geht aus
Wohin geht Licht?
Auch um Ecke?-
Weiß man nicht.“

Um die einhundert Gedichte erzählen von hoffnungsvoller Romantik, Kriegserlebnissen und der Nachkriegszeit, werden zu Zeitzeugen jener verhängnisvollen Epoche, dem Wahnsinn des Krieges.

Im Teil 2 – „Erzählungen“

Dreißig Erzählungen in Prosa schließen sich an, zuweilen skurril, absurd, mystisch oder als schockierende Satire verfasst. Der Leser stößt alsbald zur Seite 148 vor und erfährt die „Geschichte vom Pferd im See“, nach welcher das Buch benannt ist: ein Kriegserlebnis, in dem der Autor in einem See schwimmend einem Pferd begegnet, das ihm später das Leben rettet.

Die grauenvolle Fratze des Krieges wird u.a. mit der Erzählung „Ein Korb voll Füße“ belegt. Verstärkt werden die Schilderungen schlimmer Erlebnisse durch die Erzählweise Engelkes, an dieser Stelle mit bitterer Ironie.

Auszug:

„Der Chirurg war ein schneller und offenbar tüchtiger Arbeiter. Er bewegte sich wie an einer Hobelbank, ging mit Messern, Zangen, Scheren, Sägen und dergleichen auf die menschlichen Gliedmaßen los, als handele es sich um Stuhlbeine oder Türpfosten. Wer ihm zusah, gewann Zuversicht und Vertrauen...“

Wer Ephraim Kishons Erzählungen liebt, wird Freude an der „Spinne am Abend“ empfinden und die Ambivalenz fraulicher Empfindungen nachzuvollziehen versuchen – als männlicher Leser wahrscheinlich vergeblich...

Was ist das Besondere an diesem Buch?

Das erzählende und dichtende Multitalent
„Sepp Engelke“ wird – wie schon ausgeführt – der Nachwelt enthalten, einer, der die Sprache in allen Variationen beherrschte, mit ihr spielte und durch sie zum literarischen Zeitzeugen der Kriegs- und Nachkriegsjahre wurde, als ein Romantiker, Abenteurer und Draufgänger.

Aber auch ein „Seelenwanderer“ auf den Spuren eines skurrilen Weltgefüges, das ihn während seines viel zu kurzen Lebens Einblick in die Widersprüchlichkeit menschlichen Umtriebes und der damals bestimmenden Mächte bot; einem Zeitgeschehen, dem er möglicherweise nur durch seine Fähigkeit zu schreiben einigermaßen unbeschadet an seiner Seele entrinnen konnte.


Josef Hermann Engelke: Das Pferd im See, erschienen 2005 im Leda-Verlag, Leer, 256 Seiten – ISBN 3-934927-55-6 Preis: 11,90 €

[*] Diese Rezension schrieb: Hartmut T. Reliwette (2005-02-04)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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